Chaos nach Umsturz
Zurückgekehrte berichten vom “Krieg” in Tunesien
"Die Fahrt zum Flughafen in Monastir war ein wirkliches Abenteuer. Überall waren bewaffnete Leute. Es waren überall Feuer, Raffinerien brennen dort, hunderte über hunderte Menschen sind auf der Straße", sagte die Wienerin Birgit H. (39) nach der Landung der AUA-Maschine um 23.00 Uhr in Wien-Schwechat.
Die 68-jährige Dorli K. berichtete von Schüssen im Urlaubsort Sousse, in dem sie seit 15 Jahren alljährlich überwintert. Das Hotel sei am Abend "verriegelt" worden, "Frauen haben geschrien, Kinder haben geweint, Hunde gebellt". Mit Ausnahme einer Engländerin sei kein Hotelgast geblieben, sagte die Pensionistin, die keine rosige Zukunft für Tunesien sieht: "Man hat das Gefühl, dass es ganz bald arg sein wird."
Heimkehrer berichten von "Krieg"
Die AUA hatte 49 Urlauber nach Wien gebracht, bei einem Zwischenstopp um 21.43 Uhr in Salzburg waren 43 Touristen ausgestiegen. Einige der Heimkehrer sprachen dort von einem "Krieg", den sie nicht noch einmal erleben wollten.
"Es war schlimm, schlimm, schlimm. Ich hatte nicht einmal genügend Zeit, mein Gepäck fertigzumachen, und schon ging es zum Flughafen. Auf der Straße sahen wir, wie geschossen und geplündert wurde", erzählte eine 52-jährige Urlauberin. "Da glaubst du, du fährst in die Ferien und in die Sonne, stattdessen Krieg, wie man sich ihn nur vorstellen kann, Chaos und Plünderungen."
Die ersten Tage seien ja noch schön gewesen, doch dann habe das Ganze begonnen: Militär auf den Straßen, Schüsse, brennende Autos, schreiende Leute - "es war schlimm". Dazu seien noch die Ausgangssperren gekommen - "du bist dir vorgekommen wie in einem Gefängnis", meinte die Münchnerin bei ihrem Zwischenstopp in Salzburg.
Sie glaube kaum, "dass in den nächsten Jahren dem Land viel Möglichkeit gegeben wird, den Tourismus so zu gestalten, dass wieder viele Urlauber kommen werden. Ich habe genug von dem Chaos und bin froh, wieder hier zu sein".
Mbazaa zum Übergangspräsidenten ernannt
In Tunis ernannte der Verfassungsrat am Samstag mit Mbazaa den zweiten Übergangspräsidenten innerhalb von 24 Stunden. Zunächst hatte Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi die Amtsgeschäfte des am Freitag durch Massenproteste zum Rückzug gezwungenen Ex-Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali übernommen.
Ben Ali hatte Tunesien 23 Jahre autoritär regiert. Proteste gegen Korruption und hohe Arbeitslosigkeit hatten sich überraschend zu einem Volksaufstand ausgeweitet. Ben Ali setzte sich daraufhin ins saudi-arabische Exil ab. In der früheren Kolonialmacht Frankreich sind Ben Alis Familienmitglieder nämlich nicht willkommen, Paris will auch verdächtige Finanztransaktionen seiner Clan-Mitglieder stoppen.
Neuwahlen innerhalb von sechs bis sieben Monaten
Mbazaa soll nun Neuwahlen vorbereiten. Er forderte zudem Ghannouchi auf, einen Vorschlag für eine Regierung der nationalen Einheit zu machen. In diese sollen auch Oppositionskräfte eingebunden werden. Laut dem Chef der oppositionellen "Demokratischen Fortschrittspartei" (PDP), Najib Chebbi, sollen innerhalb von sechs bis sieben Monaten Neuwahlen stattfinden. Dazu sollen aber nur bisher legale Parteien zugelassen werden, was die islamistische Partei "Ennahdha" (Wiedererweckung) ausschließen würde. Ihr im Londoner Exil lebender Chef Rached Ghannouchi hat dennoch bereits seine Rückkehr nach Tunis angekündigt.
Argwohn in der Bevölkerung
Viele Tunesier beobachten die Vorbereitungen auf rasche Neuwahlen mit Argwohn. "Wenn jetzt schnell eine Wahl organisiert wird, kann die Opposition sich nicht organisieren", kommentierte der 25-jährige Elias Nefzaoui am Sonntagabend in Tunis. Tunesien sei Demokratie nicht gewohnt, Oppositionspolitiker hätten unter Präsident Ben Ali kaum eine Chance gehabt, bekanntzuwerden. "Wenn wir zu früh wählen, kommen wieder Leute aus dem alten System an die Macht", so Nefzaoui.
Chaos auf den Straßen
In dem Land herrscht derweil Chaos auf den Straßen. Über der Hauptstadt Tunis waren am Samstag wieder Rauchsäulen aufgestiegen. Schon in der Nacht hatten Brandstifter trotz Ausgangssperre Feuer gelegt, unter anderem in einem Bahnhof. In der Nacht auf Sonntag waren erneut Schüsse zu hören. Tunesische Journalisten vermuteten, dass die Armee gegen die Mitglieder der Leibgarde Ben Alis vorgeht. Eine Bestätigung dafür gab es zunächst aber nicht.
Viele Tunesier vermuten auch, dass sich Miliz-Angehörige an den Plünderungen beteiligen. Politiker sprachen dagegen von Kriminellen, die das Machtvakuum ausnützen. In einigen Vierteln von Tunis bewaffneten sich die Bewohner mit Stöcken und Knüppeln, um ihre Häuser zu schützen.
Dutzende Tote bei Gefängnisbrand
Bei einem Gefängnisbrand in Monastir waren am Samstag nach Angaben von Ärzten bis zu 50 Menschen ums Leben gekommen. Zahlreiche weitere Personen erlitten bei dem Feuer in der auch bei Touristen beliebten Küstenstadt schwere Verbrennungen. Nach ersten Erkenntnissen hatten Häftlinge ihre Matratzen in Brand gesteckt. Die Flammen hätten dann schnell auf das gesamte Gebäude übergegriffen.
Als die Insassen zu fliehen versuchten, eröffneten Wärter nach Augenzeugenberichten das Feuer; mehrere Häftlinge seien an Schusswunden gestorben, andere verbrannt, hieß es. Ein Gerichtsmediziner sagte hingegen, einer ersten Untersuchung zufolge seien sämtliche Opfer am Feuer selbst oder durch das Einatmen des Rauches gestorben. Auch in anderen Städten brannten Haftanstalten.







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