Ein Zitat des berühmten Schriftstellers Charles Dickens von 1842, als damals die Isolationshaft in den USA Schule machte – nicht treffender hätte man heutzutage schildern können, was Natascha Kampusch in den kommenden Jahren bevorstand.
Priklopil (von dem Natascha in ihrem Buch in bewusster Distanzierung immer nur als "der Täter" spricht) zieht alle Register der seelischen Grausamkeit. Er raubt der Heranwachsenden ihre körperliche Intimität, indem er sie beim Duschen oder Baden nicht allein lässt; er missbraucht sie als Arbeiterin für niedrige Dienste fast jeder Art, vom Putzen bis hin zum Umbau seines Hauses; und er nimmt ihr auch ihre Identität, indem er sie zwingt, einen neuen Namen anzunehmen: "Ich blätterte in meinem Kalender und stieß am 2. Dezember auf den Eintrag unmittelbar neben Natascha. 'Bibiana'. Für die nächsten sieben Jahre wurde Bibiana zu meiner neuen Identität."
Doch damit nicht genug: Priklopil wird zunehmend gewalttätig, "kleinere sexuelle Übergriffe" stehen auf der Tagesordnung, auch fesselt er sie mit Kabelbindern an sich ins Bett – und er schüchtert sie mit Drohungen aller Art ein, ehe er sie erstmals in den Garten lässt – in der Dunkelheit und dicht an seiner Seite.
Auch macht er sich über ihren Körper lustig ("Du bist dick und hässlich du isst mir noch die Haare vom Kopf") – er reduziert ihre Rationen, lässt sie hungern, verlangt, sie möge ihn "Gebieter" nennen und vor ihm knien. Monate und erste Jahre verstreichen – und mit ihnen wächst die Hoffnungslosigkeit.
Im Folgenden die Auszüge aus "3096 Tage":
Ich fühlte mich nun in jeder Sekunde, bis in den Schlaf hinein, beobachtet. Vielleicht hatte er ja eine Wärmebildkamera installiert, damit er mich auch kontrollieren konnte, wenn ich in der Dunkelheit auf meiner Liege lag. Das Gefühl lähmte mich. Tagsüber blickte ich mich zehnmal um, bevor ich auf die Toilette ging: Ich wusste ja nicht, ob er mich gerade beobachtete – und ob vielleicht auch andere dabei waren.
Als der erste Muttertag näherrückte, bastelte ich ein Geschenk. Ich hatte weder Kleber noch Schere – der Täter gab mir nichts, womit ich mich oder ihn hätte verletzen können. Also malte ich mit den Wachsmalkreiden Herzen auf Papier, riss sie aus und klebte sie mit Nivea- Creme übereinander. Ich stellte mir lebhaft vor, wie ich das Herz meiner Mutter übergeben würde, wenn ich wieder frei war.
Er warnte mich immer wieder vor den Sprengfallen, den Alarmanlagen, den Kabeln, mit denen er den Eingang zu meinem Verlies unter Strom setzen könne. Ein Hochsicherheitstrakt für ein Kind. Was würde aus mir werden, wenn ihm etwas passierte? wenn ich mir vorstellte, er würde ins Krankenhaus kommen. Lebendig begraben. Aus.
Ich war wie gelähmt. Zwei Holztüren. Die schwere Betontür. Der schmale Durchlass. Davor ein massiver Tresor, den der Täter mit Hilfe einer Eisenstange vor den Eingang schob, dort in der Wand verschraubte und zusätzlich elektrisch absicherte.
Wenn er anwesend war, bestimmte er über jede Geste und jeden Gesichtsausdruck: Ich musste so stehen, wie er es mir befahl, und durfte ihm niemals gerade ins Gesicht sehen.
Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln. Kontrolliert, mit Kabelbindern gefesselt, ein Halt in der Nacht.
Es genügte ihm nun nicht mehr, mir mit meinem eigenen Tod zu drohen. Er bürdete mir gleich die Verantwortung für alle auf, die ich zu Hilfe rufen könnte. Ich bin überzeugt, dass er imstande gewesen wäre, einen unbedarften Nachbarn zu töten, der zufällig auf mich aufmerksam geworden wäre.
Der Täter ließ mir ein Schaumbad ein und blieb, als ich mich auszog und hineinstieg. Es störte mich, dass er mich nicht einmal im Bad allein ließ. Andererseits war ich es ja schon vom Duschen im Verlies gewöhnt, dass er mich nackt sah. Als ich in das warme Wasser sank und die Augen schloss, gelang es mir zum ersten Mal seit Tagen, alles um mich herum auszublenden. Weiße Schaumkronen schoben sich über meine Angst, tanzten durch das dunkle Verlies, spülten mich aus dem Haus und trugen mich mit sich fort.
Ich weiß nicht, wie oft ich den Boden und die Fliesen in der Küche geschrubbt und poliert habe, bis sie makellos glänzten. Nicht die kleinste Wischspur, nicht der kleinste Krümel durfte die glatten Flächen trüben Der Täter stand dabei immer hinter mir und gab Anweisungen. Es war ihm nie sauber genug Ich war seine einzige Arbeiterin. Eine Arbeiterin, die er bei Bedarf aus dem Verlies holen konnte, die Knochenarbeit verrichten musste, für die man normalerweise Fachkräfte kommen ließ, und die er "nach Feierabend" noch zum Kochen und Putzen nötigte, bevor er sie wieder in den Keller sperrte.
Er verweigerte mir sogar mein Spiegelbild. Wenn ich mich schon nicht im sozialen Umgang mit anderen Menschen spiegeln konnte, so wollte ich wenigstens mein Gesicht sehen können, um mich nicht ganz zu verlieren Erst Jahre später bekam ich einen verspiegelten Alibert. Als ich zum ersten Mal hineinblickte, sah ich nicht mehr die kindlichen Züge von einst, sondern ein fremdes Gesicht. Die permanente Beobachtung verstärkte mein Gefühl, in einem wahnsinnigen Experiment gelandet zu sein. Die Atmosphäre im Haus intensivierte diesen Eindruck. Hinter seiner bürgerlichen Fassade wirkte es, als sei es aus Zeit und Raum herausgefallen wie eine Kulisse für einen düsteren Film.