Die "Malariatherapie" sei ab den späten 1920er-Jahren gegen Syphilis zum Einsatz gekommen, ihm selbst sei allerdings nicht bewusst gewesen, "dass das nach dem Zweiten Weltkrieg noch gelaufen ist". Allerdings: "Für psychiatrische Erkrankungen gab es gar keine Verwendung", so Kasper. Um Syphilis-Patienten den Malariaerreger spritzen zu können, habe man freilich "Erregerträger" gebraucht. Es sei möglich, dass Menschen mit oder ohne ihr Wissen dafür "verwendet" wurden, räumte der Klinik-Chef ein.
Um den kürzlich erhobenen Vorwürfen nachzugehen, habe man inzwischen ein Krisenteam eingerichtet. Da die Krankenakten nur 30 Jahre aufgehoben werden müssen und deshalb jene aus den 1960er-Jahren nicht mehr existieren, sollen sich Betroffene unter der Telefonnummer 01/40400-3568 melden. Das sei eine wichtige Quelle, um Klarheit in die Sache zu bringen. Er werde persönlich mit den Menschen sprechen, versicherte Kasper. Außerdem will die Klinik medizinische Zeitzeugen ausfindig machen. Man sei auf der Suche nach früheren Ärzten, die damals in der Uni-Klinik gearbeitet haben, damit sie Auskunft über die damalige Praxis geben.
Erhebungen sollen Klarheit bringen
Kasper rechnet mit einem Untersuchungszeitraum von vier bis fünf Wochen. Ziel der Erhebungen sei es herauszufinden, ob die umstrittene Therapie zu jener Zeit dem damaligen Stand der Wissenschaft entsprach, ob Betroffene durch den Einsatz der Malaria-Kur biologischen oder psychischen Schaden, beispielsweise posttraumatische Belastungsstörungen, erlitten hätten und wie man ihnen gegebenenfalls nun helfen könne.
Neben dem 63-jährigen Wilhelm J., der mit seinen Schilderungen die Geschichte kürzlich ins Rollen brachte (siehe Infobox), hat sich inzwischen ein zweiter Betroffener aus Niederösterreich beim "Weißen Ring" gemeldet. Beide Fälle werden derzeit bearbeitet, sagte eine Sprecherin der Opferschutzorganisation, die die Hilfszahlungen von Missbrauchsopfern in Wiener Heimen abwickelt. Die medizinhistorische Aufarbeitung müsse aber in den Krankenhäusern erfolgen. Eine "neue Welle" an Meldungen von ehemaligen Heimkindern, die in der Vergangenheit von physischer oder psychischer Gewalt konfrontiert wurden, spüre man derzeit jedenfalls noch nicht, so die Sprecherin.
Experimente mit Heimkindern auch in Tirol
Ähnliche Vorwürfe erhebt allerdings nun auch ein Historiker gegen die mittlerweile verstorbene Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie. Sie soll in den 1970er-Jahren Mädchen aus Kinderheimen mit Tiermedikamenten "behandelt" haben (siehe Infobox). Historiker Horst Scheiber, Initiator und Mitglied der Heim- Untersuchungskommission in Tirol, fordert nun eine Aufarbeitung der Fälle.
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