Apple-Handy-Start

iPhone: Paradiesfrucht oder doch fauler Apfel?

Elektronik
29.06.2007 16:15
615 Artikel spuckt Google-News zum Thema iPhone aus, keiner älter als drei Tage - solch einen Hype gab es zuletzt höchstens um Windows Vista, wenn nicht gar Windows 95. In den USA, wo Apples iPhone mit Freitag in die Regale wanderte, prügelten sich die Fachmagazine und Zeitungen vorab um Testgeräte. Die Urteile der ersten Reviews im Wall Street Journal und der New York Times sind positiv, wenn auch kritisch. Abseits sprechen viele von der großen „Handy-Revolution“, andere sehen im iPhone kaum bahnbrechende Neuentwicklungen, und nicht wenige können über den Hype nur noch lachen. Aber was kann das Apfelhandy, das bei uns Ende des Jahres auf der Markt kommt, im Vergleich zu anderen Modellen wirklich?

„Das iPhone wird nicht die globale Erwärmung stoppen. Und es wird auch nicht dem Nahen Osten den Frieden bringen“, schrieb Ellen Lee im San Francisco Chronicle. Und sie hat Recht. Vor dem Apple-Store in New York kampierten bereits am Dienstag eine Hand voll Freaks (siehe Infobox), die unbedingt eines der ersten iPhones ergattern wollen. Man könnte fast meinen, Apple sei eine Religion geworden und zum Glaubensbekenntnis gehöre lediglich, sich mit einem der Apfel-Gadgets einzudecken - und schon ist man dabei. Stimmt ja auch irgendwie, denn das oberste Credo Apples, neben dem überinspirierten Innovationsgeist, ist „in“ und unkompliziert zu sein.

Das Bemerkenswerte an der ganzen Geschichte ist der Image-Wandel, den Apple in den letzten Jahren vollzogen hat. Vor zehn Jahren noch waren Macs pure Arbeitsgeräte mit fortschrittlichem Design für ein paar Nerds, coole Werbefritzen und eine Hand voll Tweedsakko tragender Uni-Professoren. Mit dem iPod und damit auf dem bis dato für Apple völlig fremden Gebiet der Unterhaltungselektronik begann der Siegeszug der Marke, die jetzt zu einer der bekanntesten und bestbewerteten zählt. Nicht zuletzt auch wegen unerbittlicher Image-Pflege und viel, viel Product-Placement – sowohl im eigentlichen Sinn in Film und TV also auch im übertragenen auf den Schreibtischen und Knien der so genannte „Meinungsbildner“. 

Fast zeitgleich mit dem iPod-Hype begann Carrie Bradshaw in Sex and the City auf einem bereits zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg veralteten Powerbook zu schreiben. Für Apple doppelt genial: Erstens, weil die parasoziale Freundin Nummer eins vieler Amerikaner einen Mac benutzte. Zweitens, weil sie sieben Staffeln hindurch auf einem absoluten Auslaufmodell tippte und damit bewies, „das ist ein Gerät fürs Leben“. Aber nicht nur SATC war voll des Apfels: Im Krimi-Fernsehen wechselten die CSI-Leute und Jack Bauers CTU von HP und Dell zumindest teilweise auf Apple-Geräte. Wohlgemerkt: Die Bösen arbeiteten immer auf Windows. 

Menschen kauften sich plötzlich Apple, ohne je einen Blick auf OS X geworfen zu haben. Der skurrile Höhepunkt war erreicht, als Powerbooks und iBooks am Ladentisch zu „Carrie-Computern“ wurden. Aber die Apple-Aktie stieg weiter (und steigt immer noch) und auch der von vielen getreuen Mac-Usern als Verrat an der Eigenständigkeit geächtete Wechsel von IBM-Prozessoren zu Intel-Chips, konnte dem Hype um das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino nichts anhaben. Apple verkauft mehr denn je. Und als Steve Jobs den ersten Prototypen des iPhones mit den Worten „Apple erfindet das Handy neu“ in die Kamera hielt, begann der Hype von neuem – und gipfelt jetzt am 29. Juni mit der tatsächlichen Ankunft des iPhones.

