Obwohl die "Wandler" tief schlafen, sind sie
dennoch in der Nacht unterwegs, stehen auf, essen, öffnen
Türen und kehren zumeist von selbst wieder in ihr Bett zurück,
ohne aufzuwachen. Das Schlafwandeln (Somnambulismus) gilt als
hypnoseähnlicher, zumeist harmloser Zustand, an den sich
der Betroffene am nächsten Tag nicht mehr erinnern kann.
Viele wissen nichts davon
Mag. Ilse Müller, Psychotherapeutin am Institut
für Psychosomatik und Verhaltenstherapie in Graz, schätzt
die Zahl der schlafwandelnden Kinder und Jugendlichen auf drei
bis fünf Prozent, bei Erwachsenen ist der Anteil geringer.
Jedoch darf man nicht außer Acht lassen, dass die Dunkelziffer
der Betroffenen höher liegt. Viele wissen nämlich gar
nicht, dass auch sie zu dieser Gruppe gehören, bis sie ein
Angehöriger darauf aufmerksam macht. Andere wiederum sprechen
aus Scham nicht über ihre nächtlichen Ausflüge.
Vollmondspaziergang
Die Ursachen für die nächtlichen Ausflüge
sind zum Großteil unerforscht. Als mögliche Auslöser
sind jedoch zum Beispiel Stress, psychosoziale Belastungen, fiebrige
Erkrankungen sowie Alkoholmissbrauch und bestimmte Medikamente
im Gespräch. Schlafwandeln ist möglicherweise sogar
vererbbar und scheint oftmals in Vollmondnächten aufzutreten.
Zunehmen im Schlaf
Mag. Ilse Müller erklärt, dass Betroffene
zumeist dann Hilfe bei ihr suchen, wenn sie während des Schlafwandelns
in eine gefährliche Situation geraten waren oder nächtliche
"Fressattacken" in den Griff bekommen wollen. Sie schildert ein
Beispiel: "Ich behandelte einen Mann, der einmal pro Woche während
des Schlafwandelns den Inhalt seines gesamten Kühlschranks
in sich hineingestopft hat." Die Folge waren prompt Gewichtsprobleme.
Die Therapeutin vermutete in diesem Fall eheliche Probleme und
eine Angststörung als Auslöser. Nach einer halbjährigen
Behandlung konnte das Schlafwandeln deutlich verringert werden.
"Eine Therapie muss immer genau auf den Patienten
abgestimmt werden. In diesem Fall wirkte ein gezieltes Angst-
und Stressbewältigungstraining in Kombination mit Entspannungsübungen",
so Mag. Ilse Müller.
Wecken oder schlafen lassen?
Rund um dieses Thema kreisen "mystische" Überlieferungen,
ob und wie man Schlafende aufwecken darf. Die meisten Ratgeber
empfehlen Angehörigen, den Schlafwandler wieder behutsam
ins Bett zurück zu begleiten, ohne ihn aufzuwecken. "Die
Scheu davor, einen Schlafwandler aufzuwecken, ist völlig
unbegründet", entgegnet jedoch Dr. Rudas, "Gerade in Situationen,
in denen er gefährdet ist, sich zu verletzen, ist es sogar
notwendig, den Schlafenden zu wecken!"
Um gefährliche Unfälle zu vermeiden, genügt
es bereits oft, Hindernisse in der Wohnung des Schlafwandlers
zu beseitigen bzw. die Türen sorgfältig zu verriegeln.
Wenn das Schlafwandeln gehäuft auftritt und zur Qual wird,
sollte der Betroffene eine Behandlung anstreben (bei Psychotherapeuten,
Psychologen, Psychiatern) oder sich an eine Selbsthilfegruppe
wenden.