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Ein einziger stummer Schrei

06.09.2010, 06:00
Ein einziger stummer Schrei (Bild: APA, Verlag List)
Foto: APA, Verlag List
Viel wurde schon geschrieben, geredet, gerätselt. Jetzt spricht Natascha Kampusch selbst! Über ihr langsam zerfallendes Familiengebäude – und düstere Vorahnungen nur kurz vor der wie eine gewaltige Sturmfront aufziehenden Katastrophe...

Kampuschs Kindheit in der Wiener Rennbahnweg- Siedlung (Bild) ist eigentlich gut behütet. Als kleine Prinzessin am 17. Februar 1988 geboren, wird sie von Mutter, Vater und ihren beiden Halbschwestern liebevoll umsorgt. Auch die Oma ist in den ersten unbeschwerten Jahren ein wichtiger Bezugspunkt.

Doch langsam wackelt das vertraute Familiengerüst – und stürzt schließlich ganz ein: Die Eltern trennen sich, als Natascha fünf Jahre alt ist. Immer öfter kommt es zu einem Wechselbad aus Aufmerksamkeiten und Vernachlässigung. Streit oder Ohrfeigen sind Alltag. Statt Rückhalt und Liebe zu geben, wetteifern Mutter und Vater mit Geschenken um ihr Mädchen. Das einst fröhliche Kleinkind zieht sich zurück. Bettnässen und Fressattacken sind die Folge. An ihrem 10. Geburtstag wiegt die Schülerin schon 45 Kilo.

In den Wochen vor der nahenden Katastrophe beschäftigen Natascha Kampusch besonders die Schlagzeilen über mehrere Kindermorde in Deutschland. Doch das pummelige Mädchen zählt sich nicht zu der Kategorie der blonden, zarten Opfer – ein fataler Irrtum!

Am Vorabend vom Vater von einem Ungarn- Ausflug erst im Finsteren heimgebracht, geht Natascha Kampusch am letzten Tag ihres alten Lebens im Streit außer Haus. Auf dem Schulweg fällt ihr ein Mann auf. Doch mit seinen blauen Augen und den etwas zu langen Haaren scheint er harmlos. Auch als Wolfgang Priklopil sie ansieht, wirkt er auf das Mädchen verloren, ja zerbrechlich. Keine Warnungen der Lehrer ("Geht niemals mit einem Fremden mit", "Steigt nicht in ein unbekanntes Auto") scheinen zu passen. Dann ist es zu spät…

Im Folgenden die Auszüge aus "3096 Tage":

Auch wenn ich freudig aufgenommen und von allen wie eine kleine Prinzessin verwöhnt wurde, fühlte ich mich in meiner Kindheit manchmal wie das fünfte Rad am Wagen. Ich musste mir meinen Platz in einer Welt, in der die Rollen bereits verteilt waren, erst erkämpfen.

* * * * * *

Die Welt meiner frühen Kindheit bekam langsam Risse. Erst zogen sie sich so klein und unmerklich durch die vertraute Umgebung, dass ich sie noch ignorieren und die Schuld für die Missstimmungen auf mich nehmen konnte. Doch dann wurden die Risse größer, bis das ganze Familiengebäude in sich zusammenfiel.

* * * * * *

Ich hatte mit der Trennung meiner Eltern die Fixpunkte meiner Welt verloren und konnte auf die Personen, die bis dahin immer für mich da gewesen waren, nicht mehr bauen. Dazu kam eine alltägliche Form von Gewalt – nicht brutal genug, um als Misshandlung zu gelten, und doch so voll nebensächlicher Missachtung, dass sie mein Selbstwertgefühl langsam zerstörte. Es war diese fatale Mischung aus verbaler Unterdrückung und "klassischen" Ohrfeigen, die mir zeigte, dass ich als Kind die Schwächere war.

* * * * * *

Ich wurde noch unsportlicher, die anderen Kinder hänselten mich noch mehr, und die Einsamkeit kompensierte ich mit noch mehr Essen.

