Wir baten Josef Resch von "Wilk Lernhilfe", einem Wiener Lerninstitut für Nachhilfe und Weiterbildung, in einem Interview um Tipps, wie man frühzeitig Lernschwächen erkennt, diese fördert und was man zu beachten hat, wenn der "Blaue Brief" doch ins Haus flattert.
krone.at: Wie erkenne ich früh genug, dass mein Kind den Lernstoff nicht aufnehmen kann?
Resch: Probleme in Schulfächern entstehen nicht von heute auf morgen. Wenn man sich für den allgemeinen Schulalltag seines Kindes interessiert und mit seinem Kind über den alltäglichen Ablauf in der Schule spricht, bleibt man immer am Ball und die Kommunikation reißt nicht ab. So kann man in der Regel schnell herausfinden, ob es in einem Schulfach zu kriseln beginnt bzw. ob das Kind mit einem Fach oder mit dem neuen Schultyp überfordert ist.
krone.at: Wie motiviere ich mein Kind, freiwillig die Schulaufgaben zu machen bzw. für Prüfungen zu lernen?
Resch: Grundsätzlich gilt: Jedes Kind weiß, dass es für Prüfungen lernen muss, und jedes Kind will eigentlich gute Noten haben. Es hat also keinen Sinn, Schülerinnen und Schülern dauernd Vorhaltungen zu machen und herumzunörgeln. Sie wissen ohnehin, was sie tun müssten. Wichtig ist, die Kinder immer zu loben, wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht haben bzw. wenn sie sich auf Prüfungen vorbereiten. Am besten geht man dabei selber mit gutem Beispiel voran und bucht endlich den Sprachkurs oder den Buchhaltungskurs etc., den man schon immer machen wollte. Einfach vorzeigen, dass es Spaß macht, neue Dinge zu erlernen und diese dann auch anzuwenden.
krone.at: Welche verschiedenen Lerntypen gibt es und wodurch unterscheiden sie sich?
Resch: Man unterscheidet grob zwischen vier Lerntypen. Der auditive Lerntyp nimmt den Lernstoff bevorzugt über das Gehör auf, der visuelle Lerntyp verarbeitet vornehmlich optische Reize, der haptisch- motorische Lerntyp braucht Aktion, Bewegung und Handlung im Lernvorgang, während beim kommunikativen Typ der Austausch mit anderen im Vordergrund steht.
krone.at: Kann man Lernen lernen?
Resch: Das Lernen ist selbst eine erlernte Fähigkeit, ähnlich wie das Skifahren oder Sprechen. Es gibt eine Unzahl von Lerntechniken, die man effizient einsetzen kann, um Dinge leichter zu erlernen. Spezielle Bedeutung kommt hier dem jeweiligen Lerntypus zu. Je nach Lerntyp sind unterschiedliche Lerntechniken sinnvoll und können zur Anwendung gebracht werden. Ein klassisches Beispiel sind Lernkarteien für das Vokabeltraining.
krone.at: Wann ist Einzelunterricht angesagt, wann eher Gruppenunterricht?
Resch: Bei großen Stofflücken, verursacht durch lange Schulbesuchsunterbrechungen, ist Einzelunterricht sicher die erste Wahl. Wurde der Stoff schon in der Schule durchgemacht, ist in der Regel Gruppenunterricht ausreichend. Bei Gruppenunterricht ist die Gruppengröße entscheidend, sie sollte auf keinen Fall mehr als fünf Personen betragen - optimal sind maximal vier Teilnehmer. Oftmals wird je nach Stoffgebiet eine Kombination aus Gruppen- und Einzelunterricht gewählt. Eine genaue Abklärung des tatsächlichen Bedarfs ist in einem persönlichen Gespräch mit den Eltern und Schülern möglich.
krone.at: Oft spielt im Unterricht auch die Sympathie zu einem Lehrer eine große Rolle (beidseitig). Trifft das auch auf Trainer bei der Nachhilfe zu? Was kann man bei Antipathie tun?
