Gefahr ignoriert?

Chile: Empörung über Tsunami-Entwarnungen

Ausland
01.03.2010 12:01
Nach dem verheerenden Erdbeben in Chile, das Hunderte Menschen das Leben gekostet und zerstörerische Tsunami-Wellen verursacht hat, werden Vorwürfe an die chilenische Marine und die scheidende Präsidentin Michelle Bachelet laut. Diese habe die Tsunami-Gefahr heruntergespielt, die Marine wiederum mitunter sogar Entwarnungen ausgegeben. Tausende Menschen seien deswegen von meterhohen Wellen überrascht worden, heißt es. Speziell auf den zahlreichen zu Chile gehörenden Inseln ist die Empörung über die ausgebliebene Warnung groß.

Wegen des Bebens der Stärke 8,8 hatte die Tsunami-Warnzentrale auf Hawaii am Samstag gleich für 53 Pazifik-Anrainerstaaten einen Alarm herausgegeben. Die Auswirkungen blieben allerdings begrenzt und es wurden etwa aus Australien, Tonga, Russland oder Hawaii - dort beschwerte man sich sogar über "unnötige Panikmache" - keine Opfer oder gröbere Schäden gemeldet. 

Einzige Ausnahme: Chile. Die Riesenwellen kamen und die Behörden gaben erst angesichts der katastrophalen Schäden zu, dass es sich doch um einen Tsunami gehandelt hatte. Zuvor hatten mehrere Regionen sogar Entwarnungen bekommen, wie jetzt bekannt wird.

Der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal macht der für Tsunami-Warnungen verantwortlichen Marine darum schwere Vorwürfe: Sie hätte eine Warnung herausgeben müssen. Nur weil Hafenkapitäne in Eigenregie vor den Riesenwellen warnten, seien "Tausende Menschen gerettet worden", sagte Vidal am Sonntagabend. Der scheidenden Präsidentin Michelle Bachelet wirft er vor, die Gefahr heruntergespielt zu haben. 

Mini-Insel Robinson Crusoe als tragisches Beispiel
Auf der zu Chile gehörenden Insel Robinson Crusoe ist die Empörung über die ausgebliebene Warnung groß: Die Bewohner der kleinen Pazifikinsel hatten am frühen Samstagmorgen nur ein leichtes Beben gespürt - die meisten Menschen schliefen einfach weiter. Am Vormittag erfuhren die Inselbewohner dann, welche Zerstörungen das Beben auf dem chilenischen Festland angerichtet hatte. Die Behörden der Insel erwarteten jeden Augenblick die Warnung vor einem Tsunami. Aber die Warnung kam nicht.

Als das Meer dann immer höhere Wellen schickte, blieb dem Bürgermeister nur noch, mit Sirenengeheul vor der Gefahr zu warnen. Nicht alle hörten die Warnung rechtzeitig. Ein Teil der 629 Einwohner der Insel-Siedlung Juan Bautista flüchtete im letzten Augenblick in höher gelegene Gebiete. Ihr Hab und Gut mussten sie zurücklassen, retten konnten sie nur, was sie gerade auf dem Leib hatten. Fünf Menschen schafften es nicht mehr rechtzeitig, weitere 14 Inselbewohner werden vermisst.

"Alles, was sich in Küstennähe befand, verschwand einfach", berichtet der Pilot Fernando Avaria von einem ersten Überflug. Die Kirche, der Friedhof, die einzige Schule, ein Sportplatz, Pensionen und auch das Bürgermeisteramt wurden dem Erdboden gleich gemacht. Alberto Recabarren (40) überlebte das Unglück. Er lag zwei Stunden unter den Trümmern seines Hauses. "Ich wurde mindestens dreimal von den Fluten mitgerissen. Dann konnte ich mich an einen Brombeerstrauch klammern", erzählte der Mann. Ein anderer Zeuge der Tragödie, der Biologe Ismael Caceres, konnte sich einen Berghang hinauf retten. Seine künftige Ehefrau schaffte es nicht und starb. "Das war ein vermeidbares Unglück", sagte der Vater des Biologen, Fernando Caceres, bitter.

Aus 18 Zentimetern wurden mehrere Meter
Warum die Warnung vor dem Tsunami nicht kam, ist ungeklärt. Am Samstag - nur drei Stunden nach dem Beben - hatten die Behörden die Möglichkeit eines Tsunami ausgeschlossen. Viele Menschen, die bei einer rechtzeitigen Warnung hätten fliehen oder mehr Hab und Gut in Sicherheit bringen können, wähnten sich deshalb in trügerischer Sicherheit.  "Zunächst erhielten wir von der Marine die Information, dass es keinen Tsunami geben werde. Dann hieß es, eine 18 Zentimeter hohe Welle werde auf die Insel treffen. Tatsächlich war sie später dann mehrere Meter hoch", sagt die Leiterin des Katastrophenschutzamtes Carmen Fernandez. 

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