Laut dem UNO-Kinderhilfswerk UNICEF liegt Österreich in einem Ranking von 21 Staaten nur an 14. Stelle, in einer Rangliste der OECD unter 30 Staaten sogar nur auf Platz 27. Bei Tabak- und Alkoholmissbrauch sowie Mobbing in der Schule sei die Alpenrepublik traurige Spitze. "Oft wird behauptet, Österreich habe das beste Gesundheitswesen der Welt. Allerdings gilt das nicht für den Bereich Kinder und Jugendliche. Die Diskrepanz ist alarmierend und unverständlich", betonte Klaus Vavrik, Kinderarzt und Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.
Kein einziges Rehab-Zentrum
Was der Experte mit Verweis auf den Bericht auflistete, hat es in sich: "Es gibt monatelange Wartezeiten auf Therapien. Es gibt Kontingentierungen. Es gibt in Österreich 7.000 Rehabilitationsplätze für Erwachsene, aber keine Spezialabteilung für Kinder. Kinder und Jugendliche haben einen Anteil an der Bevölkerung von 19 Prozent, aber der Anteil an den Gesundheitsausgaben für sie beträgt nur sieben Prozent." 100.000 Kinder würden in manifester Armut leben - für sie und viele andere wären Therapieangebote auf privater Basis oder mit zunehmenden Selbstbehalten unerreichbar. Vavrik: "In Deutschland sind alle Therapien für Kinder kostenlos."
Spitzenstellung beim Rauchen
Beim Rauchen (Anteil der 15-Jährigen, die mindestens zweimal pro Woche zur Zigarette greifen), beim Alkohol (Anteil der 13- bis 15-Jährigen, die schon mindestens zweimal betrunken waren) und bei den Suiziden (9,5 pro 100.000 in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen) nimmt Österreich in einem OECD-Vergleich mit 30 Staaten jeweils eine Stellung in der vordersten Reihe ein - beim Rauchen gar die Spitzenstellung (siehe dazu auch Story in der Infobox).
"Schikanöser Behördendschungel"
Doch das Gesundheitswesen in Österreich scheint gerade die gesundheitlichen und sozialen Probleme der Kinder und Jugendlichen zu negieren. Irene Promussas, Pharmazeutin, Vorsitzende des Eltern- und Selbsthilfebeirats der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, selbst Mutter eines behinderten und eines nicht behinderten Kindes: "Aus Sicht der Betroffenen gibt es die Zwei-Klassen-Medizin schon lange. Kinder mit chronischen Erkrankungen, seltenen Erkrankungen und Kinder mit Migrationshintergrund kommen schwer an Gesundheitsleistungen heran. Der Behördendschungel wird als schikanös erlebt."
Die grüne Jugendsprecherin Tanja Windbüchler-Souschill forderte besser geförderte Präventionsarbeit punkto Tabak- und Alkoholkonsum, adäquate Kontrollen der Jugendschutzbestimmungen und die Realisierung des "längst überfälligen Bundesjugendschutzgesetzes". Gesundheitssprecher Kurt Grünewald verlangte kostenfreie Therapien und mehr stationäre Plätze für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche.
Auch der Berufsverband Österreichischer Psychologen wiederholte seine jahrelange Forderung nach einer klinisch-psychologischen Behandlung auf Krankenschein. Es gebe zu wenige Betreuungsplätze und viel zu lange Wartezeiten, kritisierte Präsidentin Ulla Konrad. Um Entwicklungsstörungen rechtzeitig zu entdecken, müsste die klinisch-psychologische Diagnostik in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen werden. Weiters sei ein vermehrter Einsatz von Schulpsychologen dringend notwendig. Sinnvoll wäre laut Konrad auch ein Elterncoaching.
Stöger: "Insgesamt gute Versorgung"
Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) hat sich gegen die scharfe Kritik an der heimischen Kinder- und Jugendgesundheit zu Wehr gesetzt. "Insgesamt haben wir eine gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen", hob er am Donnerstag hervor. Nachholbedarf und Verbesserungspotenzial in einzelnen Bereichen, wie im medizinischen Sektor, räumte er aber ein.
Dass Österreich in einzelnen Punkten wie bei Tabak- oder Alkoholkonsum an letzter Stelle stehe, beurteilte er skeptisch: Dabei stelle sich die Frage, was bzw. wer verglichen worden sei. "Bezüglich Alkohol und Alkoholmissbrauch gibt es keine Maßnahme, die wir nicht setzen." Grundsätzlich gibt es laut Stöger zwei bis drei "elementare Probleme": mangelnde Bewegung, der generelle Zugang zum Thema Ernährung und Drucksituationen, denen Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag ausgesetzt sind.
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