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Die Chronologie von 1998 bis 2010

16.03.2010, 09:00
Die Chronologie von 1998 bis 2010 (Bild: APA/Matthias Silveri)
Foto: APA/Matthias Silveri
Vor zwölf Jahren wurde Natascha Kampusch als Zehnjährige auf ihrem Schulweg in Wien von Wolfgang Priklopil entführt und mehr als acht Jahre in seinem Keller in einem Haus im niederösterreichischen Strasshof gefangen gehalten. Im August 2006 gelang ihr als junge Frau in einem unbeobachteten Moment die Flucht. Ihr Verschwinden zählt zu den spektakulärsten Fällen der jüngsten österreichischen Kriminalgeschichte. Im Folgenden eine Chronologie des Falls.

2. März 1998: Natascha Kampusch verschwindet in ihrem Wiener Heimatbezirk Donaustadt auf dem Weg zur Schule. Gegen 7.45 Uhr verlässt sie die elterliche Wohnung am Rennbahnweg Richtung Volksschule Brioschiweg. Dort kommt sie jedoch nie an. Als die Zehnjährige am Abend nicht nach Hause kommt, alarmieren ihre Eltern die Polizei.

3. März 1998: Eine Schülerin erzählt der Polizei, dass sie beobachtet hat, wie Kampusch in einen weißen Bus mit Gänserndorfer Kennzeichen gezerrt worden ist.

27. März 1998: Laut Polizei werden 700 weiße Kleinbusse aus Wien und Umgebung und ihre Lenker überprüft. Darunter ist am 6. April auch Priklopil, der - entgegen erster polizeilicher Angaben - kein Alibi vorweisen kann und angibt, den Wagen für Bauarbeiten zu nutzen.

14. April 1998: Ein Hundeführer der Wiener Polizei macht das Sicherheitsbüro auf Priklopil aufmerksam. Der "Eigenbrötler" habe Kontaktprobleme und besitze eventuell Waffen. Außerdem soll er sexuell einen "Hang zu Kindern" haben, warnt der Beamte.

Juli 2002: Der Fall wird einer neuen "SOKO Kampusch", geleitet von der burgenländischen Kriminalabteilung, übergeben.

Juli 2004: Das Bundeskriminalamt lässt auf dem Amtshilfeweg überprüfen, ob es einen Zusammenhang mit den Taten des französischen Serienmörders Michel Fourniret gibt.

23. August 2006: In Strasshof taucht eine junge Frau auf, die behauptet, Kampusch zu sein. Nataschas Eltern identifizieren die junge Frau eindeutig als ihre Tochter. Die 18- Jährige erzählt, während des Staubsaugens in Priklopils Wagen davongelaufen zu sein. Dieser habe sich einige Meter entfernt, um zu telefonieren. Der 44- jährige Priklopil wirft sich am Abend während der Flucht vor der Polizei in Wien vor einen Zug und stirbt.

24. August 2006: Die Ermittler bestätigen, dass es sich bei der Frau tatsächlich um Natascha Kampusch handelt. Dafür sprechen eine Narbe sowie der Fund ihres Reisepasses im Verlies in Priklopils Haus. Gleichzeitig wird bekannt, dass die Behörden seit 1999 mehrmals in dem Gebäude in Strasshof waren, Kampusch aber nicht entdeckten.

25. August 2006: Ein DNA- Gutachten bestätigt endgültig, dass es sich um Natascha Kampusch handelt. Die Staatsanwaltschaft Wien kündigt weitere Ermittlungen an, vor allem wegen allfälliger Mittäter Priklopils.

17. November 2006: Die Staatsanwaltschaft stellt das Ermittlungsverfahren ein. Außer der Zeugenaussage einer Zwölfjährigen gibt es keine Erhebungshinweise, die auf einen Komplizen Priklopils hinweisen, heißt es.

5. Februar 2008: Der ehemalige Bundeskriminalamts- Chef Herwig Haidinger spricht im Innenausschuss des Parlaments von Hinweisen, die zu einer früheren Aufdeckung des Falls Kampusch geführt hätten, aber vertuscht worden seien. Tags darauf setzt Innenminister Günther Platter eine Evaluierungskommission in der Causa fest, der Ex- Verfassungsgerichtshof- Präsident Ludwig Adamovich vorsteht.

11. Juni 2008: Die Evaluierungskommission übergibt ihren Bericht zum Fall Kampusch an Platter. Im Kern steht darin, "dass die sachdienlichen Ermittlungsansätze bisher nicht vollständig ausgeschöpft wurden".

18. September 2008: Der Prozess von Nataschas Mutter, Brigitta Sirny, gegen den pensionierten Richter Martin Wabl wird beendet. Wabl behauptet, Sirny wäre an der Entführung ihrer Tochter beteiligt gewesen. Im später schriftlich ausgestellten Urteil wird ihm dies rechtskräftig untersagt. Er darf nicht länger behaupten, Sirny sei an einem möglichen sexuellen Missbrauch sowie an der Entführung ihrer Tochter beteiligt gewesen.

