Flucht als Finale
Kanada-Monster plante Bluttat in drei Akten
Interpol hatte am Mittwoch nach dem Fund abgetrennter Gliedmaßen, die per Post an politische Parteien in Ottawa verschickt worden waren, und einem Torso in Montreal einen internationalen Haftbefehl gegen den 29-Jährigen ausgestellt. Zu diesem Zeitpunkt dürfte Magnotta jedoch schon längst seine Flucht angetreten haben. Sicher ist, dass er vorbereitet war, in Blog-Einträgen hatte der 29-Jährige detaillierte Anleitungen zum spurlosen Verschwinden veröffentlicht.
Als Frau verkleidet in Paris untergetaucht?
Noch am Tag des brutalen Mordes soll sich Magnotta nach Frankreich abgesetzt haben, so der Verdacht der Behörden. Er könnte sich in Paris aufhalten und möglicherweise als Frau verkleidet auf der Flucht sein, hieß es am Freitag. Der 29-Jährige reiste in der Vergangenheit mehrmals in die französische Hauptstadt, wie Fotos auf seiner Website belegen. Darauf posiert der mutmaßliche Mörder unter anderem lächelnd vor dem Eiffelturm (Bilder).
Auch zu Magnottas Mordopfer wurden am Freitag erste Details bekannt. Bei dem Toten soll es sich um den 33-jährigen chinesischen Studenten Lin Jun handeln. Medienberichten zufolge soll der Mann vor seinem Tod eine Liebesbeziehung mit Magnotta unterhalten haben. Die Tatsache, dass die Angehörigen des Asiaten, der derzeit noch als vermisst gilt, in China leben und noch nicht kontaktiert werden konnten, erschwere die Bemühungen, seine Identität zu bestätigen, erklärte Montreals Polizeichef.
Mord nur Teil eines komplexen Plans
Internationale Experten haben indessen damit begonnen, den Fall und die Person Luka Rocco Magnotta unter die Lupe zu nehmen. Der brutale Mord, die per Post versendeten Leichenteile und der im Internet veröffentlichte Snuff-Film der Bluttat seien demnach nur ein Teil einer größeren, hochkomplexen "Produktion" des Monsters, die sich derzeit auf Fernsehgeräten, Computermonitoren und Zeitungsseiten auf der ganzen Welt entfaltet, so die Analyse.
Als "Verbrechen in drei Akten" beschrieb etwa Philip Simpson, Sachbuchautor und außerordentlicher Professor am Brevard Community College im US-Bundesstaat Flordia, die Taten Magnottas. Erster Akt war die Produktion der Videos, in denen Magnotta kleine Katzen brutal quälte und tötete. Sie sollten Angst verbreiten. Inhalt des zweiten Akts waren dann der Mord samt Video und die Versendung der Leichenteile. Und der dritte Akt, die Menschenjagd, sei derzeit voll im Gange.
Magnotta ist Hauptdarsteller und Produzent
"Es ist angelegt wie 'Catch Me If You Can'", ist auch John Campbell, ehemaliger Chef der Behavioural Sciences Unit (BSU) der US-Bundesbehörde FBI, überzeugt. "Das ist seine Produktion - er ist jetzt nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent", erklärte Simpson, dessen Büro in der FBI-Zentrale in Quantico im US-Bundesstaat Virginia im Film "Das Schweigen der Lämmer" zu sehen ist, gegenüber der kanadischen Tageszeitung "National Post". Hierzulande ist die verhaltenswissenschaftliche FBI-Abteilung BSU auch durch die TV-Serie "Criminal Minds" bekannt.
Die Videos der Katzen-Morde und das elfminütige Video vom Mord an dem Zerstückelten seien zusammengenommen eine "postmoderne Version" der mittels Briefen verbreiteten Angst-Kampagnen des wohl berühmtesten Serienmörders der Geschichte, Jack the Ripper, so der Ex-Kriminalist. Magnotta nutze lediglich moderne Technologien, um die gleichen Schock-Effekte zu erzeugen. Sein Ziel sei es zu verstören, erläuterte Simpson.
