Krone.at: Mick, Gratulation – du wirst Papa…
MH: Oh, Dankeschön – das hat sich ja schnell herumgesprochen.
Krone.at: Naja, es stand ja auf deiner Homepage. Ich schätze, deine Tochter wird die besten Gute- Nacht- Lieder hören, wenn sie auf der Welt ist…
MH: Sie bekommt sie schon jetzt gesungen. (lacht) Es klingt zwar verrückt, aber ich singe ihr täglich etwas vor.
Krone.at: Wie nahe wirst du sie an die Musik heranlassen – muss sie singen lernen?
MH: Puh, ich habe keine Ahnung. Darüber habe ich noch nicht einmal im Entferntesten nachgedacht. Das Wichtigste ist, glaube ich, dass man Kinder einfach machen lässt, mal sieht, für welche Dinge sie Interesse entwickeln. Es zählt für mich nur, was sie sich wünschen wird – ich mische mich da nicht ein.
Krone.at: Wie sah deine Kindheit aus – von musikalischer Sicht aus?
MH: Ach… es war eine unglaubliche Zeit. Ich hatte Glück, 1960 geboren zu sein. Ich war drei Jahre alt, als die Beatles – sie kamen aus unserer Gegend, gerade einmal 35 Meilen von meinem Heimatort entfernt – einschlugen. Wir Kids waren so stolz auf sie, weil sie Talent hatten und aus unserer Gegend, dem Nordwesten Englands, kamen. Vor dieser Zeit kannte man den Nordwesten für seine Fabriken und die Industrie, vielleicht noch für das Fußballteam – sonst nichts.
Als ich sechs war, wollte ich John Lennon sein. Das war’s! Es gab nur Lennon und sonst niemanden. Bei meinem ersten Auftritt hatte ich eine Beatles- Gitarre aus Plastik und ich sang “I Wanna Hold Your Hand” auf einer Hochzeit – mit einer richtigen Band im Hintergrund und einem Paar österreichischer Lederhosen! Kein Scherz: Mein Tantchen Jennifer hatte sie mir von einem Skiurlaub aus Österreich mitgebracht und das war damals etwas sehr Glamouröses! (lacht) Ein Ski- Trip war damals für die Arbeiterklasse aus Manchester wie ein Besuch bei der Queen, 1965 klang das fast unglaublich.
Es war eine goldene Ära, in der ich aufwuchs. Überall war Musik und alle Generationen saugten sie regelrecht in sich auf. Jetzt ist das anders. Es ist nicht mehr dasselbe, ich denke, die Kreativität, das Songwriting hat sich drastisch verändert. Es gibt einfach zu viele Remakes. Und damit meine ich nicht Coverversionen! Es werden Filme neu aufgelegt, TV- Shows aus den Sechzigern kommen auf einmal wieder. Man sieht, wir kommen nicht über die kreative Renaissance der Sechziger hinweg. Ich bin stolz darauf, ein Kind dieser Ära zu sein.
Krone.at: Wann hast du für dich zum ersten Mal entdeckt, dass du ein Talent zum Singen hast und irgendwann einmal davon leben könntest?
MH: Das ist eine sehr eigenartige Geschichte. Ich hab für dieses Gefühl sehr, sehr lange gebraucht. Ich sang zwar schon mit sechs und früher, richtig draufgekommen bin ich aber erst viel, viel später. Das war sogar nach der Zeit, in der ich in die Punk- Bewegung hineingeschlittert war. Bei Punk- Musik achtest du nicht auf deine Stimme – es war damals viel wichtiger gut schreien zu können. (lacht) Als ich Teenager war, sang ich des Singens wegen. Da war niemand, der mir gesagt hätte: „Oh, du hast ’ne tolle Stimme, mach was draus!“ Ich bekam diesen Mut erst so um 1981, 1982 herum. Da kamen die ersten Gedanken wie „eigentlich könnte ich in diesen Beruf einsteigen“ und dergleichen.
Krone.at: Mit Simply Red meint man heutzutage immer öfter dich selbst, als Person. Wann ist Simply Red eine Band und wann ist es der Mensch, Mick Hucknall?
MH: Betrachte uns als Orchester. Würdest du diese Frage Miles Davis stellen? Würdest du Duke Ellington fragen, ob er eine Band ist? (setzt einen gespielt grantigen Blick auf) Das ist dieser Tick bei euch Journalisten, den ich nicht verstehe. Ihr seid so auf Bands wie die Beatles und die Rolling Stones fixiert, dass ihr euch einbläut, es wäre das einzig mögliche System, in dem man Musik machen kann. Schau dir ein Miles- Davis- Box- Set an: Du wirst ein Miles Davis Trio finden, ein Miles Davis Quintett… und mit Simply Red ist das genauso. Es ist ein Überbau für ein Kollektiv von exzellenten Musikern. Ihr Typen müsst euch ab und zu nur einmal selber an der Nase nehmen, dann würdet ihr mich solche Dinge nicht fragen! (lacht)
Nein, im Ernst: Ich sehe mich als Bandleader. Besser gesagt: Ich wurde zu einem Bandleader. Beim ursprünglichen Konzept von Simply Red haben wir so wie du gedacht. Wir wollten Beatles oder Rolling Stones sein. Die Beatles hat es aber nur deswegen so lange als Band gegeben, weil sie drei großartige Songschreiber hatten. Das hat eine Bande erzeugt, auch Jagger und Richards sind der Zusammenhalt der Stones. Bei Simply Red war das nur ich. Ich wurde irgendwann der „Hauptschreiber“ und habe bei jedem neuen Album allein Promotion gemacht. Irgendwann lag die ganze Aufmerksamkeit bei mir.
