Willkommen
|
Facebook Twitter Google Plus
25.10.2014 - 08:22

"Natascha hat mir ihr Herz ausgeschüttet!"

28.08.2006, 10:37
"Natascha hat mir ihr Herz ausgeschüttet!" (Bild: Andi Schiel)
Foto: Andi Schiel
Sie zitterte, sie fror in ihrem dünnen Kleid. Eine junge Polizistin hüllte Natascha Kampusch in ihre warme Dienstjacke. Damit war das Eis zwischen den beiden Frauen gebrochen. Das Entführungsopfer schüttete Sabine Freudenberger vom Posten Deutsch- Wagram (NÖ) binnen Minuten ihr Herz aus. Und erzählte, was ihr in acht langen Jahren widerfahren war.

"Sie war leichenblass und zitterte am ganzen Körper", so schildert die Polizistin Sabine Freudenberger die erste erschütternde Begegnung mit Natascha Kampusch.

Die 18- Jährige, die acht Jahre in einem dunklen Kellerverlies überstanden hatte, erzählte der Beamtin vom Tag der Entführung, vom Streit mit ihrer Mutter, von den Gedanken, die ihr auf dem Schulweg durch den Kopf gingen. Und davon, dass der Entführer Natascha gezielt ausgesucht haben dürfte. "Wenn nicht an diesem Tag, so wär es an einem anderen passiert", soll Wolfgang Priklopil zur damals Zehnjährigen gesagt haben.

Tagesablauf des Entführungsopfers
Freudenberger: "In den ersten Jahren kannte Natascha den Namen ihres Peinigers nicht." Die Beamtin geht auch davon aus, dass das Mädchen sexuell missbraucht worden ist - "doch das ist ihr nicht bewusst, sie ist der Meinung, es freiwillig gemacht zu haben". Natascha schilderte auch den Tagesablauf in Gefangenschaft: Sie frühstückte mit der Sex- Bestie, musste im Haushalt helfen.

Freunde waren über Priklopils Verhalten verwundert

Nicht nur sein Opfer schirmte Wolfgang Priklopil hermetisch von der Umwelt ab, auch er hatte kaum Kontakte nach außen. Der Ingenieur hatte nur zwei Freunde. Und sogar die wunderten sich über Priklopils seltsames Verhalten gegenüber Frauen. "So wie du dir eine Frau vorstellst, wirst du dir eine basteln müssen", sagte ein Freund vor Jahren zu dem Techniker. Genau das hatte Priklopil mit Natascha auch vor...

Psychologin: Natascha muss sich sicher fühlen

Die anerkannte Psychologin und Stressexpertin Rotraud Perner, die auch viel mit der Polizei zusammenarbeitet, hat sich zu der Tragödie geäußert: "Wichtig ist es jetzt, dass Natascha sich sicher fühlen kann. Sie muss wissen, dass man auf sie aufpasst." Perner weiter: "Sie braucht Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen. Und es sollte ihr ermöglicht werden, ihre Erlebnisse minutiös erzählen zu können. Wenn sie will, auch fünf Mal hintereinander. Nur so kann sich die Seele reinigen."

"Noch ist zu wenig über diesen Fall bekannt. Aber wenn Natascha sexuell missbraucht worden ist, so gibt es gute Chancen, dass diese Wunden wieder heilen. Das Schlimmste ist sicher die Ausweglosigkeit, in der sie sich acht Jahre lang befunden hat."

"Hohe psychische Widerstandskraft"

Die Psychologin: "Natascha Kampusch hat sich in einem ununterbrochenen Kriegszustand befunden, weil sie nie wusste, was passiert, wenn der Täter wieder kommt. Aber Natascha dürfte über eine hohe psychische Widerstandskraft verfügen, die es ihr ermöglicht hat, das Ganze zu überleben, ohne psychotisch zu werden."

"Normale Entwicklung fehlt völlig"

Psychiater Dr. Max Friedrich: "Natascha hat in ihrer Gefangenschaft wichtige Entwicklungsschritte auf dem Weg vom Kind zur jungen Frau nicht vollziehen können. Sie hat ihre Adoleszenz unter extremsten Bedingungen erlebt".

Normale Phänomene der Pubertät wie Streit mit den Eltern, Abnabelung und das Herausbilden von neuen Beziehungsstrukturen fehlen in der Adoleszenz von Natascha völlig. Auch die langsame Entwicklung von intimen Beziehungen war durch die völlige Isolation unmöglich. Etwaige sexuelle Übergriffe haben dem Mädchen weitere Narben in der Seele hinterlassen.

Leidensgeschichte einzigartig

Die Leidensgeschichte von Kampusch ist im europäischen Raum einzigartig. "Uns sind nur ähnliche Berichte aus KZs bekannt, aber sogar dort gab es eine Schicksalgemeinschaft", sagte Friedrich. Die Isolation ist die schlimmste Folter, die man einem Menschen antun kann.

Prinzipiell ist es möglich, die fehlenden Entwicklungsschritte nachzuholen. "Das ist aber ein langer Weg, der behutsam gegangen werden muss", sagte der Psychiater. Besonders in der Anfangsphase sollte Natascha von einer Therapeutin behandelt werden. "Es ist wichtig, dass sie eine weibliche Identifikationsfigur hat", sagte Friedrich.

Von D. Vettermann, Mark Perry und krone.at

Bild (c) Andi Schiel

Drucken
Werbung
Werbung
Werbung
Meistgelesen
Meistkommentiert
Werbung
Angaben gem ECG und MedienGesetz: Medieninhaber, Hersteller und Herausgeber bzw. Diensteanbieter
Krone Multimedia GmbH & Co KG (FBN 189730s; HG Wien) Internetdienste; Muthgasse 2, 1190 Wien
Krone Multimedia © 2014 krone.at | Impressum