"Crazy bitch I am!"

Joss Stone im Interview

Musik
25.03.2007 03:38
Mit ihrem dritten Album „Introducing...“ ist Joss Stone dort angekommen, wo sie seit ihrem ersten Auftritt hingehören wollte: Zur Riege der Soulsingers, die ihre eigenen Songs schreiben und bei der Produktion ihrer Platten immer das letzte Wort haben. Andere brauchen ein halbes Leben, bis ihnen das von Plattenfirmen und Marketingabteilungen erlaubt wird: Joss Stone hat es mit 19 geschafft – durch Talent, bedingungslosen Einsatz und vor allem eines: Pausenloses Reden!
kmm

Wer Joss Stone bloß quirlig nennt, kann zu Michael Jackson auch gleich dezent geschminkt sagen. Sie kann im Prinzip gar nichts aus der Ruhe bringen, weil sie in diesen Zustand erst gar nicht gerät. Dasselbe gilt für ihr Mundwerk. Joss Stone redet nur dann nicht, wenn sie schläft und nicht einmal in diesem Punkt ist sie ganz sicher. „Ich weiß es nicht“, sagt sie, „ich schlafe ja allein...“ Wer Joss Stone zehn Fragen stellen will, bräuchte einen ganzen Tag - wir hatten eine knappe halbe Stunde und schafften es, immerhin auf dreieinhalb Themen zu kommen.

„Introducing... Joss Stone“: Die Geschichte des Albums
Mit 14 bekam sie noch als Joscelyn Eve Stoker einen Plattenvertrag bei EMI. Bereits damals, sagt Joss, hatte sie die Idee, das Grundgerüst für „Introducing...“ im Kopf. Es dauerte jedoch zwei Alben und fünf Jahre, bis sie den hart umkämpften Blankoscheck bekam, in ein Studio ging und in Alleinregie ihr Ding durchzog.

Dein neues Album heißt „Introducing... Joss Stone“ und...

JS: ...du willst wissen warum!?

Ähem... ja!

JS: (lacht) Das ist meistens die erste Frage, die kommt. Aber ich hab sie schon so oft beantwortet... (denkt kurz nach und schnippt einen Augenblick später mit den Fingern) Weißt du was, wir machen etwas neues: Ich erzähl sie dir als Geschichte, okay!?

Also: Stell dir vor, du wärst Chef der EMI. Du kennst mich gut, denn du hast mich mit vierzehn unter Vertrag genommen. Ja genau, dieses Mädchen, das davor noch kein einziges Album gemacht hat, noch keine einzige Platte verkauft hat und in ihrem ganzen bisherigen Leben weder im Studio noch auf der Bühne gestanden hat. Und aus irgendwelchen Gründen – vielleicht weil du ein guter Junge bist – hast du ein bisschen Vertrauen in sie und gibst ihr einen Termin.

Und sie kommt, die kleine Miss Stone, ganz versessen auf das Ding, das sie da geplant hat. Jetzt steht sie vor dir und legt los: So will ich, dass mein Album klingt, das sind die Produzenten, mit denen ich arbeiten will, hier hast du die Songs, die ich geschrieben habe und die ich auf der Platte haben möchte. Der Bass soll genau so klingen, die Drums will ich kräftig, ich will diese Musiker und jene Backgroundsinger, ich will bla, bla, bla,... also: Wirst du diesem Kind eine Million Dollar, oder was immer es auch kosten mag, geben? Wirst du sie losziehen lassen, um mit deinem Geld dieses Album aufzunehmen? Would you do it?

Naja, keine Ahnung... aus heutiger Sicht...

JS: Blödsinn, nein! Wenn du halbwegs bei Verstand bist, tust du’s nicht. No way! Ich würd’s ja nicht einmal selbst machen, wenn ich in deiner Situation wär. Die kleine Göre hat sich ja noch nicht einmal bewiesen, sie hat keine Erfahrung und keinerlei Know-How. Punkt, Ende. Also hab ich „Soul Sessions“ (Anmk.: ihr Debütalbum) gemacht. Es sollte nur eine kleine Produktion sein, fünf Songs oder so, damit man wusste, ob es sich verkauft. Ich hatte eigentlich keine Lust, ich wollte es nicht tun – aber ich tat es! I took my chance, crazy bitch I am!

Aber ich stellte schnell fest, dass es ganz schön hart ist, wenn du nicht die Zügel in der Hand hast. Du willst diesen Song nicht auf dem Album haben? Keine Chance, sie packen ihn trotzdem drauf! Du kannst nichts, aber auch gar nichts, dagegen tun. Auf „Soul Sessions“ sind Songs, die ich später nie live gesungen habe, nie! Trotzdem denke ich, dass es noch immer ein gutes Album ist, was ich von „Mind, Body And Soul“ (Anmk.: das zweite Album) nicht sagen kann...

Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?