Resch: Sympathie ist ganz wichtig bei einer persönlichen Dienstleistung wie Nachhilfe. Seriöse Institute bieten generell die Möglichkeit einer Schnuppereinheit, um sich gegenseitig kennenzulernen. Wenn die Chemie nicht stimmt, sollte man die Nachhilfelehrkraft wechseln. In der Schule geht das leider nicht so leicht - hier ist eine Änderung der Situation leider nur über einen Klassen- oder Schulwechsel möglich.
krone.at: Bedeutet es, wenn der Schulabschluss negativ ist, dass die gesamten Ferien ein "Lerndrama" werden?
Resch: Nein! Die Welt geht ja nicht unter und ferienüberspannende "Lerndramen" sind auch nicht notwendig. Eine ambitionierte Vorbereitung im August ist in der Regel ausreichend, um die negative Note auszubessern!
krone.at: Sollte man dann die ganzen Ferien täglich Lerneinheiten anlegen oder eher intensiv nur ein Monat davor anfangen?
Resch: Die Sommerferien sollen unbedingt auch der Erholung dienen! Eine Vorbereitung über die ganzen Sommerferien ist nicht anzuraten, da der im Juli gelernte Stoff bis zum Schulanfang teilweise wieder vergessen wird und darüber hinaus eine Erholungsphase in den Ferien unbedingt notwendig ist. Also im Juli einmal ordentlich Urlaub machen und dann mit Anfang August mit dem Lernen beginnen. Man sollte drei bis vier Wochen Zeit für die Nachprüfungsvorbereitung einplanen - erfahrungsgemäß werden so die größten Erfolge erzielt. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, d.h. jeden Tag intensiv zwei bis vier Stunden vorbereiten, üben und lernen. Vor der Vorbereitungsphase sollte man die Lernziele formulieren, Unterrichtsmaterialien sammeln und einen Zeitplan erstellen, damit nichts übersehen wird und man termingerecht vor der Nachprüfung fertig wird.
krone.at: Wann ist es günstig zu entscheiden, dass das Kind einfach eine Klasse wiederholen soll?
Resch: Das ist eine schwierige Frage! Es gibt nicht ohne Grund die Möglichkeit, dass man mit bis zu zwei negativen Noten eine Nachprüfung machen kann - es wurde der Rest der Fächer ja bestanden. Wenn man sich die Note bei der Nachprüfung ausbessern kann, ist man normalerweise auch für das folgende Jahr gut gerüstet, weil man sich in den Ferien intensiv mit dem Stoff auseinandergesetzt hat. Man sollte demnach die Nachprüfung auf alle Fälle probieren. Es gibt aber auch Ausnahmen: Kinder, die noch nicht die Reife für eine Schulstufe besitzen und in der Folge noch einige Jahre überfordert sein werden, sollten eventuell die Schulstufe wiederholen. Hier sollte man aber in jedem Fall den Rat eines erfahrenen Schulpsychologen einholen. Auch ein Gespräch mit dem Klassenvorstand des Kindes ist essentiell, bevor man eine solche Entscheidung trifft.
krone.at: Kann Lernen auch Spaß machen?
Resch: Lernen ist immer auch mit Anstrengung verbunden. Spaß stellt sich dann ein, wenn auch Erfolge erzielt werden, d.h. wenn die Noten gut sind. Da unterscheidet sich das Lernen für Mathematik nicht vom Training für Fußball oder etwas Ähnlichem. Bei einer breit gefächerten Ausbildung sind immer Fächer dabei, die nicht so interessant sind und wo das Lernen als mühsam empfunden wird. Anwenden von verschiedenen Lerntechniken, Berücksichtigung des Lerntyps und schließlich ein angenehmes, motivierendes Familienklima sind entscheidende Zutaten für erfolgreiches und spaßmachendes Lernen. In diesem Sinne: Erfolg ist erlernbar - und Erfolg macht immer Spaß!