Prämiertes Drama

Das Maß der Liebe: Michael Hanekes “Amour”

Kino
15.09.2012 17:00
Michael Hanekes Film "Amour – Liebe" erzählt von der letzten Belastungsprobe eines erfüllten Ehelebens angesichts aller Endlichkeit. Die Währung der Liebe ist ihre Bedingungslosigkeit. Hingegen ist die Liebe nicht messbar, ist sie doch selbst maßlos. Da ist das Versprechen, einander zu lieben, zu ehren, ja, zu umfangen, bis "dass der Tod uns scheidet". Wie sehr sich eine Herzensinnigkeit bewährt, zeigt sich oft erst im reifen Alter.

Dass Liebe mehr ist als eine kleine Wunde nach Amors Streifschuss, zeigt Michael Hanekes Werk "Amour" in eindringlichen Bildern. Er, Haneke, der oft genug als Chronist der Grausamkeiten des Menschen abgespeichert wurde und permanent mit der gewollten Verstörung zu kokettieren schien, in Filmen wie "Der siebente Kontinent" oder "Funny Games", hüllt seinen verdient mit der zweiten Goldenen Palme – nach "Das weiße Band" – prämierten Streifen in eine verzweifelte sanfte Zärtlichkeit, die einem die Kehle zuschnürt, zutiefst schmerzt, ins Fleisch schneidet. Und er führt sein cineastisches Skalpell mit ruhiger Hand. 

Gezeigt wird der Lebensabend eines betagten Paares – klug besetzt mit den Schauspielikonen Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, die ihren internationalen Ruf mit Filmen begründeten, in denen die Liebe Aufbruch und Passion war – sie mit "Hiroshima Mon Amour", er mit "Ein Mann und eine Frau". Die beiden spielen die kultivierten Pariser Eheleute Anne und Georges, deren Dasein stets durch die Musik Bereicherung fand. Michael Haneke: "Ohne Jean-Louis Trintignant hätte ich diesen Film nicht gemacht. Ich habe ihm diesen Part faktisch auf den Leib geschrieben." Haneke, der Menschenfischer, der bewusst seine Netze auswirft. Dass seine Arbeiten sehr schauspielerorientiert sind, ja geradezu ausgerichtet auf bestimmte Personen sind, ist kein Geheimnis. So schrieb er "Caché" für Daniel Auteuil, weil er unbedingt mit ihm arbeiten wollte. 

Endlichkeit wird aufgezeigt
Anne und Georges also. Längst ist die Choreographie des Begehrens einer unaufgeregten, tiefen Zuneigung gewichen. Die Welt will nicht mehr in Riesenschritten durchmessen werden, sondern gemächlich, Arm in Arm, solange es noch geht. Auf einen Konzertbesuch, der Verklärung auf die an Jahren reichen Antlitze zaubert, folgt der Schatten der Sorge, weil die Heimtücke einer Krankheit als Entregelung des gewohnten Alltags – und aller Sinne – unbarmherzig zuschlägt. Denn das desaströse Wetterleuchten in Annes Kopf ist ein Gehirnschlag. Und Michael Hanekes Verankerung in der ungeschönten Wirklichkeit bringt uns die eigene Endlichkeit und die physische, nicht aber menschliche Begrenztheit nahe – in aller Scharfsicht und Ehrlichkeit. 

Georges bleibt unverrückbar an Annes Seite. Es ist dies der Beginn einer Chronik vieler kleiner Abschiede, die rührende Addition gemeinsamer Erinnerungen, der eigenen Ohnmacht und dem Vergessen zum Trotz, ein zähes Ringen um Würde – bis zum finalen Akkord: Ein Kapitalverbrechen mit erlösender Konsequenz – die Befreiung von aller Erdenschwere, ein Orgelbrausen in Herz und Hirn – gerät zur filmischen Zäsur, die prägnant Hanekes Handschrift trägt und dem Publikum einiges abverlangt.

Geht für Österreich ins Oscar-Rennen
"Amour – Liebe" wird für den Auslands-Oscar 2013 von Österreich eingereicht. Michael Hanekes filmisch angezettelter Diskurs rund um sein Kammerspiel der Liebe ist einmal mehr radikal, provokativ und ernüchternd. Er, der Pianist werden wollte, hat ein feines Gehör für die Daseinsdissonanzen. Kommentieren möchte er seine Arbeiten nicht. Haneke: "Meine Filme werfen Fragen auf, die ein jeder für sich zu beantworten vermag. Würde ich das tun, wäre das kontraproduktiv für den Film." Was er selbst aus Liebe zu tun bereit wäre, beantwortet sein Drama auf unerbitterliche Weise: alles. 

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