Ein ehemaliger Mönch habe ihn damals wegen der Aussicht auf den Kirchturm gelockt, erzählte das Opfer am Dienstag im Ö1- Morgenjournal. Dort sei es dann erstmals zum Missbrauch gekommen, sagte er. Damals sei er elf Jahre alt gewesen. "Das war eine Todesangst, ich saß droben, konnte mich nicht rühren, ich konnte mich nur festhalten, und er stand vor mir, er hatte mir in die Hose gegriffen, und dabei hat er sich selbst auch befriedigt." Sechs Jahre lang sei es immer wieder zu Missbräuchen durch diesen und einen anderen Pater gekommen, auch in deren Zellen.
Der Salzburger schilderte auch die Folgen der jahrelangen Missbräuche. Er fürchte sich seither vor Höhlen und Tunnels. Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Depressionen seien weitere Folgen. Aus Scham und wegen des psychischen Drucks durch die Täter habe er erst nach 24 Jahren erstmals über die Vorfälle sprechen können und im Vorjahr die mutmaßlichen Täter mit den Vorwürfen konfrontiert, "und da von ihnen auch das Geständnis erhalten". Einmal sei es unter den Patres sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen, "weil dieser Pater auch mit Leuten aus dem Konvikt Beziehungen begonnen hatte".
Einer von den nun beschuldigten Patres hat den Orden später verlassen, der andere wechselte in Klöster nach Oberösterreich oder Bayern. Die beiden sind laut ORF 2005 in Marokko als Sextouristen festgenommen worden, einer wurde wegen schweren Missbrauchs an minderjährigen Marokkanern auch rechtskräftig verurteilt. Der Zweite wurde nicht verurteilt, er starb vor einem Monat in Bayern.
Der Übergriff durch Becker - damals sei der Salzburger zwölf Jahre alt gewesen - sei bei einem Radausflug in einer Höhle am Untersberg bei der Quelle der Salzburger Wasserleitung erfolgt. "In einer Grotte musste ich mich dann auf seinen Schoß setzen. Er drückte mich an sich, und ich war im Grunde genommen schon von vornherein einmal wehrlos", so der heute 53- Jährige.
Der Erzabt sei dabei laut Prior Korbinian Birnbacher binnen Minuten vom Aufklärer zum Täter geworden. Becker habe von möglichen Übergriffen der beiden anderen Ordensbrüder erfahren und wollte daher mit dem Opfer darüber sprechen. Genau bei dieser Aussprache sei es dann zum Missbrauch gekommen, schilderte Birnbacher am Dienstag bei einem Pressegespräch. Der Erzabt sei als Kind selbst Opfer von sexuellem Missbrauch gewesen. Dies sei im Alter von zehn Jahren geschehen und betraf einen Erwachsenen, der in einer Vertrauensbeziehung zu dem Kind stand. Es war aber keine Person aus dem kirchlichen Umfeld.
Zum Zeitpunkt der Tat gegen den 53- jährigen Salzburger sei er 24 Jahre alt und noch nicht Priester gewesen, hatte Erzabt Becker am Montag in einer Aussendung mitgeteilt. Unmittelbar nach der Tat habe er sich bei dem Buben entschuldigt. Er bedauere auch heute noch diesen Vorfall aufs Tiefste und bitte um Verzeihung.
Die Erzabtei unterstrich in der Mitteilung, es habe "seit diesem bedauerlichen Ereignis und in seiner ganzen seelsorgerischen Tätigkeit von Seiten Beckers keinen einzigen Vorfall dieser Art, weder an dem Betroffenen, noch an anderen Personen, gegeben". Bis vor Kurzem habe es in all den Jahrzehnten auch keinen Kontakt zwischen dem Betroffenen und dem Geistlichen gegeben.
Nach der Wahl von Becker zum Erzabt von St. Peter wandte sich der 53- Jährige im Herbst 2009 über einen Ombudsmann an den Geistlichen. In einem Gespräch am 22. November 2009 in Wien, bei dem auch der Ombudsmann und eine weitere Vertrauensperson des Betroffenen anwesend waren, habe Becker den Mann erneut um Verzeihung für das vor über 40 Jahren Geschehene gebeten und seine aufrichtige Reue zum Ausdruck gebracht, hieß es in der Aussendung.
Etwas anders hingegen die Version des Opfers: Als der Erzabt im November des Vorjahres mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, soll er den Missbrauch eingestanden, einen Rücktritt aber abgelehnt haben. Stattdessen habe er dem Opfer in einem Brief, der dem ORF eigenen Angaben zufolge vorliegt, 5.000 Euro angeboten und ersucht, keine weiteren Schritte mehr zu veranlassen.
Zudem habe habe ein Mann aus Wien, der mit dem Opfer offenbar in Kontakt stand, Anzeige beim Landeskriminalamt Niederösterreich erstattet. Der Fall sei dann der Staatsanwaltschaft Salzburg übermittelt worden, die das Verfahren am 18. Jänner 2010 einstellte, "da das Opfer nicht aussagen wollte", wie Mediensprecherin Barbara Feichtinger am Dienstag mitteilte.
Dass der Erzabt erst jetzt seinen Rücktritt angeboten habe, begründete der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser am Dienstag im Morgenjournal mit internen Beratungen des Klosters und damit, dass er eine Antwort des Betroffenen abgewartet habe. Er selbst habe von den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gegen Becker erst Ende Jänner durch einen Brief des Opfers erfahren. Die Patres kenne er nicht bzw. habe er nie gekannt. Die angebotene Zahlung von 5.000 Euro sei kein Schweigegeld, sondern als Schmerzensgeld gedacht gewesen. "Das wollten wir auch mit dem Betroffenen abklären, wie viel das denn sein kann." Der Erzabt habe ihm auch versichert, dass das der einzige Fall in seinem Leben gewesen sei. "Und ich muss ihm Vertrauen schenken", sagte der Salzburger Oberhirte.
Der angebotene Rücktritt Beckers muss nun formell vom Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation, Abt Christian Haidinger vom Stift Altenburg, angenommen werden, hieß es in einer Aussendung von Kathpress. In der Zwischenzeit übernimmt laut Mitteilung der Prior die Amtsgeschäfte.