Absurder geht nicht

Zombie trifft auf Glücksbärchi in “Lollipop Chainsaw”

Spiele
14.06.2012 14:40
Zombies haben Hochkonjunktur. Blonde Cheerleaderinnen in Mini-Röcken sowieso. Eine Kombination aus beidem wie in "Lollipop Chainsaw" klingt daher äußerst vielversprechend. Und tatsächlich: Das fröhlich-blutige Kettensägen-Gemetzel entpuppt sich als herrlich schräger Anarcho-Spaß für zwischendurch.

Juliet Starling mag auf Außenstehende wie ein gewöhnliches Mädchen wirken, doch die 18-jährige Schülerin hütet ein dunkles Geheimnis: Nicht nur ihre Eltern und ihre beiden Schwestern, nein, auch sie selbst ist seit frühester Kindheit eine gefürchtete Zombie-Jägerin. Ihren ersten Untoten erschlug sie im zarten Alter von sechs Monaten mit einer Rassel, inzwischen hat sich die Cheerleaderin auf andere Waffen spezialisiert: gelbe Pompons und eine pinke Kettensäge.

Invasion der rockenden Zombie-Lords
Wirklich trashig wird es in "Lollipop Chainsaw" aber erst, als sich eine Gruppe rockender Zombie-Lords mitsamt einer Heerschaar schlurfender Leichen auf die Erde verirrt und diese sich ausgerechnet auf Juliets College-Flamme Nick stürzen. Juliet – so viel sei verraten – eilt dem smarten Schönling zur Hilfe, kommt jedoch zu spät, um ihn vor dem Biss eines Zombies zu bewahren.

Mit dem nötigen Hintergrundwissen über magische Rituale ausgestattet, greift Juliet kurzerhand zur Kettensäge, schneidet Nick den Kopf ab und rettet ihn damit vor dem kläglichen Schicksal des Zombie-Daseins. Der nun körperlose Nick baumelt fortan am Gürtel der Zombie-Jägerin, um dieser mit dem einen oder anderen praktischen Handgriff, vor allem aber als humoriger Sidekick zur Seite zu stehen bzw. zu baumeln.

Pompons und Kettensäge
So weit, so außergewöhnlich die Hintergrundgeschichte aus der Feder von Drehbuchautor James Gunn (u.a. "Slither - Voll auf den Schleim gegangen", "Dawn of the Dead"), die skurriler kaum sein könnte. Weitgehende Normalität herrscht hingegen in spielerischer Hinsicht: Mit schnellen Pompon-Schlägen bzw. -Tritten, kraftvollen Kettensägen-Hieben oder einer Kombination aus beidem, rückt Juliet den Untoten zu Leibe und sammelt dabei Münzen, die sie an speziellen "Chop2Shop"-Verkaufsautomaten wieder investieren kann.

Zur Auswahl stehen unter anderem Gebrauchsartikel wie Lollipops (Gesundheitsregeneration), diverse Tränke und Sandwiches zur dauerhaften Verbesserung körperlicher Attribute, etwa Stärke oder Gesundheit, sowie neue Outfits, die von Mal zu Mal mehr zu enthüllen als zu verdecken scheinen. Auch Songs und Artworks, beispielsweise Konzeptzeichnungen, lassen sich gegen bare Münze freischalten.

Vielfältig einsetzbares Multifunktionswerkzeug
Für weitere Abwechslung sorgen Kettensägen-Upgrades, die Juliet im Spielverlauf von ihrer Verwandtschaft überreicht bekommt. Dazu zählen eine bessere Motorisierung für den sogenannten Kettensägen-Ritt oder eine Blaster-Erweiterung, die das ursprüngliche Nahkampf-Werkzeug zu einer gefährlichen Distanzwaffe umfunktioniert. Und dann wäre da schließlich noch Nick: Von seinem Körper losgelöst, kann er mit dem entsprechenden Extra gegen die Untoten geschossen werden, kehrt dabei jedoch wie ein Bumerang immer wieder zu Juliet zurück.

Nick kann jedoch noch mehr: Neben einem weiteren Spezialangriff, der im Austausch gegen einen bestimmten Spielgegenstand aktiviert wird, erlaubt ihm sein neuer Zustand, kurzfristig die Kontrolle über kopflose Zombies zu übernehmen. Auf deren Körper aufgeschraubt, kann Nick in Form eines Quick-Time-Event-Minispiels so etwa Hindernisse aus dem Weg räumen.

Glühende Daumen
Ohnehin scheinen Quick-Time-Events, also das rechtzeitige Drücken einer eingeblendeten Tastenabfolge, und kleinere Herausforderungen zwischendurch zu einem bevorzugten Spielelement der Entwickler zu zählen. Das bringt die Daumen der Spieler schon im mittleren von drei Schwierigkeitsgraden gehörig zum Glühen. So gilt es unter anderem, in einem Basketball-Match möglichst viele Zombie-Köpfe im Korb zu versenken, Nick im Baseball-Stadion bei einem Homerun-Versuch Rückendeckung zu geben oder brennende Selbstmordattentäter-Zombies von einer großen Geburtstagstorte aus Dynamit fernzuhalten.

Ein Hauch von "Glücksbärchi"-Atmosphäre
Virtuelles Blut fließt dabei jedes Mal reichlich. Dass "Lollipop Chainsaw" trotzdem nicht brutal wirkt, ist den zahlreichen bunten Sternen, Regenbögen und rosa Herzchen zu verdanken, die zeitgleich durchs Bild schwirren und damit jeder noch so grausigen Szenerie einen Hauch von "Glücksbärchi"-Atmosphäre verleihen. Warum alles denn so kitschig aussehe, fragt auch Nick. Juliets Antwort: "Weil es geil aussieht."

Derlei Selbstironie, der Mut, sich selber nicht ernst zu nehmen, und das Persiflieren gängiger Klischees machen dann auch zu einem guten Teil den Humor des Spiels aus. Kritik muss sich "Lollipop Chainsaw" hingegen wegen der gerade anfangs eher einfallslosen und schlauchartigen Levelarchitektur gefallen lassen. Störend fällt zudem auf, dass die Qualität der grafischen Darstellung teils stark zwischen "sehr hübsch" und "eher unansehnlich" schwankt.

Fazit: Eine attraktive Hauptdarstellerin im knappen Kostüm plus Kettensäge, rockende Zombies, Regenbögen, Herzchen und Lacher am laufenden Band - Gamer-Herz, was willst du mehr? "Lollipop Chainsaw" ist so dermaßen absurd, dass es einem die Freudentränen in die Augen schießen lässt - vorausgesetzt, man teilt die Vorliebe der Entwickler für Trash, Kitsch, weitgehend sinnfreie Dialoge und den schrägen musikalischen Mix aus Bubble-Gum-Pop und -Metal. Täuschen lassen sollte man sich von der bunten und schrillen Optik allerdings nicht, verbirgt sich darunter doch so manch zähe Herausforderung, die selbst geübte Gamer-Daumen ins Schwitzen bringt.

Plattform: PS3 (getestet), Xbox 360
Publisher: Warner Bros. Interactive
krone.at-Wertung: 8/10

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