Fieberschübe, Schüttelfrost, eine Körpertemperatur von 42 Grad, Halluzinationen – mit der sogenannten Malariatherapie sollen die Ärzte damals versucht haben, Heimkinder von "Psychopathien" zu heilen. Oder sie benutzten laut den Anschuldigungen Jugendliche als lebende "Gefäße", um die Tropenkrankheit am Leben zu erhalten, für andere Patienten. Wie berichtet (siehe Infobox), ging Wilhelm J. aus Wien im Jahr 1964 durch die Fieberhölle. In der damaligen Hoff-Klinik auf dem AKH-Areal sollen er und mehrere andere Buben von den Weißkitteln als Versuchskaninchen missbraucht worden sein.
"Die Sucht wollte man mich rausschwitzen lassen"
Und jetzt noch mehr Vorwürfe. Walter B. aus Meidling (Bilder oben, heute 70 Jahre alt) musste als Jugendlicher ebenfalls in die Hoff-Klinik. "Auch mir wurde Malaria gespritzt", erklärt er heute. "Ich hatte hohes Fieber und habe auch jetzt noch regelmäßige Schübe." Der Grund für seine Einlieferung: "Ich bin mehrmals abgehauen von daheim."
Fall zwei: Peter L. (Name von der Redaktion geändert), 1948 geboren, derzeit wohnhaft in Niederösterreich. Als 20-Jähriger wurde er in die Klinik eingeliefert. "Ich war damals beim Bundesheer und hatte dort leider massive Probleme mit dem Alkohol", erklärt der heute trockene Pensionist. "Die Sucht wollte man mich in der Psychiatrie rausschwitzen lassen. Mir wurde ebenfalls Malaria injiziert." Das Krankheitsbild auch bei ihm wie bei den anderen: irrsinniges Fieber, dann ein Tag Pause, dann wiederholte sich die Tortur.
Häupl: Schuldfrage muss seitens der Klinik geklärt werden
Zu den Vorwürfen des heute 63-jährigen Wilhelm J., dessen Schicksal den Fall am Montag ins Rollen brachte, sagte am Dienstag Bürgermeister Michael Häupl, es stelle sich die Frage, ob hier - im Falle tatsächlicher Versuche - ein "Verbrechen" passiert sei oder es sich um eine "völlig überholte Behandlungsmethode" gehandelt habe. Man bemühe sich jedenfalls um eine Wiedergutmachung bei Betroffenen.
Die Stadt habe die Opferschutzorganisation "Weißer Ring" - er ist für die Abwicklung von Hilfszahlungen für Missbrauchsopfer in Wiener Heimen zuständig - beauftragt, unabhängig von der Schuldfrage Vorschläge für eine Wiedergutmachung zu machen. Die Schuldfrage selbst müsse seitens der Klinik - der Wiener Uni-Klinik für Psychiatrie - geklärt werden.
Häupl betonte auch, dass es vor 50 Jahren offenbar Usus gewesen sei, dass Kinder, die aus Heimen flüchteten, psychiatrisch behandelt wurden. Die Verhältnisse hätten sich aber längst geändert.
Kaum Hoffnung auf juristisch eindeutige Klärung
Der Wiener Anwalt Johannes Öhlböck prüft bereits eine Schadenersatzklage im Namen der Malaria-Opferkinder, sowohl gegen die Republik als auch gegen die Stadt Wien. Hoffnung auf wirklich eindeutige juristische Klärung gibt es aber kaum. Laut Experten wird sich der Verdacht nach Jahrzehnten nicht objektivieren lassen. Die Antikörper im Blut seien nach rund einem halben Jahr nicht mehr nachweisbar, erklärte der Wiener Tropenmediziner Herwig Kollaritsch. Damit wären die Informationen von Wilhelm J. ohne existente Krankengeschichte kaum mehr objektivierbar.
Bei der sogenannten Malariatherapie wurde Blut von infizierten Menschen verwendet: "Es erfolgt eine Blutinfektion. Nach 15 bis 20 Fieberanfällen (alle paar Tage, Anm.) erlischt die Infektion dann", so Kollaritsch. Rückfälle über Jahre hinweg seien dabei aber nicht möglich. Kollaritsch: "Ohne Infektion durch Mücken geht das Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung nach Monaten oder Jahren, Anm.) nicht." Eine Ansteckung per Bluttransfer reiche da nicht aus.
Von der Entdeckung durch Julius Wagner-Jauregg bis in die 1960er-Jahre wurde die Malariatherapie bei verschiedenen unheilbaren Erkrankungen eingesetzt oder einzusetzen versucht, sogar bei Krebs. Noch vor wenigen Jahren gab es in den USA Mediziner, die eine Malariatherapie gegen chronische Borreliose propagierten. Die absichtlich hervorgerufenen schweren Fieberschübe würden heute inakzeptable "Nebenwirkungen" jeglicher moderner Therapie darstellen.
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