* * * * * *

Ich saß mich schreckgeweiteten Augen vor dem Bildschirm. Alle diese Mädchen waren in meinem Alter. Nur eines beruhigte mich, wenn ich ihre Fotos in den Nachrichten sah: Ich war nicht das blonde, zarte Mädchen, das die Täter zu bevorzugen schienen. Ich hatte keine Ahnung, wie falsch ich lag.

* * * * * *

"Herrgott noch mal! Ihr seid um Stunden zu spät, ich sitze hier und mache mir Sorgen. Es ist schon finster draußen. Was dir alles passieren hätte können!"

* * * * * *

Am nächsten Tag erwachte ich traurig und wütend. Der Ärger über den Zorn meiner Mutter, der dem Vater gegolten hatte und an mir ausgelassen worden war, schnürte mir den Brustkorb ein. Noch mehr quälte mich aber, dass sie mir verboten hatte, ihn jemals wiederzusehen.

* * * * * *

Einen wichtigen Schritt in Richtung Selbstständigkeit hatte ich bereits einige Wochen zuvor getan: Ich hatte meine Mutter davon überzeugt, dass sie mich allein zur Schule gehen ließ. Obwohl ich bereits in der vierten Klasse war, hatte sie mich bis dahin immer mit dem Auto vor der Schule abgesetzt.

* * * * * *

Meine Unsicherheit war etwas, das mich zutiefst quälte. Sie überfiel mich schon auf dem Weg durch das Stiegenhaus, setzte sich im Hof fort und wurde zum bestimmenden Gefühl, wenn ich durch die Straßen der Rennbahnsiedlung lief. Ich fühlte mich schutzlos und winzig und hasste mich dafür. An diesem Tag, das nahm ich mir fest vor, wollte ich versuchen, stark zu sein. Dieser Tag sollte der erste meines neuen Lebens und der letzte meines alten werden.

* * * * * *

Sollte ich wirklich ohne ein Wort gehen? Ich drehte mich um, aber dann siegte doch das Gefühl der Enttäuschung, das der Vorabend in mir hinterlassen hatte. Ich würde ihr keinen Kuss mehr geben und sie mit meinem Schweigen strafen. Außerdem, was sollte schon passieren?

* * * * * *

Ich weiß nicht mehr, was mich veranlasste, den Kopf zu heben. Ein Geräusch? Ein Vogel? Jedenfalls fiel mein Blick auf einen weißen Lieferwagen. Er stand in der Parkspur auf der rechten Straßenseite und wirkte in dieser ruhigen Umgebung seltsam fehl am Platz. Vor dem Lieferwagen sah ich einen Mann stehen. Er war schlank, nicht sehr groß und blickte irgendwie ziellos umher: als würde er auf etwas warten und wüsste nicht, worauf.

* * * * * *

In dem Moment, als ich mit gesenktem Blick den Mann passieren wollte, packte er mich um die Taille und hob mich durch die offene Türe in den Lieferwagen. Alles geschah mit einer einzigen Bewegung, als wäre die Szene choreografiert worden, als hätten wir sie gemeinsam einstudiert. Eine Choreografie des Schreckens.

* * * * * *

Habe ich geschrien? Ich glaube nicht. Und doch war alles in mir ein einziger Schrei. Er drängte nach oben und blieb weit unten in meiner Kehle stecken: ein stummer Schrei, als wäre einer dieser Albträume wahr geworden, in denen man schreien will, aber es ist kein Ton zu hören; in denen man rennen will, aber die Beine bewegen sich wie in Treibsand. Habe ich mich gewehrt? Habe ich versucht, seine perfekte Inszenierung zu stören? Ich muss mich gewehrt haben, denn am nächsten Tag hatte ich ein blaues Auge. An den Schmerz durch einen Schlag kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern, nur an das Gefühl lähmender Ohnmacht.

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