23. Oktober 2008: Der Fall Kampusch wird neu aufgerollt. Das Innenministerium setzt eine Kommission ein, die sich mit den ungeklärten Fragen aus dem Bericht der Evaluierungskommission auseinandersetzen soll. Am 24. November langt der staatsanwaltliche Ermittlungsauftrag bei den Beamten ein. Zunächst heißt es, es gehe nicht um den Fall Kampusch selbst, sondern Fakten die sich daraus ergeben hätten.

7. Jänner 2009: Priklopil soll laut der Wiener Staatsanwaltschaft vor Kampuschs Entführung im Jahr 1985 in Strasshof eine achtjährige Vorarlbergerin missbraucht haben. Eine Woche später erhebt eine 47- Jährige in einem Mail an Ermittler ebenfalls Missbrauchs- Vorwürfe gegen Priklopil. Die Kriminalisten zweifeln diese Aussage aber an.

Mai 2009: Nach der Fertigstellung eines nicht veröffentlichten Zwischenberichts der Evaluierungskommission brodelt die Gerüchteküche. Leiter Adamovich spricht von einem "Sachverhalt, der aufklärungswürdig ist". Vermutungen und Spekulationen über mögliche Komplizen Priklopils wollen in der Folge nicht mehr verstummen. Während die Kommission im August von Lebensgefahr durch einen möglichen Mittäter spricht, bleibt das BK stets dabei, dass es keine Hinweise auf mehrere Täter gibt.

7. Juli 2009: Der Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher wird beauftragt, die Arbeit der Wiener Behörde in zweiter Instanz zu beurteilen und Empfehlungen abzugeben.

28. Juli 2009: Zwei Ermittler erhalten Einsicht in das bisher von der Staatsanwaltschaft unter Verschluss gehaltene Einvernahmeprotokoll, das mit Kampusch unmittelbar nach ihrer Flucht aufgenommen wurde.

2. August 2009: Ein "Krone"- Interview mit Ludwig Adamovich sorgt für Aufsehen. In dem Gespräch erklärt der Leiter der Evaluierungskommission, dass die Zeit der Gefangenschaft für Kampusch womöglich "allemal besser" gewesen wäre "als das, was sie davor erlebt hat". Von vielen Seiten setzt es Kritik, Kampuschs Mutter kündigt an, Adamovich wegen seiner Aussagen zu verklagen.

4. August 2009: Der Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher übernimmt die Leitung der Ermittlungen von der Wiener Behörde. Das entscheidet die in erster Instanz zuständige Oberstaatsanwaltschaft Wien, die mit der Zuteilung eines Externen auch Anschuldigungen gegen die eigene Behörde entkräften will.

5. Oktober 2009: Für eine ausführliche TV- Dokumentation filmt ein Team der ARD erstmals Natascha Kampuschs Verlies.

8. November 2009: Priklopil- Freund Ernst H. gerät ins Visier der Ermittler. "Er war unter Umständen beteiligt", sagt Staatsanwalt Mühlbacher. Sechs Tage später wird Ernst H. neun Stunden lang einvernommen. Dabei behauptet er, dass Priklopil ihm wenige Stunden vor seinem Selbstmord die Entführung gestanden habe und er deshalb über Informationen über den Fall verfüge. Den Suizid seines Freundes habe er nicht verhindern können.

16. November 2009: Natascha Kampusch bezweifelt gegenüber dem ORF, dass Wolfgang Priklopil Mittäter gehabt habe. "Ich habe nur den Priklopil gesehen", sagt sie. Gleichzeitig bestreitet sie, dass sie von möglichen Komplizen Priklopils mit pornografischem Material erpresst werde.

4. Dezember 2009: Ernst H. nennt den Grund dafür, warum er rund um den Zeitpunkt der Entführung 500.000 Schilling an Priklopil überwiesen hat. Das Geld sei der Kredit für einen Autokauf gewesen, sagt H.

24. Dezember 2009: Ludwig Adamovich wird wegen seiner Aussagen vom 2. August - nicht rechtskräftig - zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt. Während der Verhandlung sorgt er erneut mit spektakulären Statements für Aufsehen. Demnach sei Priklopil ein Auftragstäter gewesen, dessen Auftragstäter später abgesprungen seien. Weiters behauptet er, es gebe "Indikatoren" dafür, dass sich zwischen Kampusch und ihrem Entführer Wolfgang Priklopil "eine positive, sogar liebevolle Beziehung entwickelt hat".

2. Jänner 2010: Das Magazin "profil" behauptet, dass Natascha Kampusch zwei Mal erfolgreich geflüchtet, dann aber freiwillig zu Priklopil zurückgekehrt sei. Kampusch bestreitet dies energisch. Wahr seien laut Mühlbacher vielmehr drei gescheiterte Fluchtversuche vor ihrer schließlich gelungenen Flucht am 23. August 2006, wie aus Ermittlungsergebnissen des Bundeskriminalamts hervorgingen.

8. Jänner 2010: Wolfgang Priklopil hat bei der Entführung offenbar keine Komplizen bzw. Mitwisser gehabt. Die Mehrtäter- Theorie ist auszuschließen, so der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Werner Pleischl. Auch die Verdachtslage gegen den in dem Verfahren als Beschuldigten geführten Freund von Wolfgang Priklopil, Ernst H., hat sich nicht erhärtet.

Allerdings bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, Gerhard Jarosch, am 15. März 2010, dass H. wegen Begünstigung angeklagt wird.

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