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Einer von uns muss sterben

08.09.2010, 17:54
Einer von uns muss sterben (Bild: APA, Verlag List)
Foto: APA, Verlag List
Jahre voller Gewalt, Selbstmordgedanken, neuer Hoffnung und fehlender Kraft für eine Flucht – bis der Tag X da war.

Jahr um Jahr in der Gefangenschaft verstreicht, Priklopils Gewaltausbrüche werden immer schlimmer, er wird "von Woche zu Woche fahriger, seine Paranoia nimmt zu", wie die erschütternden Einträge ihres heimlich geführten Tagebuchs später zeigen sollten. Nichtigkeiten führen zu schweren Misshandlungen, oft sind es Dutzende Schläge an einem einzigen Tag.

Der Umbau am Haus des Entführers mit Natascha als Arbeitssklavin ist abgeschlossen. Natascha ist jetzt 16 Jahre alt. Priklopil gibt seiner Gefangenen immer öfter nichts zu essen – der Umgang mit Hunger wird zur Grenzerfahrung, der Bezug zur Realität geht verloren, Trugbilder prall gefüllter Buffets stellen sich ein, Halluzinationen am Rande des Deliriums.

Zugleich versucht Priklopil jedoch auch, eine nach seinen Wünschen "zurechtgebogene" Natascha zu sich in sein Leben nach oben ins Haus zu holen – er will die "Normalität" eines Zusammenlebens herstellen. Dabei verfehlen jahrelange Einschüchterungen psychischer und physischer Natur ihre Wirkung nicht. Obwohl der Entführer immer unvorsichtiger wird und er sie sogar nackt vor die Türe jagt, scheitert Kampusch an ihrer Angst. Die Welt dort draußen wird ihr zunehmend befremdlicher und furchteinflößender.

Auch beim Einkaufen im Baumarkt oder beim Skifahren auf dem Hochkar bringt sie es nicht zustande, um Hilfe zu schreien. Dennoch bewahrt sich Natascha immer einen Rest an Widerständigkeit – eine tief sitzende Urkraft, die sich letztlich an die Oberfläche freikämpft und ihren Peiniger besiegt.

Als der Tag der Flucht naht, kommt es zum vorentscheidenden Gespräch zwischen den beiden. "Du hast uns in eine Situation gebracht, in der nur einer von uns überleben kann", schreibt Kampusch in ihrem Buch. Und: "Der Täter blickte mich überrascht an, die ganzen Jahre über muss er sich vor diesem einen Augenblick gefürchtet haben. Es ist natürlich, dass ich weg muss, einer von uns muss sterben - entweder du bringst mich um, oder du lässt mich frei."

Priklopils Antwort: "Das werde ich niemals tun, das weißt du genau." Damit ist der Boden insgeheim bereitet. Wochen später, am Vormittag des 23. August 2006, die Entscheidung: Natascha putzt im Garten sein Auto. Als Priklopil sich telefonierend einige Schritte von ihr entfernt, bricht sich ihre innere Kraft Bahn – sie flieht.

Stunden später geht die Meldung um die Welt. Natascha Kampusch lebt, ist frei und hat recht behalten: Einer von ihnen musste sterben – es war jedoch er, der Entführer, und nicht sie, das Opfer. Selbstmord, von einem Zug gerädert.

Im Folgenden die Auszüge aus "3096 Tage":

Dann legte er mir ungeschickt einen Verband an, um die Blutung zu stillen, und sperrte mich im Verlies ein. "Jetzt muss ich die Stiege neu streichen", fuhr er mich noch an, bevor er die Tür verriegelte. Tatsächlich kam er ... mit einem Farbeimer und strich die grauen Betonstufen, auf denen sich hässliche dunkle Flecken abzeichneten.

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Hinzu kam, dass sich unser "Zusammenleben" nicht ganz nach seinen Vorstellungen gestaltete ... eine Phase des zähen Ringens, die sich über die nächsten zwei Jahre meiner Gefangenschaft hinziehen sollte. Eine Phase, in der ich zwischen Depressionen und Selbstmordgedanken auf der einen Seite und der Überzeugung schwankte, dass ich leben wollte und alles bald ein gutes Ende nehmen würde.

