"Krone": Frau Kampusch. Seit Ihrer Flucht in ein neues Leben sind vier Jahre vergangen. In einem unserer früheren Interviews sagten Sie sinngemäß, dass sich die Freiheit nicht so gut anfühlt, wie Sie es sich eigentlich vorgestellt haben. Und wie fühlt sich die Freiheit heute an?
Natascha Kampusch: Zunehmend besser. Aber einfach ist es nicht. So wie ich mir die Freiheit im Verlies sitzend ausgemalt habe, fühlt sie sich immer noch nicht an. Es ist bei meiner Vergangenheit schwer, Gemeinsamkeiten mit anderen zu finden. Wo warst du zur Jahrtausendwende? Wie hast du den 14. Geburtstag erlebt? Darauf kann ich eigentlich immer nur die gleiche Antwort geben.
"Krone": Nun erscheint "3096 Tage". Sie wollen mit diesen Zeilen einen Schlussstrich unter mehr als acht Jahre in der Gewalt Ihres Entführers ziehen. Wird aber nicht auch Ihr künftiges Leben untrennbar mit den 3096 Tagen verbunden sein?
Kampusch: Die Entführung wird immer ein Teil meiner Erinnerungen bleiben. Entscheidend ist aber, wie weit sie ihren Schatten auch auf die Gegenwart und Zukunft wirft. Das sollte sich nach der Veröffentlichung des Buches verbessern. Ich habe mich beim Schreiben nochmals intensiv den dunkelsten Seiten meiner Vergangenheit zugewandt, nicht zuletzt, um mich weiter von ihnen zu lösen. Und nun kann ich auch jedem Interessierten die Gelegenheit bieten, sich in Ruhe ein Bild von meinen Erlebnissen zu machen – losgelöst von Gerüchten oder Zitaten aus Polizeiprotokollen.
"Krone": In dem Buch enthüllen Sie schonunglos Details Ihrer Gefangenschaft. Wie waren Ihre Gefühle, sich wieder an alles zurückzuerinnern?
Kampusch: Erstaunlicherweise bin ich nun, wenn ich das Buch zur Hand nehme, schockierter über das Erlebte als zuvor. Denn das Buch vergrößert den Abstand zu den Geschehnissen, und ich sehe meine Erlebnisse nun mehr aus der Warte einer Dritten. Man könnte sagen, ich habe mir die Vergangenheit einen Schritt weiter vom Leib geschrieben.
"Krone": Sie verurteilen auch in Ihrer Autobiografie Ihren Peiniger Wolfgang Priklopil nicht gänzlich, betonen seine "guten Seiten".
Kampusch: Mir war es wichtig, nicht dem Stereotyp eines Monsters Vorschub zu leisten. Ich beschreibe den Täter so, wie ich ihn erlebt habe. Und da gab es neben seinen Wahnsinnsanfällen und dem über Jahre andauernden Verbrechen an mir sehr wohl auch menschliche Seiten, harte Arbeit und finanzielle Sorgen.
"Krone": Der deutsche Medienexperte Jo Grebel meint, dass Sie durch das Buch zur Millionärin werden.
Kampusch: Das bin ich laut einiger Medien ohnehin seit Jahren (lacht). Nein, im Ernst. Die Konfrontation mit meiner Vergangenheit war ein hartes Stück Arbeit. Ich habe heftige Krisen und Krankheiten durchlaufen. Der Leser wird entscheiden, ob sich die Mühe gelohnt hat.
"Krone": Wie stellen Sie sich Ihren weiteren Lebensweg vor?
Kampusch: Meine Interessen sind sehr vielfältig. Derzeit interessiere ich mich beispielsweise für ein Psychologiestudium. Wenn man eine Person über fast zehn Jahre hinweg genauestens beobachtet, entwickelt man schon eine sehr spezielle Menschenkenntnis. In meinem Fall war die richtige Einschätzung noch dazu lebensnotwendig.