"Am liebsten würde ich mit Natascha eine gemeinsame Urlaubsreise unternehmen, damit sie ihre Jugend nachholen kann!" - Das ist der sehnlichste Wunsch, den die Mutter des Entführungsopfers beim "Krone"- Gespräch äußert. Zwei Autostunden von Wien entfernt, verbringt die 56- Jährige derzeit mit ihren fünf Enkerln eine "Erholungswoche" auf einem Bauernhof.
Brigitta Sirny versteht nicht, weshalb derzeit nur Polizei und Psychologen Zugang zu ihrer 18- jährigen Tochter haben. "Der Kontakt zu Vater oder Mutter wäre bestimmt das Natürlichste!", meint die Mutter und blickt ins Leere. An einen Komplizen des Entführers glaubt die Mutter übrigens nicht: "Das wäre bestimmt zu riskant für ihn gewesen."
Arbeit als Ablenkung
"Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, dass Natascha noch lebt. Um mich abzulenken, hab ich mich nach dem Verschwinden meines Kindes in Arbeit gestürzt und vier Jobs fast gleichzeitig ausgeübt", erinnert sich Mutter Brigitta Sirny an die mehr als 3.000 Tage der Ungewissheit.
Mittlerweile kann die 56- Jährige schon wieder lächeln. Die vor acht Jahren verbitterte und stark verhärmte Frau wirkt heute gelöst. "Innerlich hab ich immer um mein verschwundenes Kind geweint", erinnert sie sich dann an die schrecklichen Jahre der Verzweiflung, "aber jetzt glaub ich an ein glückliches Ende der Tragödie."
"Die Kindheit kann ich mit Natascha zwar nicht mehr erleben, aber vielleicht ihre Jugend", spricht die Mutter dann ihren größten Herzenswunsch aus. Genauso liebevoll, wie sie sich jetzt um ihre fünf Enkerl beim Urlaub am Bauernhof kümmert, will sie später einmal die Jugend mit Natascha nachholen. "Möglicherweise auf einer Reise, auf der uns niemand kennt", scherzt sie dann.
Keine Verabschiedung vor dem Verschwinden
"Während der vielen Jahre hab ich mich immer wieder an den letzten gemeinsamen Augenblick mit Natascha erinnert. Vielleicht war ich am 2. März 1998 zu streng. Das Kind ist ohne Verabschiedung Richtung Schule losgegangen", erinnert sich die Mutter an den schicksalshaften Montag vor mehr als acht Jahren. Damals hatte die Mutter Natascha einen Klaps gegeben, weil die Zehnjährige ihre Brille nicht aufsetzen wollte.
Mittlerweile hat Natasch einen Brief an ihren Vater geschrieben. Darin teilt sie ihrem "Papa" mit, dass es ihr gut gehe und sie ein wenig Ruhe brauche. Am Wochenende will sie deshalb ausrasten, "danach haben wir alle Zeit der Welt". Nach den Befragungen durch die Polizei wünschte sich Natascha in ihrer bescheidenen Art nur eines von den Ermittlern: ein Eis!
Aber auch die Mutter hat jahrelang unter dem plötzlichen Verschwinden ihres Kindes gelitten. "Ich schaffte es nur, indem ich ständig in Behandlung war. Psychologen haben sich um mich gekümmert. Gewusst hat das jedoch niemand", gesteht Brigitta Sirny. "Meinen Schmerz konnte ich nie wirklich zeigen", erzählt sie weiter von den unsagbaren seelischen Qualen. "Am liebsten wäre mir, wenn meine Tochter einen neuen Namen und somit eine neue Identität für ihren Start in ihr zweites Leben bekommen könnte. Denna uch ich wurde immer wieder von fremden Leuten angesprochen und gefragt, ob ich die Mutter von Natascha sei."
Bei einem gemeinsamen Spaziergang durch den nahegelegenen Wald atmet Brigitta Sirny dann kräftig durch. Gerührt blickt sie auf das gestochen scharfe Computerbild Nataschas (Simulation; Quelle: www.anti- kinderporno.de) und sagt: "Ich habe immer gespürt, dass du lebst..."
Von Erich Schönauer und Christoph Budin
Foto: (c) Reinhard Holl