Das iPhone – viel drin und dann fehlt doch wieder alles
Rein von der Ausstattung her betrachtet, ist das 115 Millmeter hohe, 61 Millimeter breite, zirka 12 Millimeter tiefe und in der Acht-Gigabyte-Version 599 Dollar (445,60 Euro) teure iPhone dem Mitbewerb in vielerlei Hinsicht überlegen. In manchen Belangen fehlen dem Apple-Handy aber die einfachsten Funktionen. Die Bedienung ist in jedem Fall einzigartig und neu: Apples „Multi-Touch-Technologie“ macht das berührungsempfindliche Display zur Bühne für ein Fingerballett. Man scrollt mit Wischbewegungen nach unten, oben, zu den Seiten und auch quer über den Neun-Zentimeter-Bildschirm und zieht das Bild zum Vergrößern von Fotos mit beiden Fingern zu sich. Es gibt nur eine einzige physisch vorhandene Taste, genannt „Home“ an der Oberfläche und drei weitere (den Hold- und On/Off-Knopf, Lautstärke, Mute) an den Kanten. Aber die Technologie muss bei den amerikanischen Kollegen auch (leise) Kritik einstecken. So dauert dem Tester des Wall Street Journal das Scrollen durch Listen einfach zu lang, auch dass man weder Ausschneiden, Kopieren noch Einfügen kann, nervt den renommierten Tech-Journalisten Walter Mossberg. Von der New York Times wird bemängelt, dass man für manche Wege einfach zu lang braucht und der Zugang zu den bislang 16 Funktionen etwas umständlich wird. Ein paar Tasten würden dies erleichtern.

Einig sind sich die Tester über das, was dem iPhone fehlt. Und zwar…
…kann es keine Videos aufzeichnen
…hat die Kamera nur zwei Megapixel
…ist es kein UMTS-Handy
…fehlen Möglichkeiten zur Speichererweiterung
…können iPod-Songs nicht als Klingeltöne benutzt werden

Der größte Makel des Apple-Handys dürfte die Nicht-Unterstützung von UMTS oder HSDPA sein. Internet bzw. der Safari-Browser im iPhone soll bis auf den derzeit noch mangelnden Flash- und Java-Support hervorragend und laut NY Times „wie auf einem Mac“ funktionieren, auch die E-Mail-Unterstützung funktioniere blendend, die integrierten Features Google-Maps mit GPRS-Ortung („gut, aber aus Mangel an echtem GPS keine wirkliche Navigationshilfe“) und YouTube-Direktzugang ebenso. Auch die von OSX bekannten Miniprogramme, Widgets, arbeiten zur Zufriedenheit und sind großteils hervorragend auf die iPhone-Plattform adaptiert. Das alles funktioniert aber eben nur, so lange man sich mit dem iPhone in ein WLAN einloggt. Sobald man auf die EDGE- bzw. GPRS-Verbindung angewiesen ist, wünscht man sich laut Wall Street Journal „ein Modem“. Kein Wunder, die derzeit übliche Geschwindigkeit von US-EDGE-Netzen liegt bei etwa 120 kbit/s – da kommt kein YouTube-Video der Welt ruckelfrei auf den Bildschirm.

Peinlich ist auch die fehlende Video-Aufnahmefunktion, zu der sich noch eine nicht gerade breite Formatunterstützung gesellt. Es gibt nur Support für die Quicktime-Formate H.264 und MOV bzw. Videofiles im MPEG-4-Format. Wohl gemerkt: Alles Formate, in denen die im US-iTunes-Store käuflich zu erwerbenden, kopiergeschützten iPod-Filme und TV-Serien erhältlich sind. Die Formatwiedergabe ist somit klar auf die Unterstützung von Bezahl-Content ausgelegt. Überhaupt geht es beim iPhone sehr „partnerschaftlich“ zu: Abgesehen von der großen Google-Einbindung, wird derzeit kein Support für Nicht-Apple-Software in Aussicht gestellt und auch bei den wenigen durch den Markt aufgezwungen Features hapert’s. So können zum Beispiel Word- und Excel-Dokumente betrachtet, aber nicht editiert werden. 