"Ob er erwischt wird, ist ihm letztlich egal", ergänzte Maureen Jennings, eine kanadische Autorin, die für Recherchen zu ihren Kriminalromanen ausführliche Interviews mit den Mitgliedern der verhaltenswissenschaftlichen Ermittlungseinheit Kanadas führte. "Das ist ein Teil seines Szenarios", so Jennings, "Jagd und Festnahme sind alles Teile seines Plans."
Behörden ignorierten Warnungen
Während das genaue Ende der "Produktion" noch im Dunkeln bleibt, werden immer mehr Vorwürfe laut, die Behörden hätten Warnungen über das von Magnotta ausgehende Gefahrenpotenzial ignoriert. So gab der US-Anwalt Roger Renville gegenüber Medien an, er habe die Behörden in Magnottas Heimatstadt Toronto alarmiert, nachdem er den Snuff-Film im Internet entdeckt hatte.
Er habe der Polizei angeboten, den Link zu dem Video per E-Mail zu schicken, und Magnotta zudem aufgrund eigener Recherchen als Täter genannt. Die Behörden, die Renvilles Anruf auf Anfrage der Tageszeitung "National Post" bestätigten, hätten seine Hinweise jedoch ignoriert, das Video - ohne es gesehen zu haben - als "Fake mit guten Spezialeffekten" abgetan, so der empörte Jurist.
Britische Zeitung alarmierte Scotland Yard
Warnungen hatte es zuvor auch auf der anderen Seite des Atlantiks gegeben. Die britische Tageszeitung "The Sun" berichtete am Freitag, Mitarbeiter hätten bereits vor sechs Monaten Scotland Yard alarmiert. Demnach hatten Journalisten der Zeitung in Zusammenhang mit Recherchen zu den Videos der Katzen-Morde mit Magnotta gesprochen, als sich dieser im Dezember 2011 in London aufhielt. Zwei Tage später erhielten die Reporter ein E-Mail, das sie dem 29-Jährigen zuordneten. "Ich komme wieder – und diesmal werden die Opfer keine Tiere sein", ist in einem Faksimile auf der "The Sun"-Website zu lesen. "Wenn man einmal getötet und den Geschmack von Blut gekostet hat, ist es unmöglich zu stoppen."
Eine Sprecherin von Scotland Yard bestätigte, dass aufgrund der Hinweise der "Sun"-Journalisten eine Untersuchung eingeleitet worden war, diese jedoch bald wieder eingestellt wurde. Das E-Mail an die Zeitung sei von einem Computer in Holland – wohin Magnotta laut "Sun" von London aus weitergereist sein dürfte – abgeschickt und die Katzen-Videos auf Servern in Nordamerika hochgeladen worden. Der Fall sei somit außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der britischen Ermittler gelegen, Verbindung mit Strafverfolgungsbehörden in Übersee habe man damals aber nicht aufgenommen, wie die Sprecherin zugab. Ein schwerer Fehler, wie sich nun auf tragische Weise herausstellte.
Magnotta: "Leute sagen mir, ich sehe umwerfend aus"
Egal wie die Geschichte von Luca Rocco Magnotta letztlich ausgehen wird, ein Platz in der Kriminalgeschichte ist ihm jedenfalls schon gewiss. Sein Ziel, berühmt zu werden, hat er mit seiner "Produktion" erreicht. Der 29-Jährige rang sein Leben lang um Aufmerksamtkeit, wie Details aus seiner Vergangenheit offenbaren. So hatte der Pornodarsteller 2007 noch auf harmlose Weise versucht, ins Rampenlicht zu kommen. Mit blondierten Haaren und nacktem Oberkörper machte er damals bei einem Casting für die kanadische Reality-Show "Coverguy" mit. "Eine Menge Leute sagen mir, dass ich umwerfend gut aussehe", so Magnottas Eigenbeschreibung in dem am Freitag im kanadischen TV veröffentlichten Mitschnitt der Sendung.







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