Häusliche Gewalt sei kein einmaliges Erlebnis, "sondern ein System an Misshandlungen, das auf Macht und Kontrolle abzielt", erklärte Berzlanovich bei den Ärztetagen in Grado (Italien). "Fast zehn Mal am Tag rückt in Wien die Polizei aus, um Frauen und Kinder vor ihren (Ex-)Partnern oder Vätern zu schützen. Österreichweit sind es 21 Fälle pro Tag." 2012 kam es zu 7.647 Verhängungen von Wegweisungen und/oder Betretungsverboten durch die Behörde.
Zudem ereignen sich rund zwei Drittel aller Morde in Österreich im Familien- und Bekanntenkreis. "Die Opfer sind vor allem Frauen und Kinder. Die männlichen Partner bzw. Ex-Partner zumeist die Täter. 2010 gab es in Österreich 157 Tötungsdelikte. In 111 Fällen, also mehr als 70 Prozent lagen Tötungsdelikte im familiären Umfeld vor. 96 Prozent der Täter waren Männer, vier Prozent Frauen. Unbekannt ist die Zahl der Suizide infolge familiärer Gewalt", schilderte die Expertin.
"Psychische Gewalt oft gravierender als körperliche Gewalt"
Die Opfer würden aber auch vielfach psychische Gewalt "als viel gravierender als körperliche Gewalt" empfinden. "Es kommen aber auch soziale Gewalt mit sozialer Isolation bis hin zum Einsperren und ökonomische Gewalt mit Arbeitsverbot oder Arbeitszwang, Kontrolle des Einkommens, Verweigerung von Geld oder Wegnehmens des Geldes zum Tragen", so Berzlanovich.
Gewalt im häuslichen Umfeld ist fast nie ein Einzelereignis. Den von den Tätern oft verharmlosenden "Ausrutscher" gibt es äußerst selten. 60 Prozent der weiblichen Gewaltopfer sind mehrere Jahre lang misshandelt worden. 37 Prozent wurden dabei regelmäßig geschlagen, so die Expertin.
Opfer bleiben aus Angst oft viel zu lange bei Partnern
Ein charakteristisches Teilproblem ist das Faktum, dass die Opfer aus Scham, Angst, Befürchtungen wegen allfälliger Konsequenzen für die eigene Person, den Täter oder die gemeinsamen Kinder, viel zu lange warten und leiden, bis sie Hilfe suchen. Die Gerichtsmedizinerin: "Es dauert im Durchschnitt drei bis vier Jahre, bis sich das Opfer vom gewalttätigen Partner lösen kann." In 70 bis 90 Prozent sind in solchen Fällen auch die Kinder von der Gewalt betroffen.
Zwar sehen zwei Drittel der Opfer prinzipiell Ärzte als mögliche primäre Ansprechpersonen an, doch nur in sechs Prozent der Fälle suchen die Opfer bei Medizinern Hilfe. Am häufigsten sind Beratungsinstitutionen und Informationseinrichtungen die ersten Kontaktstellen - oder die Polizei.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.