"Hier sind Mädchen, einfach weil behauptet wurde, die onanieren oder sind sexuell übererregt, niedergespritzt worden mit dem Epiphysan, von dem wir wissen, dass es gesundheitsschädliche Auswirkungen hat", kritisierte der Historiker Horst Schreiber im Ö1-"Morgenjournal" am Mittwoch.
Sein Vorwurf richtete sich vor allem gegen die bereits verstorbene Maria Nowak-Vogl, bis 1987 Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie. Sie soll bis Ende der 1970er-Jahre Epiphysan, ein Mittel aus der Tiermedizin zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen, angewandt haben. "Weil sie einen Kreuzzug führte gegen die Onanie und gegen sexuelle Übererregtheit", meinte Scheiber, Initiator und Mitglied der Heim-Untersuchungskommission in Tirol. Nowak-Vogl habe Kinder "terrorisiert und eingeschüchtert" und sie als Forschungsgegenstände vorgeführt, betonte Schreiber.
"Jähzornigen" Buben mit Röntgenstrahlen behandelt
Laut ihm sei Nowak-Vogl durch streng katholisches Denken und andererseits durch den Nationalsozialismus geprägt gewesen. In dessen Tradition stehe Röntgenbehandlung, die die Psychiaterin auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch angewandt habe: "Nowak-Vogl beschreibt selbst den Fall eines Fünfjährigen, den sie mit einer Serie von Röntgenstrahlen behandelt hat, wegen des Jähzorns, den er an den Tag legte."
Die Kinderpsychiatrie sei damals die zentrale Stelle bei der Fremdunterbringung von Kindern gewesen, daher seien besonders Heimkinder von den Experimenten betroffen gewesen. Nowak-Vogl sei "eine der Schlüsselfiguren mit ihren Gutachten und Diagnosen" gewesen, um Kinder in Heimen unterzubringen, erklärte Schreiber. Die Psychiaterin und Pädagogin habe auch den erzieherischen Umgang mit Heimkindern in Tirol geprägt: etwa Bestrafungen und brutales Bloßstellen von Bettnässern gegenüber anderen Kindern, oder Klingelbetten gegen Bettnässen - auch noch zu einer Zeit, als anderswo humanere Methoden angewandt wurden, schilderte Scheiber, Autor des bereits 2010 erschienen Buches "Im Namen der Ordnung. Heimerziehung in Tirol".
Wie viele Kinder betroffen waren, könne er derzeit nicht seriös beantworten, argumentierte der Historiker. Zuerst müssten die Krankenakten gesichtet werden, die zum Großteil noch erhalten seien. Generell sieht Schreiber in dem Bereich eine "ganz große Forschungslücke", die es zu schließen gelte.
Tirols SPÖ: "Land nimmt Verantwortung wahr"
"Die 'Aus den Augen - aus dem Sinn'-Praxis der scheinheiligen Tiroler Politik bis in die 1970er Jahre im Umgang mit Heimkindern bekommt eine weitere traurige Dimension", reagierte SP-Sozialsprecherin Gabi Schiessling auf die Vorwürfe Scheibers. Diesbezüglich habe das Land Tirol seine Verantwortung wahr genommen und begonnen, die Geschehnisse aufzuarbeiten und Entschädigungen an zahlreiche Heimkinder für ihre Leiden ausgezahlt.
Klar sei, dass das Land auch in Zukunft weiterhin hellhörig sein müsse, wenn neue Vorwürfe wie eben jetzt an die Öffentlichkeit kommen, forderte sie. Die unrühmliche Vergangenheit dürfe nicht länger unter den Teppich gekehrt, sondern müsse schonungslos aufgearbeitet werden. "Wir alle müssen aber wachsam sein, Missstände aufdecken und verhindern", fügte Schiessling hinzu. Auch im häuslichen Bereich dürfe es keinerlei Gewalttoleranz geben.
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