JS: 
Doch! I think it’s okay. Ich habe ja nicht gesagt, dass es schlecht ist. Es ist okay, und es gibt viele andere Platten, die auch okay sind. Aber warum soll ich meine Zeit damit verschwenden, okay zu sein!? Nicht mit mir! Also, vier Jahre, nachdem ich bei dir zum ersten Mal im Büro war, komm ich wieder. Jetzt bin ich 18, stehe ungefähr so (verschränkt die Arme) vor dir und sage: Hör zu, Mister! Ich hab genug, es reicht – ich hab alles getan, was ihr von mir verlangt habt. Für das zweite Album habt ihr mich an ein paar Songs mitschreiben lassen, Danke dafür. Aber auf diesem Album sind Songs – auch ein paar, die von mir selbst sind – bei denen ich euch gebeten habe, sie nicht draufzuknallen. (löst die gestrenge Haltung und greift sich an die Stirn) Mein Gott, „Security“ ist der billigste Song, der je geschrieben wurde. Verdammt, den hätten sie sich echt sparen können...

Anyway, das hört jetzt auf. Schluss damit! Ich widmete mein Leben mit 14 der Musik. Ich komme selten nach Hause, ich hab kein normales Leben und ich bekomme nie genug Schlaf. Aber das ist es Wert, Musik ist es wert – wenn ich an sie glauben kann und wenn ich 100 Prozent 
dahinter stehen kann. Und bisher war ich bereit, den Preis dafür zu zahlen. Aber wenn einmal der Punkt erreicht ist, an dem ich Dinge tun soll, die ich nicht mag, will ich diesen Preis nicht mehr bezahlen. 

Also, wir sind wieder in der Chefetage (verschränkt die Arme wieder) und ich sage dir jetzt folgendes: Du musst mir jetzt vertrauen, oder ich bin draußen. Ich geh wieder nach Hause, wieder in die Schule und werde Hebamme, wie’s der Plan war. Oder du hast ein bisschen Vertrauen in mich, weil ich jetzt doch schon ein paar Platten verkauft habe, und lässt mich ein Album machen, das ich dir erst vorspielen werde, wenn es fix und fertig ist. Dann fragte er, warum er mir vertrauen solle, ich hätte doch noch nie alleine eine Produktion gemacht. Und ich sagte: Klar, weil du es mir nie erlaubt hast. Fair enough, ich war ein kleines Mädchen, warum auch!? 

Aber jetzt sind andere Zeiten und was ich zu ihm sagte, war das: Wenn ich dir einen Flop liefere, wenn es wirklich furchtbar ist – lass mich fallen. Schmeiß mich einfach raus, ich bitte dich darum! I beg you, drop me! Er sagte: Ich werfe dich nicht raus. Und ich sagte: Okay, dann tanze ich wieder nach eurer Pfeife. Ich würde den Schaden wieder gut machen und die Zeit aufholen, die ich mit der Produktion eines Flops vertan habe. Er hat nur große Augen gemacht. (lacht) Und dann hat er mir zugestimmt. Ein paar Monate später kam ich mit „Introducing...“, und glaube mir, er liebt es vom ersten bis zum letzten Ton!

Schafft „Autotune“ und singende Models ab!
Bei ihrem letzten Album „Mind, Body And Soul“ revidierte Joss Stone ebenfalls die vorangegangenen „Soul Sessions“. Insofern, dass das Nachfolgealbum reifer und mehr nach ihr klang, da sie ja Songs beisteuern durfte. Wenn man sich durch „Introducing...“ hört, erkennt man die gute Mine zum bösen Spiel die sie damals gemacht hat, denn die neuen Songs sind wesentlich gewagter, ausgefallener und bei weitem nicht mehr so aalglatt. Miss Stone, eben. 

„Girl, They Won’t Believe It“, eine auf modern getrimmte Hommage an die Divas der Sechziger, die stets mit Background-Chor sangen. Mit „Put Your Hands On Me“ liefert sie eine streettaugliche Bluesnummer, die Keyboards auf „Proper Nice“ könnten auch von Air oder Daft Punkt stammen. Und das Beste: Mit „What We Were Thinking“ befindet sich nur eine Ballade auf dem Album, die im entferntesten an Gladys Knight erinnert und deswegen durchaus noch Schwung hat.

Joss Stone schwört Stein und Bein, dass jeder Ton auf diesem Album ohne Computerhilfe gespielt wurde: „Und wenn die Drums verzerrt und etwas dreckig nach Hiphop klingen sollten, haben wir einfach so lang an den Mikrofonen getüftelt und an den Knöpfen herumgedreht, bis der Sound herauskam, den ich wollte“. Sie widmet ihre kostbare Zeit lieber dem richtigen Klang eines Schlagzeugs als mit Partyexzessen und kleinen Skandalen in der Zeitung aufzutauchen: „In Afrika werden Kinder als Soldaten in den Krieg geschickt. Die Zeitungen sollten lieber darüber schreiben als über Britney Spears’ Vagina!“ 