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Ich fühlte mich wie ein Soldat, dem man erklärt, dass nach dem Krieg alles gut wird. Macht nichts, dass er zwischendurch ein Bein eingebüßt hat, das gehört einfach dazu ... Du kannst froh sein, dass ich dich gefunden habe, du könntest draußen doch überhaupt nicht leben. Wer würde dich schon wollen. Du musst mir dankbar sein, dass ich dich aufgenommen habe. Mein Krieg fand im Kopf statt. Und der hatte diese Sätze aufgesogen wie ein Schwamm.

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Je älter ich wurde, umso stärker übertrug er mir die ganze Verantwortung für meine Gefangenschaft. Es läge nur an mir, dass er mich schlagen und wegsperren müsste.

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Wenn ich besser kooperieren würde, demütiger und folgsamer wäre, dann könnte ich mit ihm oben im Haus leben. Ich hielt dagegen: "Du bist es doch, der mich eingesperrt hat." ... Aber es schien, als hätte er den Blick für diese Realität schon lange verloren. Und ein Stück weit zog er mich dabei mit.

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Ich hatte Hunger, mein Magen knurrte, langsam bekam ich Krämpfe. Ich hatte etwas Wasser im Verlies, das war alles. Aber das Trinken half nicht mehr. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als ans Essen. Ich hätte alles getan für ein Stück Brot.

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Mein Körper zeigte deutliche Spuren des Essens- und Lichtentzugs. Ich war nur noch Haut und Knochen, auf den Waden zeichneten sich schwarz- blaue Flecken auf meiner weißen Haut ab. Ich weiß nicht, ob sie vom Hunger oder von den langen Zeiten ohne Licht kamen ... wie Leichenflecken.

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23. 8. 2005: Mindestens 60 Schläge ins Gesicht. 10 - 15 Übelkeit verursachende Schläge mit der Faust auf den Kopf, ein Fausthieb mit der flachen brutalen Hand auf den Kopf, ein Fausthieb ... auf mein rechtes Ohr und Kiefer ... Knietritte, ca. 70 Stück, vorwiegend ins Steißbein und auf den Po ... Fausthiebe auf das Rückgrat ... und zwischen die Brüste.

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Dann ging ich ... zur Kochplatte und schaltete sie an. Als sie zu glühen begann, legte ich leere Klorollen und Papier darauf ... und legte mich hin. Das Verlies würde sich mit Rauch füllen, und ich würde ganz sanft wegdämmern, selbstbestimmt, aus einem Leben, das schon lange nicht mehr meines war.

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Wer würde mir schon glauben, einem mageren, verwirrten Teenager, der kaum seine eigene Stimme benutzen konnte? Was würde geschehen, wenn ich mich an einen dieser Männer wenden würde mit dem Satz: "Bitte helfen Sie mir"? Das hat meine Nichte öfter ... sie ist verwirrt, würde Priklopil sagen, und rundherum würde man verständnisvoll nicken.

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Er hat das ein paar Mal gemacht – mich nackt vor die Haustür gestoßen und gesagt: "Lauf doch. Schau, wie weit du kommst." Mit jedem Mal wurde die Welt draußen bedrohlicher. Ich geriet in einen Konflikt ... zwischen meiner Sehnsucht, diese Außenwelt kennen zu lernen, und der Angst vor diesem Schritt.

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Ich hatte über Monate darum gebettelt, kurz ins Freie zu dürfen, und immer wieder bekam ich zu hören: "Was willst du denn, du versäumst nichts, draußen ist es genau so wie hier drinnen. Außerdem schreist du, wenn du draußen bist, und dann muss ich dich umbringen."

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Es kam mir mit einem Mal völlig absurd vor, jemanden um Hilfe zu bitten. Wie in Trance schleppte ich mich durch den Baumarkt. Vorbei, vorbei. Ich hatte meine Chance vertan – vielleicht hatte ich auch nie eine gehabt.

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Der Tag begann wie jeder andere – auf Befehl der Zeitschaltuhr ... als das Licht im Verlies anging und mich aus einem wirren Traum weckte ... Nur ein banges Gefühl blieb haften, dem ich erstaunt nachsann. Tiefe Entschlossenheit. Ich hatte das lange nicht mehr gespürt.

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Dann ging alles sehr schnell ... Die Stimme meines zweiten Ichs hämmerte in meinem Kopf: Wenn du erst gestern entführt worden wärst, würdest du jetzt rennen. Du musst dich jetzt so benehmen, als würdest du den Täter nicht kennen. Er ist ein Fremder. Lauf. Lauf. Verdammt noch mal. Lauf!

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