Per Gessle: Hi, wie geht’s dir?
Gut, und selbst?
Per: Ich rede heute ein bisschen zuviel, aber sonst okay. (lacht)
Ihr habt letzte Woche in Hamburg gespielt. Wie hat sich sich das angefühlt, du und Marie wieder auf der Bühne.
Per: Es war großartig. Wenn du mich vor einem Jahr oder auch zwei gefragt hättest, ich hätte nie im Leben daran geglaubt, dass das passiert. Ich mein, das ganze Ding: mit Marie wieder im Studio zu sein, etwas Neues herauszubringen ist eine Wohltat. Und ganz nebenbei lief es auch noch ziemlich gut. Fühlt sich schon großartig an, wieder mit dabei zu sein...
Wie war’s mit dem Publikum?
Per: Sie hatten viele Banner und Plakate dabei, schwedische Fahnen – es war ein großes „Welcome back, Marie“. Das Echo war also enorm und Marie war richtig gerührt.
Habt ihr das vermisst, den Kontakt mit den Fans?
Per: Klar, denn das ist der beste Lohn, den du kriegen kannst!
Wie ABBA und so viele andere erfolgreiche Acts ist Roxette schwedisch. Würdest du sagen, dass dein Heimatland eine großartige „Brutstätte“ für große Musiktalente ist?
Per: Tja, es sieht irgendwie danach aus! (lacht) In Schweden interessiert sich ein unglaublich großer Teil der Bevölerung für „guitar- orientated pop music“. Es gibt viele Bands, die erfolgreich sind: The Hives oder Sugarplum Fairy, The Cardigans, Mando Diao – nur um mal die jüngeren aufzuzählen. Es ist schwierig, einen Grund für diesen Erfolg zu nennen und erst recht, warum wir so viele gute Songwriter hervorbringen. Eigentlich ist es ziemlich seltsam, oder?
Aber in Schweden, lernst du Englisch von klein auf. Jeder in Schweden spricht Englisch. Bei euch werden alle Film- und Fernsehsendungen synchronisiert, in Schweden gibt’s das nicht. Wir hören die englische Sprache Tag für Tag, Stunde für Stunde. Mein Sohn ist jetzt neun und spricht perfekt Englisch. Ich denke, das hilft schon.
Aber das erklärt nicht, warum die Schweden gute Musiker sind. Das muss doch auch etwas mit Talent zu tun haben, oder?
Per: Ja, vielleicht. Aber warum? Wir haben zwar traditionelle Folk- Music, aber das gibt’s doch in vielen Ländern. Ich bin mir nicht sicher, aber was definitiv geholfen hat, ist die digitale Revolution. Du weißt schon, als jeder begonnen hat, Synthesizer und Sequenzer zu nutzen. Das hat uns viel geholfen. Als ich mit Musik begonnen hab, gab es eine riesige Kluft zwischen Platten, die in England aufgenommen wurden und Platten, die in Schweden entstanden sind. Als alles auf einmal digital gemacht werden konnte, fielen diese Barrieren. Du kannst in einem Kaff im Norden von Schweden sitzen und eine Platte für die ganze Welt produzieren!
Du bist ein großartiger Gitarrist und mit Roxette warst du einer der ersten, die rockigen Gitarrensound mit elektronischer Musik kombinierten. Was war für dich zuerst da, die Gitarre oder der Synthesizer?
Per: Gitarren mochte ich eigentlich schon immer. Ich hatte meine erste Band in den 70ern und wir ließen uns ziemlich stark von New Wave und Bands wie Blondie, den Ramones und den Sex Pistols beeinflussen. Also zuerst war definitiv die Gitarre da, aber eigentlich bin ich ein Song- Fan. Ich kann mir einfach alles anhören – ganz egal, ob es Folk- Music ist, ein James- Taylor- Song oder ein wundervolles Lied von Harry Belafonte. Egal, Hauptsache der Song ist da.
Ich glaub das ist für mich der Kern meiner musikalischen Existenz. Ich lieben großartige Songs und ich das ist es, was ich von Anfang an bei Roxette einbringen wollte. Es ist viel schwieriger einen guten Song zu finden, als ein guter Gitarrist zu sein. Wenn du das Talent hast, gute Songs zu schreiben, dann solltest du dich besser darauf konzentrieren. Ich denke das gilt für jeden Künstler, egal wie alt er oder sie ist: Wenn du gute Songs schreibst, wirst du immer Erfolg haben. Die Menschen lieben gute Songs, das sieht man auch daran, wie viele Cover- Versionen derzeit gemacht werden. Gute Songs kommen immer wieder.
Du und Marie, ihr zwei seid immer als Paar gesehen worden – von einigen Leuten, die vielleicht mehr über eure Musik wussten, als über euch selbst, als ein Liebespaar. Wie hat sich eure Beziehung zueinander in den letzten zwanzig Jahren Roxette verändert?
