Controller-Verlust

Voller Körpereinsatz mit Microsofts Kinect

Spiele
04.11.2010 09:33
"Irre, wie in 'Minority Report'", ist ein Satz, den ich in den letzten Tagen von Freunden häufiger zu hören bekommen habe. Verantwortlich dafür zeichnet Microsofts neue Bewegungssteuerung Kinect, die den Körper zum Controller und Eingabegeräte damit überflüssig macht. Ab nächsten Mittwoch ist der neue Spielspaß hierzulande erhältlich - auf krone.at erfährst du schon jetzt, was Kinect alles kann und worauf es vor dem Kauf zu achten gilt.

Ob auf der E3 in L.A. oder zuletzt im Rahmen der "Game City" im Wiener Rathaus: Gelegenheit, Microsofts Bewegungssteuerung auszuprobieren, hatte ich in den vergangenen Monaten häufiger. Doch Presse-Termine, bei denen quasi "Laborbedingungen" vorherrschen und man immer nur kurze Auszüge eines Spiels präsentiert bekommt, erlauben kein umfassendes Urteil. Umso neugieriger war ich deshalb, Kinect erstmals vollständig und ausgiebig in den heimischen vier Wänden auszuprobieren.

Zwei gute Nachrichten vorweg: Kinect funktioniert, anfangs zwar nicht immer genauso, wie man es sich gerade wünscht, doch bereits nach kurzer Eingewöhnung gut genug, um alleine oder im Gruppenverband unterhalten zu werden. Und das nicht zu knapp, was die zweite gute Nachricht ist. Selbst meine Wenigkeit, ein ausgewiesener "Core-Gamer", der im Normalfall einen weiten Bogen um Minispiele macht (oder es zumindest versucht), musste sich nach vielen Stunden mit Kinect eingestehen, dass damit zu spielen großen Spaß macht.

Schnäppchen oder teurer Spaß?
Letzteres kann man mit Nintendos Wii und Sonys Move aber auch haben, weshalb sich die Frage stellt, weshalb man ausgerechnet zu Kinect greifen sollte. In Hinblick auf den Preis macht das Microsoft-System nämlich zunächst keine allzu gute Figur: Der Kinect-Sensor schlägt inklusive einem Spiel mit 149 Euro (UVP) vergleichsweise teuer zu Buche. Bundles mit einer 4-GB- oder einer 250-GB-Konsole gibt es um 300 bzw. 350 Euro. Das "Starter Pack" für Sonys PlayStation Move, bestehend aus Kamera, Motion-Controller und Spiel, kostet hingegen bloß 65 Euro, die neue Wii-Fernbedienung Plus sogar nur rund 40 Euro.

Was bei dieser Rechnung allerdings gerne übersehen wird, sind die Folgekosten für weitere Controller. Ein zusätzlicher Motion-Controller kostet bei Sony 40 Euro, der Controller für die zweite Hand ist für 30 Euro zu haben. Wollen zwei Spieler den vollen Funktionsumfang gewisser Games genießen, sind zusätzlich zum Starter-Pack also drei weitere Controller um insgesamt 100 Euro vonnöten. Das macht unterm Strich 165 Euro. Ähnlich verhält es sich bei Nintendo: Für vier Controller – zwei WiiMotes und zwei Nunchuks – werden gut 120 Euro (UVP) benötigt. Kinect, für das es keiner zusätzlichen Controller bedarf, ist demnach zwar kein Schnäppchen, aber nicht bzw. nur unwesentlich teurer als die Konkurrenz.

15 Spiele zum Start erhältlich
Wichtigstes Kaufargument neben dem Preis sind jedoch die Spiele: Als relativ junge Mitbewerber im Bewegungssteuerung-Markt haben hier Microsoft und Sony im Vergleich zu Nintendo noch das Nachsehen. Das Angebot an Move- bzw. Kinect-Titeln ist dementsprechend überschaubar. Zum Kinect-Start am 10. November werden 15 Spiele erhältlich sein, weitere folgen in den Wochen darauf. Ihnen vorerst noch gemein ist die Ausrichtung auf Sport ("MotionSports", "Sport Island Freedom", "EA Sports Active 2"), Tanz ("Dance Paradise Kinect"), Fitness und familienfreundliche Mini-Spielchen. Auch Zauberlehrling Potter kommt in EAs "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" ohne Controller aus.

