Der 44- Jährige führte ein „sauberes“, geordnetes Leben: ein Fachmann im Job, ein penibler Spezialist, seit Jahren schon beschäftigt als Nachrichtentechniker in einer Firma. Und auch zu Hause, in der Bunker- Villa in Strasshof, immer alles geordnet, einwandfrei.
Ein Perfektionist, durch und durch. Voll grauenhafter Fleißigkeit, um die dunkle Seite seiner Seele vor sich und seiner Umwelt zu verbergen. Tag für Tag arbeitete Wolfgang Priklopil an dem Haus, das er zur Festung umgebaut hatte. Mauern wurden abgerissen, aufgebaut, umgebaut.
Eine Genauigkeit, die auch den Alltag prägte - eine Nachbarin: „Er konnte fuchsteufelswild werden, wenn ein Autofahrer sein Fahrzeug falsch parkte. Da erstattete er immer sofort Anzeige bei der Polizei.“ Zugleich aber war der Nachrichtentechniker auch ein Störenfried; einer, der zum Spaß auf Tauben und Vögel schoss und den Rasen immer zu Mittag mähte. Damit die Nachbarn schön in ihrer Ruhe gestört würden. Ein Provokateur, sehr kontaktscheu, mit einer panischen Angst vor Hunden. Nachbarin Charlotte S. (69): „Kaum sah er meine Hunde, schrie er sofort los, dass die Tiere verschwinden sollen.“
„Menschen, die sich keine Fehler leisten,
wollen ihre dunkle Seite verstecken!“
Und auch als die dunklen Schatten seiner Seele immer mehr von ihm Besitz nahmen, blieb er weiter gründlich. In seinen abnormen Gedankenspielen von der „eigenen Prinzessin“, plante er selbst das Verlies für Natascha sehr sorgfältig. Eine Bestie in Menschengestalt, getrieben von absurden Visionen. Die bekannte Psychoanalytikerin Rotraud Perner: „Typische Symptome eines Missbrauchstäters. Unendlich darauf bedacht, nach außen die Fassade der Unantastbarkeit zu liefern. Menschen, die sich keine Fehler leisten, wollen ihre dunkle Seite verstecken. Vor sich selbst, aber auch, um die Umwelt zu täuschen.“
Wolfgang Priklopil, der Mann, der Natascha auf dem Gewissen hat - er blieb selbst nach der Entführung der Schülerin zuverlässig. Immer darauf bedacht, allen den Eindruck eines alleinstehenden Mannes zu vermitteln. Eine makellose Haltung, in ihrer abgründigen Hinterlist perfekt: Selbst bei der Müllentsorgung achtete er immer darauf, nur den Mist eines Ein- Personen- Haushaltes zu entsorgen. Damit nur niemand das Versteck, dieses düstere Verlies, „seiner“ Natascha entdecken könnte. Wolfgang Priklopil, ein Gefangener der eigenen Seele und gerade deshalb so gefährlich.
„Ein hochgradig sadistischer Täter!“
Der berühmte Kriminalpsychologe Thomas Müller: „Ein hochgradig sadistischer Täter, der alles darauf auslegt, um einen Sklaven zu halten. Einen willfährigen Gefangenen, über den er die totale Kontrolle haben will.“ Eine Herrschaft, auch über Leben und Tod: Aber Natascha, die „kleine Prinzessin“, sie ist dieser Hölle entkommen. Für immer und ewig, eine Fügung.
Von Alexandra Wehner, Mark Perry und Klaus Loibnegger