Aber wieder zurück zu den Multimedia-Formaten: Mit dem Support von Windows-Media-Files hätte man ja ohnehin nicht gerechnet, aber selbst normale MPEG-1- und MPEG-2-Videos, DivX-Files oder auch Real-Media-Videos spielt das iPhone derzeit nicht ab. Ärgern tut das aber hauptsächlich die Windows-User, die vielleicht das eine oder andere MPEG-Video gern auf ihren Reisen mitnehmen würden. Hoffen kann man eigentlich nur, dass es möglichst bald Plug-Ins für das auf OS X basierende iPhone-Betriebssystem geben wird, damit man wenigstens beim Surfen WMV-Streams oder die zum Beispiel beim Online-Seller Amazon für die Hörproben benützten Real-Player-Audio-Codecs unterstützt bekommt.

Die iPod-Funktion kommt bei den Testern gut an – wäre auch schlimm, wenn’s Apple hier vergeigt hätte. Wem die acht Gigabyte Speicher reichen, der kommt am iPhone in den Genuss aus einem Mix von proprietärer iPod-Software und dem iTunes aus OS X. Die in iTunes beliebte Blätterfunktion für Albencovers ist nämlich auch am iPhone verfügbar – vorausgesetzt man hat seine Songs bei iTunes gekauft oder zumindest einen iTunes-Store-Account und damit die Berechtigung seine mit iTunes konvertierten Mp3s mit den Coverbildchen zu versehen. Der Klang dürfte dem Vernehmen nach iPod-typische Qualität haben. Völlig unverständlich ist, dass man Songs aus der iPod-Bibliothek nicht als Klingelton verwenden kann. Wobei beide Tester nicht erörtern, ob man sich Soundfiles als Datei in einen Ordner laden kann und diese dann zum Klingelton macht.

Interessant an den US-Testberichten ist, dass der Speicherplatz des iPhones über alle Maße gelobt wird. In der New York Times heißt es gar, dass das iPhone für ein Handy „noch nie dagewesenen Speicher“ biete. Auf dem europäischen Markt sind Acht-Gigabyte-Handys allerdings bereits von Nokia, Sony Ericsson und Samsung erhältlich und wenn, nicht standardmäßig so ausgerüstet, per Speicherkarte e Ob das iPhone beim Kippen von vertikal auf horizontal (das Bild legt sich in diesem Fall automatisch quer) ins Stocken gerät bzw. wie schnell das von Statten geht, wird nicht erwähnt. Auch über die Geschwindigkeit beim Scrollen oder Durchblättern der Albumcovers gibt es nur mäßig Aufschluss. Dazu kommt, dass Apple keine Infos über die Hardware an die Öffentlichkeit gelangen ließ. Man weiß also (noch) nicht, was drin ist.

Was die Tester hingegen bestätigen, ist die bis zuletzt angezweifelte Batterielaufzeit des iPhone, die mit acht Stunden Gesprächszeit und 250 Stunden Standby angegeben wurde. Allerdings stimmen auch die mageren sechs Stunden Zeit zum Internetsurfen und sieben Stunden Nonstop-Videoplayback. Korrekt seien auch die versprochenen 24 Stunden Audioplayback, die damit auf dem Niveau eines iPod nano liegen. Was definitiv überrascht: Beide Tester hatten keine Probleme beim Synchronisieren von Dateien mit Windows. Abgeglichen wird via iTunes, wobei laut Wall Street Journal auch die Synchronisation mit Outlook 2007 unter Windows Vista problemlos von Statten ging.