Es war ja nicht so, dass ich darum gebeten hätte. Ganz im Gegenteil! Unser Manager hat zu meinen Bandkollegen immer wieder gesagt: „Schreibt doch verdammt noch mal ein paar Songs! Wir brauchen Material von euch, ansonsten werdet ihr auf ewig im Hintergrund bleiben.“ Nur: Das war bereits zu dieser Zeit die Realität, und nach ein paar Jahren wurde es offensichtlich, dass wir an diesem Konzept etwas ändern mussten. Ich hatte die ganze Arbeit am Hals, bekam aber eigentlich nicht den Anteil, der mir fairerweise zugestanden hätte. Und so hat sich das dann zu dem entwickelt, was es heute ist.
Krone.at: „Stay“ ist das dritte Album, das du jetzt in Alleinregie auf eurem Label simplyred.com herausbringst. Worin liegt der Vorteil ohne die große Maschinerie eines Majorlabels im Rücken zu arbeiten?
MH: Es ist einfach aufregender, aber auch herausfordernder zugleich. Ich sag’s noch mal: Alle Manager und Musiker da draußen sollten wissen, dass es sehr, sehr, sehr, sehr schwierig ist! Aber es sind gute Nachrichten für Musikliebhaber, wenn sich eine Band dazu entschließt, fortan alles in Eigenregie zu produzieren. Die Unabhängigen müssen viel härter arbeiten und bessere Musik machen. Wir können uns nicht auf eine Multi- Kooperation zwischen fünf Konzernen verlassen!
Wenn das Album nicht gut ankommt, ist es unser Geld, das den Bach runter geht. Hätten wir Sony oder irgendwen in dieser Größenordnung hinter uns, könnten wir ein verpatztes Album locker verkraften. Wir würden auf das nächste oder das übernächste hoffen. Jetzt zählt jedes Album, weil wir uns kein Loch im Budget erlauben können. Wir haben auch für „Stay“ das Beste vom Besten gegeben. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Musikliebhaber und Fans darauf reagieren und uns ihr Vertrauen und ihre Unterstützung schenken.
Krone.at: Die neue Single heißt „So Not Over You“. Wie viel von dir selbst streust du in deine Songs ein?
MH: Ich versuche immer aufrichtig zu sein. Für mich ist Musik etwas reales, es muss etwas greifbares sein – keine Fantasie! Die Art, in der ich Musik kreiere, passt deswegen zu meiner Persönlichkeit und für die Ohren der Leute, weil alles daran aufrichtig und ehrlich ist. Bei „So Not Over You“ hatte ich ein Demo bekommen und mich auf Anhieb in den Song verliebt. Ich habe ihn nur wenig geändert, ein paar Kleinigkeiten auf mich abgestimmt und zum Beispiel den Text von der Gegenwart in die Vergangenheit gesetzt. Wir haben viel daran gearbeitet und waren mit dem Ergebnis am Ende rundum zufrieden. Ich liebe diesen Song, weil er erzählt, wo ich mich selbst vor ein paar Jahren einmal befand. Jetzt nicht mehr, aber damals eben…
Krone.at: Mit „Simplified“ hat Simply Red letztes Jahr viele eigene Klassiker liebevoll reduziert und auf leise, gefühlvolle Interpretationen eingestampft. Was macht die Qualität deiner Songs aus? Was macht die Musik so einzigartig, dass, selbst wenn man die ganze physische Energie aus ihr herausnimmt, trotzdem noch so viel Inhalt übrig bleibt?
MH: Nun ja, ich versuche mich streng an traditionelle Qualitätskriterien zu halten. Was alle große Songschreiber gemeinsam haben, ist die Leichtigkeit mit der sie Melodien schreiben. Sie können dir das Gefühl geben, du hättest diese Melodie noch nie zuvor gehört. In Wahrheit ist es eine Art von Illusion, denn mathematisch gesehen haben wir acht Noten und den Songschreibern gehen allmählich die Kombinationen aus. Irgendwer hat das so oder so ähnlich schon mal gemacht.
Es ist heutzutage ungleich schwieriger gute Melodien zu schreiben als noch vor dreißig Jahren. Mich macht es glücklich, wahrhaftige Texte aus dem wirklichen Leben zu schreiben und sie zu einer Melodie zu singen, die sich für jeden natürlich und wohlklingend anhört; die keine verstörende Wirkung auf dich hat, dich aber trotzdem nicht loslässt und auch nach dem fünften Mal noch toll klingt. Das Ziel jedes Songschreibers ist es, etwas zu erschaffen, das sich die Leute mehr als nur ein Mal anhören können. Das ist das Geheimnis!
Krone.at: Mick, vielen Dank für das Interview!
Interview: Christoph Andert