Auf dem Cover ihres Albums präsentiert sie sich halbnackt, aber mit dem Rücken zum Betraicht mehr zulassen, dass man mein Gesicht auf das Frontcover eines Albums packt. Das mochte ich nie!“ Es sei sowieso absurd, dass man Musiker nach ihrem Äußeren beurteilt: „Seit es zu jedem Song ein Video geben muss, können auf einmal alle Models singen! Ich würde Autotune (Anmk.: Ein Computerprogramm, das in Studios verwendet wird um die Stimme zu „glätten“. Auf Deutsch: Das Geheimnis, warum Katie Price einen Ton halten kann) nur zu gern abschaffen. Mal sehen, wie viele dann noch übrig bleiben würden.“

Aretha Franklin – der wunde Punkt
Trotz ihrer erst 19 Jahre hat Joss Stone einen weit größeren „Referenzkatalog“ als so manche Popsängerinnen, die mit ihren Idolen spät oder gar nicht zum Duett kommen - bei den meisten ist es ohnehin Madonna und die macht soetwas selten. Joss Stone hat nicht nur James Brown in ihrer Duett-Ahnengalerie sondern auch gleich Stevie Wonder, Gladys Knight, Melissa Etheridge, Robbie Williams und Piano-Genie Jools Holland. Für „Introducing...“ hatte sie zwei kleine Sensationen angepeilt: Lauryn Hill, die mit ihr dann tatsächlich den Hiphop-lastigen Track „Music“ sang, und Aretha Franklin. Bei letzterer legte sich Joss mächtig ins Zeug – doch vergeblich.

Du hattest James Brown, Robbie Williams und Melissa Etheridge als Duettpartner mit teilweise legendären Performances – wer fehlt dir noch auf deiner „Liste“?

JS: Aretha Franklin - aber hier erwischst du einen wunden Punkt. Ich wollte sie auf „Introducing...“ dabeihaben und ich hab es wirklich, wirklich versucht. Ich hatte einen Song für uns geschrieben, ich hatte sie angerufen und sie zeigte ernsthaft Interesse. Dann schickte ich ihr den Song, rief sie an und sie rief zurück und sagte: Ja, das können wir machen. Es war Wahnsinn! Ich hab geweint, ich war total aus dem Häuschen und ich hatte Angst, dass ich vor Aufregung tot umfalle, wenn ich erst neben ihr im Studio stehen würde! 

Aber dann kam ein Hindernis nach dem anderen. Zuerst einmal war da der Papierkrieg. Ich musste ihren Anwalt anrufen, der aber nie da war und auch nicht zurückrief. Ich dachte: Mann, ich kann es mir doch nicht bieten lassen, dass sich ein Anwalt zwischen mich und Aretha Franklin stellt! Also setzte ich mich um sechs Uhr morgens in ein Flugzeug und spazierte direkt in sein Büro. Er war etwas überrascht und sagte, ich solle mich nicht aufregen, nur weil er nicht zurückrufe. Und ich sagte: Jetzt bin ich ja hier, gib die verdammten Papiere her! Und dieser Vertrag war gleich der nächste Hammer. Da drin stand so ungefähr, dass ich ihr mein Haus schenken soll! Nein, meine ungeborenen Kinder! (lacht) Aber selbst das hätte ich ihr gegeben!

Dann sah sich mein Anwalt diese Verträge an und sagte: Joss, das unterschreibst du auf keinen Fall! (lacht) Und schwupp, waren meine drei Kreuze drunter. Das hatten wir dann also. Aretha gab mir zwei, drei Termine, ich glaube, es war der 7. Dezember, der passte. Ich reservierte das Studio, das sie wollte. Und das alles ohne Management! Ich hatte meine Leute mit der ganzen Sache so fertig gemacht, dass sie bis heute nicht abheben, meine E-Mails nicht beantworten. Eine schickte mir sogar die sieben weißen Tauben zurück, die ich für ihre Hochzeit vorbeibringen ließ! Aber egal, das gehört nicht hierher...

Also, ich reservierte das Studio in Detroit mit anderer Hilfe, der Termin war fixiert. Dann ging bei ihr doch irgendeine Kleinigkeit schief und alles platzte. Wir versuchten es noch einmal, aber irgendwann wurde für mich die Zeit zu knapp, da wir das Album ja auch zu einem Termin rausbringen mussten. Nach Weihnachten versuchten wir es wieder, Anfang Jänner verschoben wir den Veröffentlichungstermin des Albums. Ich rief sie an und sagte: Aretha, ich will das. Ich verschiebe alles, solange du nur mit mir auf meinem Album singst! Vonmiraus hätte sie auch summen können, oder bloß ins Mikrofon atmen – egal! (zuckt mit den Schultern) Aber am Ende war klar – sie ist Aretha Franklin und wenn eine Frau einen vollen Terminkalender hat, dann sie! Aber es ist okay, ich kann damit leben. (lacht) Gott wollte mir Lauryn Hill und Aretha Franklin nicht zurselben Zeit geben. Das wäre zuviel, ich hatte schon alles, was ich wollte. 

Wie Joss Stones neue Platte klingt, ist in der Infobox zu hören. Auch das Video zur Single "Tell Me 'Bout It" - in voller Länge! Und selbst wenn es mit Aretha Franklin nicht geklappt hat...

10 von 10 rastlosen „crazy bitches“


Christoph Andert

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