Telefonieren mit dem iPhone ist nicht billig
In den USA hat Apple kurz vor dem Start auch die Telefoniepreise für das iPhone, das in Kooperation mit nur einem US-Mobilfunkanbieter namens AT&T, der eigens ein Tarifpaket für das Apple-Handy zurechtgeschnitzt hat, vertrieben wird, bekannt gegeben. Es gibt drei Tarifpakete für 59.99, 79.99 und 99.99 Dollar, also 44.60, 59.50 und 74.39 Euro im Monat. Enthalten sind 450, 950 bzw. exorbitante 1350 Telefonminuten in der Geschäftszeit, wobei mit den zwei teureren Tarifen in der Nacht und am Wochenende endlos lang geplaudert werden darf, beim ersten ein Limit von 5000 Gesprächsminuten außerhalb der Geschäftszeiten besteht. Weiters sind in allen Tarifen 200 SMS, unlimitierte Freiminuten netzintern und ebenfalls unlimitierter Datentransfer, sowie „Visual Voicemail“, eine Art Mailbox-Player, mit dem man durch Sprachnachrichten blättern und die Nachrichten wie auf einem iPod anhalten, vor- und zurückspulen kann. Von Mobilfunkanbietern in Österreich wird ein derartiges Service zurzeit nicht angeboten. Frisch gebackene iPhone-Besitzer melden ihr Handy übrigens nicht im Apple-Store an, sondern legen Tarif und dergleichen beim ersten Aktivieren übers Internet fest.

Warten auf das Europa-iPhone
Dass uns die Amerikaner mit dem iPhone um ein halbes Jahr voraus sind, muss ausnahmsweise kein Grund zum Trübsal blasen sein. Obwohl Apple wie immer „zu keinen Spekulationen Stellung nimmt“, so ist es durchaus möglich, dass bei uns Ende des Jahres ein „iPhone 2.0“ ankommt. Der Ausbau mobiler Breitbandnetze ist speziell in Österreich aufgrund seiner kleinen Größe meilenweit vor dem Standard, auf dem sich die US-Netze derzeit befinden. Ein Nicht-UMTS-fähiges iPhone, das ja in fast all seinen „bahnbrechenden Funktionen“ Internetdienste meint, in Europa anzubieten, würde Apple kräftige Umsatzeinbußen bescheren. Wobei ohnehin abzuwarten ist, ob sich Apple nicht auch bei den Amerikanern am langsamen EDGE verkantet hat. Auch die Europa-Varianten von Zusatzdiensten wie „Visual Voicemail“ wird man abwarten müssen. So oder so werden die Europäer von den beim hiesigen Start wahrscheinlich schon zuhauf vorhanden Plug-Ins, Programmen und den ersten Customizing-Hacks profitieren. Apple selbst stellt vieles in Aussicht, unter anderem eine Unterstützung für den iTunes-Store und Updates des Betriebssystems, die in den nächsten Wochen kommen.

Trotzdem ist noch vieles offen. Nicht zuletzt müssen die Vertriebspartner ausgesucht bzw. Deals ausverhandelt werden, weshalb für Europa auch noch keine Preise feststehen. Bei der übrigen Apple-Hardware sind Geräte in Amerika auch ungeachtet des Dollar/Euro-Kurses deutlich günstiger. Im Prinzip ist es noch nicht einmal fix, ob das Apple-Handy in Österreich überhaupt erhältlich sein wird. Wahrscheinlich ist es dennoch. 

Die Zeit bis Weihnachten ist noch lang und einstweilen warten wir auf die ersten Bilder hoffnungslos geplünderter Apple-Stores, die Krankenhausakte eines von leer ausgegangenen Campern verprügelte Neo-iPhone-Besitzers und finalement auf das erste Foto (oder sogar Video) eines von Elektrosmog-Aktivisten zerstörten iPhones. Auch wenn Apple das Handy neu erfunden haben will – die Gesetze einer Markteinführung finden auch bei Wunder-Unternehmen rigoros Anwendung. Also: Lehen Sie sich zurück – genießen Sie die Show!


Christoph Andert

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