Sie könne es sich nicht erklären, woran es liegt, dass so viele EU-Staaten säumig sind, sagte Malmström bei der Präsentation der Studie und zeigte sich enttäuscht. Bei der Verabschiedung der Richtlinie seien die Staaten sehr schnell und aktiv gewesen, die Umsetzung stocke aber womöglich aus bürokratischen Gründen.
"Es ist schwer vorstellbar, dass in unseren freien und demokratischen EU-Ländern Zehntausenden Menschen die Freiheit entzogen wird, dass sie gehandelt werden wie Waren", hatte die Kommissarin gegenüber der deutschen Zeitung "Welt am Sonntag" am Vortag gemeint. "Doch das ist die traurige Wahrheit: Menschenhandel ist überall um uns herum, näher als wir denken."
Sollten die säumigen Staaten die Umsetzung in nationales Recht weiter hinauszögern, werde sie auf jeden Fall nicht zögern, entsprechende Maßnahmen (Vertragsverletzungsverfahren, Anm.) zu ergreifen, betonte Malmström am Montag.
Umsetzung in Österreich dürfte bald erfolgen
Angesichts der Kritik aus Brüssel merkte Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt, an, dass die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen in Österreich schon bald beschlossen würden, es sei nur mehr eine Frage der Zeit.
Unabhängig davon sah der Experte die heimischen Anstrengungen zur Bekämpfung des Menschenhandels auf einem guten Weg: "Wir identifizieren mehr Opfer." Dabei liege dieser Umstand nicht daran, dass sich mehr Opfer melden würden - die Angst der Opfer vor der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden scheint ungebrochen. Doch dieses Dilemma will Tatzgern umgehen, indem "wir inhaltlich weg vom Personalbeweis verstärkt hin zum Sachbeweis kommen", erläuterte er. Klinisch-forensische Untersuchungen könnten oft den Verdacht, dass man es mit einem Opfer von Menschenhändlern zu tun hat, objektivieren, ohne dass die betroffene Person ausgesagt hat.
Prostitution als eines der Hauptprobleme
Eines der Hauptprobleme ist nach wie vor die Prostitution. Rund 6.000 Sexarbeiterinnen gehen in Österreich offiziell ihrem Gewerbe nach, dazu kommt eine ganze Reihe illegal tätiger Prostituierter. Nach Schätzungen dürfte es hierzulande insgesamt 10.000 Sexarbeiterinnen geben. Dabei gilt Tatzgern zufolge nicht die Formel, dass illegale Prostituierte Opfer von Menschenhandel sind, registrierte aber nicht. "Wir haben Frauen, die jede Woche zur Kontrolle gehen. Zum Beispiel gibt es viele Nigerianerinnen, die offiziell dem Job nachgehen. Ich würde sagen, das sind alles Opfer."
Opferzahl zwischen 2008 und 2010 um 18 Prozent gestiegen
Die von Brüssel angestrebte Richtlinie soll helfen, Menschenhandel effektiver zu bekämpfen und die Rechte der Opfer zu stärken. Bisher haben das EU-Recht erst Tschechien, Lettland, Finnland, Ungarn, Polen und Schweden vollständig in ihre nationalen Gesetze implementiert. Belgien, Lettland und Slowenien haben zumindest Teile davon in nationales Recht verankert. Die ursprüngliche Frist dafür ist am 6. April abgelaufen.
Der EU-Studie zufolge ist die offizielle Zahl der Opfer von Menschenhandel zwischen 2008 und 2010 um 18 Prozent gestiegen. Die Zahl der verurteilten Menschenhändler sei dagegen in den Berichtsjahren um 13 Prozent gesunken.
Mehrheit der menschlichen Ware ist weiblich
Insgesamt wurden innerhalb der EU offiziell 23.632 Opfer von Menschenhandel registriert. 68 Prozent waren Frauen, zwölf Prozent Mädchen, 17 Prozent Männer und drei Prozent Buben. Zwei von drei Betroffenen wurden demnach zur Prostitution gezwungen. Andere wurden als Arbeitskräfte ausgebeutet, zu Straftaten gezwungen oder dazu, sich ein Organ entnehmen zu lassen. 61 Prozent der Opfer stammen aus EU-Ländern, vor allem aus Rumänien und Bulgarien, gefolgt von Afrika und Südamerika.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.