Welt ohne Moskitos?

Forscher: “Natur würde Gelsen kaum vermissen”

Wissen
29.07.2010 15:19
Nicht nur der Mensch, auch die Natur in Österreich würde Stechmücken - sollte es gelingen, sie völlig auszurotten - kaum vermissen. Das ist die Ansicht des Gelsenforschers Bernhard Seidel zu der in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" aufgeworfenen Frage, wie eine Welt ohne Moskitos aussehen würde. Die Meinung dazu ist unter den befragten Experten aber alles andere als einheitlich.

Das Argument, dass ohne Stechmücken in der Luft und deren Larven im Wasser wichtige Glieder in der Nahrungskette fehlen würden, lässt Seidel nicht gelten. Die Tiere treten - jedenfalls in normalen Gelsenjahren - oft in großen Mengen, aber immer nur kurzfristig und zu unvorhersehbaren Zeiten auf. "Keine Tiergruppe kann es sich leisten, sich auf das Vorkommen der Stechmücken im Jahresverlauf zu verlassen, daher wird sich auch kaum etwas ändern, wenn die Mücken dezimiert werden oder ganz fehlen", argumentierte Seidel.

Wissenschaftler sind aber uneins 
Im Magazin "Nature" gibt es allerdings auch mahnende Stimmen. Vor allem in Gebieten wie der arktischen Tundra, wo Stechmücken teilweise in unvorstellbaren Massen vorkommen, könnte das Fehlen der Tiere deutliche Auswirkungen haben. So gibt es Untersuchungen, dass die Mücken bis zu 300 Milliliter von einem einzigen Karibu pro Tag abzapfen. Fällt der Aderlass weg, könnten sich die Herden vergrößern - mit nicht zu unterschätzendem Einfluss auf die Ökosysteme der hohen Breiten.

Daneben gibt es aber auch Spezialisten, die sich auf die Gelsen als Nahrung spezialisiert haben, wie den Moskitofisch. Er wurde und wird zu Unterdrückung der wasserlebenden Larven eingesetzt. Verschwinden die Stechmücken, könnten die Fische aussterben.

Weltweit 3.500 verschiedene Arten
Einig sind sich die Wissenschaftler allerdings, dass die Ausrottung der Steckmücken für den Menschen äußerst positive Effekte hätte. So werden laut "Nature" jährlich 247 Millionen Menschen mit der ausschließlich von bestimmten Gelsenarten übertragenen Malaria infiziert, eine Million stirbt pro Jahr daran. Weltweit sind rund 3.500 Moskitoarten bekannt und beschrieben, wobei aber nur einige Hundert Spezies auch den Menschen stechen und nerven.

Stechmücken gibt es schon 100 Millionen Jahre
Aus Sicht eines Evolutionsforschers ist das Modell Stechmücke ein höchst erfolgreiches, sie leben seit über 100 Millionen Jahren auf dem Planeten. Sie könnten also schon die Saurier gepiesackt haben - wiewohl für die Saurierhaut ein besonders kräftiger Stachel notwendig gewesen wäre.

Gelsen-Plage dürfte noch weitergehen
Die heuer in vielen Gebieten ungewöhnlich lästigen Gelsen dürften sich nach Ansicht des Gelsen-Forschers noch eine Weile halten. Die sogenannten Überschwemmungsgelsen haben sich zwar schon längst verabschiedet, durch die herrschende Witterung drängen aber andere Arten nach und verderben so manchen Grillabend. 

Durch den feuchten Frühling und Frühsommer haben die Hausgelsen und andere Arten einen frühen und idealen Start in die Saison gehabt. Im Gegensatz zu den Überschwemmungsgelsen, die als Eier kalte und trockene Perioden überstehen, überdauern diese Tiere als lebende Insekten. Im Frühling beginnen vergleichsweise wenige Weibchen mit dem Brutgeschäft, erst im Laufe des Sommers kommen die Populationen so richtig in Schwung.

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