Per: Wir lernten uns kennen, weil sich unsere Bands in den 70ern die Proberäume teilen mussten. Als Roxette passierte, wurden wir soetwas wie partners in crime. (lacht) Es war aber wie bei Bruder und Schwester, wir hatten nie etwas miteinander, sonder immer andere Partner. Ich glaube unsere Beziehung hat sich durch unsere gemeinsame Arbeit definiert.
Andererseits wäre es ziemlich unmöglich Roxette zu machen, wenn man sich nicht mag. Ich glaube wir sind einfach fasziniert voneinander, aber wir sind wie Bruder und Schwester. Es war ein Alptraum, was Marie und ihre Familie durchgemacht haben, als sie krank war. Natürlich hat es auch mich getroffen und andere Leute um sie herum. Das ist auch ein Zeichen für unsere Freundschaft.
Hast jemals daran gedacht, dass du sie verlieren könntest, als Marie krank wurde?
Per: Klar! Die Zeichen standen ja nicht gerade zu ihren Gunsten. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie lebt, Musik macht und wir in Hamburg tatsächlich aufgetreten sind. Es ist sensationell. Wie ich vorhin sagte, wenn du mir das vor zwei Jahren erzählt hättest, ich hätte es dir nicht abgekauft. Es ist ein Segen für alle von uns.
Habt ihr mit Roxette jemals ans aufhören gedacht? Gab es einen Punkt, an dem ihr euch gesagt habt: „Es reicht, etwas Neues muss her“?
Per: Viele, viele Male! (lacht) Wir haben 1996 eine Pause gemacht. Eigentlich gab es Roxette zwischen ’96 und ’98 überhaupt nicht. Auch 2001, nach der Room- Service- Tour, haben wir uns für eine Pause entschlossen. Das heißt nicht, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten wollten, wir mussten einfach etwas anderes ausprobieren.
Und ich glaube, das hat auch gefruchtet. Wenn du eine Band hast, die es schon so lange gibt, musst du dir ab und zu etwas Freiraum geben. Das ist auch bei Roxette geschehen; es macht Spaß wieder miteinander auf der Bühne zu stehen, Fans zu treffen, Promotion zu machen – aber wenn du das die ganze Zeit machst... nichts wird spannender, wenn du es dauernd wiederholst.
Nach so einer Pause, was bringt euch beide wieder zusammen?
Per: Es ist das, was passiert, wenn wir miteinander arbeiten. Ich sage das immer zu Marie und Clarence, unserem Produzenten: Wir bringen unsere Glanzleistungen immer nur dann, wenn wir zusammen arbeiten. Wir können in einander etwas wecken, dass niemand anders herausbringen kann. Frag micht nicht, was es ist. Es steckt etwas in meinen Songs, das nur Marie erkennt und interpretiert. Sie hat ein Gespür für das, wonach ich suche. Dasselbe gilt für Clarence, er versteht mich einfach!
Vielleicht kann man das „Chemie“ nennen?
Per: Ja, das stimmt ganz sicher.
Ich hab Neil Tennant von den Pet Shop Boys einmal gefragt, wie er seine Band auf den Punkt bringen würde, und er sagte: „Ein paar Synthesizer und meine Stimme.“ Kannst du sowas auch bei Roxette machen?
Per: Neil macht sich das sehr einfach, denn die Pet Shop Boys sind viel schwieriger als das! (lacht) Aber – ich mag sie übrigens sehr – ich denke, bei Roxette entstand ein Typus, als wir in den 90ern zum ersten Mal richtig Erfolg hatten. Wir hatten unsere Identität geschaffen und unsere Sound war von diesem Zeitpunkt an „Roxette“. Aber sobald du einmal so weit bist, ist es irrsinnig schwierig diesen Erfolg anders klingen zu lassen.
„I Wish I Could Fly“ mag ich deswegen so besonders, weil wir mit diesem Song unser komplettes Auftreten veränderten, aber immer noch Roxette blieben. (verschnauft kurz) Aber das beschreibt uns trotzdem nicht. (grübelt) Mann, das ist echt schwierig. Vielleicht ist es wirklich so, dass es am Ende doch nur meine Songs und Maries Stimme sind. (lacht) Es gibt einen Grund für diese Band seit ihrer Entstehung, der immer derselbe blieb: Ich bin ein Komponist und sie ist eine Sängerin.
Und da ist eine andere Kontinuität: Maries Haar ist immer länger als deines!
Per: Yeah! (lacht) Das stimmt. Als sie damals beim zweiten Album zur Photosession kam, mit dem gebleichten Haar und der kurzen Frisur; ich erinnere mich noch, wie ich sagte: „Wer ist diese Person?“ Beim ersten Album, da gibt’s auch Fotos, hatte Marie noch langes Haar...
Per, alles Gute und einen Gruß an Marie.
Per: Danke, ich werde es ausrichten.
Interview: Christoph Andert