"Reine PR-Aktion"

Kindesmissbrauch: Runder Tisch erntet scharfe Kritik

Österreich
13.04.2010 19:30
Keine konkreten Ergebnisse hat am Dienstag der Runde Tisch zum Thema Kindesmissbrauch gebracht. Die rund 30 Experten forderten etwa eine bessere Vernetzung der Institutionen sowie eine das Thema betreffende "sensiblere" Ausbildung von Pädagogen. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie bezeichnete den Round Table, der sich nur mit Prävention befasse und nichts für die bisherigen Opfer bringe, als "reine PR-Aktion" und sparte auch nicht mit heftiger Kritik an der Kirche.

Familienstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) und Justizministerin Claudia Bandion-Ortner luden im Familienministerium Fachleute aus allen betroffenen Bereichen, darunter auch den bekannten Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich (re. im Bild), zum Runden Tisch. Die Experten haben dabei drei Stunden lang über Möglichkeiten diskutiert, wie Kindesmissbrauch einzudämmen beziehungsweise zu verhindern ist. "Wir brauchen das Rad nicht neu erfinden", man könne auf vorhandene Standards aufbauen, stellte Marek fest. Eine Maßnahme sei etwa die Aufklärung von Eltern und Kindern, denn "aufgeklärte Kinder sagen schneller Nein".

Der vielleicht konkreteste Vorschlag umfasste die Aus- und Weiterbildung von pädagogischem Personal, der mit Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) besprochen werden soll. Künftig sollte etwa in der Ausbildung zumindest eine Semesterwochenstunde der Sensibilisierung für das Thema Kindesmissbrauch gewidmet werden, schlug Marek vor. Auch bei den bereits tätigen Pädagogen soll hier in der Fortbildung um fünf Stunden aufgestockt werden.

Friedrich: "Wir brauchen Geld, Geld und noch mal Geld"
Friedrich fasste die Vorschläge zusammen: "Wir leben in einem reichen Land, für den Schutz der Kinder brauchen wir aber Geld, Geld und noch mal Geld." Laut Marek sind die Mittel für die Hilfseinrichtungen derzeit "gesichert". Mit dem Round Table sei auch der Startschuss für Gespräche mit den anderen Ressorts gefallen. Zuerst müsse man definieren, welche Maßnahmen umzusetzen sind, und dies im Bewusstsein der budgetären Situation. Bandion-Ortner möchte in jeder Staatsanwaltschaft einen Ankläger als Anlaufstelle für Missbrauchsfragen installiert wissen.

Den runden Tisch in dieser Form wird es nicht mehr geben. Stattdessen soll ein Expertengremium beim Familienministerium eingerichtet werden, das sich im Mai zum ersten Mal zusammensetzen soll. Ziel sei es, die Zusammenarbeit aller betroffenen Stellen zu verbessern. Diskutiert werden sollen auch etwa verbindliche Standards für Kinderschutzgruppen oder der flächendeckende Einsatz von Screenings. Eingeladen werden zu diesem Gremium etwa Vertreter des Gesundheitsministeriums, des Justizressorts, des Bundeskanzleramts (was den Datenschutz betrifft), der Ärztekammer, des Hauptverbands der Sozialversicherungen und auch Kinderschutzgruppen. Marek wies auch darauf hin, dass die bestehende Hotline der Initiative "Die Möwe" (Tel. 0800/808088) ausgeweitet wird.

Psychotherapeuten-Kritik an Round Table und Kirche
Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) hat den Round Table bereits im Vorfeld als völlig unzureichend kritisiert und sich mit einem ganzen Bündel an Forderungen für eine professionelle Opferhilfe an die Öffentlichkeit gewandt.

Die Expertenrunde im Familienministerium würde sich primär mit der Prävention befassen. "Das heißt auch, dass man nicht zurückblickt und die Opfer selber zurechtkommen sollten", meinte ÖBVP-Anwältin Eva Plaz. Sie sprach von einer "reinen PR-Aktion, während in Wirklichkeit nichts für die damaligen Opfer getan wird". Ärgerlich und wütend zeigte sich der Psychotherapeut und Mitinitiator der "Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt", Manfred Deiser, darüber, dass keine Opfervertreter zum Runden Tisch eingeladen wurden.

Und Opfer gäbe es genug: Mittlerweile seien fast 700 Verdachtsfälle registriert, betonte die Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie, Eva Mückstein. Jahrzehntelang verdrängte Erinnerungen würden durch die Diskussion nun wieder hervorbrechen. Es sei enorm wichtig, dass die Betroffenen sich an eine unabhängige Stelle wenden könnten und dort von Experten betreut werden. Zu groß sei das Risiko einer erneuten Traumatisierung. Für diesen Prozess brauche es auch die entsprechenden finanziellen Mittel.

Deiser forderte deshalb die Einrichtung eines von der Kirche gespeisten Opferfonds. Damit könnte etwa die Psychotherapie bezahlt werden, "damit die Wunden, wenn sie schon nicht geheilt werden, so doch überwachsen könnten". Alle Täter aus der Priesterschaft müssten sofort alle Ämter zurücklegen. Und die guten Männer in der Kirche sollten sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, damit sich die Vorfälle nicht wiederholen könnten. "Es darf keine privilegierten Täter geben - alle müssten zur Verantwortung gezogen werden", forderte der Schadensersatzexperte Werner Schostal. Es könne nicht angehen, dass Täter wieder in kirchlichen Strukturen eingesetzt werden, wo sie neuerlich Kontakt mit Kindern haben.

"Die Kirche betreibt Schadensbegrenzung - für sich selbst"
"Die Kirche beschäftigt sich mit Schadensbegrenzung - für sich selbst", sagte Plaz. Waltraud Klasnic, die von Kardinal Christoph Schönborn eingesetzte Opferanwältin für die Missbrauchsfälle in der Kirche, sei ohne Kompetenzen in der Opfer- oder Täterarbeit und werde bald heillos überfordert sein. "Sie hat angekündigt, mit den Opfern reden zu wollen - ohne Ausbildung droht eine Retraumatisierung", warnte die Expertin. Klasnic sei von der Kirche bestimmt, diese bezahle und bekommt die Ergebnisse - und behält somit die Kontrolle. "Interessant, dass man es wagt, das unabhängig zu nennen."

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