Microsoft hat allerdings stets betont, dass die Core-Gamerschaft langfristig gesehen nicht außen vor bleiben soll, und kündigte wie zum Beweis im Rahmen der Tokyo Game Show mit "Haunt" und "Rise of the Nightmares" (Sega) beispielsweise zwei Grusel-Games mit Kinect-Unterstützung für 2011 an.

Die Vorkehrungen
Offen bleibt zunächst, ob sich mit Kinect jemals Egoshooter ähnlich präzise und exakt wie mit einem herkömmlichen Controller spielen lassen werden. Doch auch ohne die typischen Blut- und Baller-Titel macht das Microsoft-System, wie eingangs bereits erwähnt, mächtig Laune. Davor gilt es allerdings die fast schon typischen "Vorkehrungen" zu treffen, das heißt Platz schaffen und Möbelstücke aus dem Weg räumen. Der Kinect-Sensor – eine "motorisierte" Kamera samt integriertem Mikrofon und Infrarot-Tiefensensor – braucht nämlich ein bestimmtes Arbeitsklima. Konkret bedeutet dies, dass der Sensor zwischen 0,6 und 1,8 Meter über dem Boden platziert werden sollte, und das möglichst mittig unter- oder oberhalb des Fernsehers.

Großer Platzbedarf
Bei wem diese Anforderungen nicht erfüllt werden, der findet bei Microsoft offizielles Zubehör in Form einer entsprechenden Wandhalterung, eines Standfußes sowie einer speziellen Befestigungsmöglichkeit zur Anbringung auf dem TV-Gerät zum Preis von 20, 30 und 40 Euro. Nicht weiterhelfen kann der Hersteller hingegen beim Platzbedarf: Die empfohlene Entfernung vom Sensor zum Einzelspieler beträgt 1,8 Meter, bei Games, die zu zweit gespielt werden, sollten es 2,5 Meter sein. 

Neue Steuerzentrale: der Kinect-Hub
Sind diese Grundbedingungen erfüllt, steht dem Vergnügen jedoch nichts mehr im Wege. Besitzer einer neuen Xbox 360 S können den Kinect-Sensor direkt an die Konsole anstöpseln und loslegen; bei älteren Konsolenmodellen muss die Stromversorgung erst durch ein beiliegendes Netzkabel gewährleistet werden. Im Anschluss wird das System unter anderem durch das Einnehmen vorgegebener Posen und Positionen kalibriert, ehe man sich im sogenannten Kinect-Hub des neuen Dashboards wiederfindet. Von dieser Steuerzentrale aus kann auf Spiele, den Video-on-Demand-Service Zune sowie Video-Kinect – eine Video-Chat-Software, die zu Microsofts Windows Live Messenger kompatibel ist - zugegriffen werden. Und zwar ganz ohne Controller.

Ein Wink genügt
Ein kurzes Winken genügt bereits, um Kinect aus seinem Standby-Schlaf zu rütteln. Sofern über "Kinect ID" eingerichtet, erkennt die Kamera dank Gesichtserkennung das eigene Konterfei und meldet den Spieler automatisch mit dem passenden Profil an – meistens jedenfalls, wobei das System laut Microsoft lernfähig sein soll, es also unter Umständen noch ein paar zusätzlicher Anmeldungen bedarf, ehe jedes Gesicht einwandfrei erkannt wird. 

Mit einem Wisch über den Bildschirm können dann die einzelnen Menüpunkte ausgewählt werden, wobei zunächst irritiert, dass man für den jeden Befehl eine gewisse Zeitspanne auf einer Schaltfläche verweilen muss. Einen Knopf zum Bestätigen gibt es ja schließlich nicht. Spätestens beim Videoschauen mit Zune werden die Vorzüge der neuen Steuerung jedoch offensichtlich: Musste zuvor meist im Dunkeln erst nach dem Controller getastet und dieser dann angeschaltet werden, um einen Film für die obligatorische Pinkelpause anzuhalten, reicht nun ein kurzer Wink.

Sprachsteuerung lässt vorerst auf sich warten
In naher Zukunft soll selbst dieser überflüssig werden und ein Film alleine per Sprachbefehl pausiert werden können. Bislang wird die Spracherkennung im Dashboard hierzulande allerdings nicht unterstützt. Laut Thomas Kritsch, Xbox-Manager von Microsoft Österreich, arbeite man jedoch daran, diese bald im deutschsprachigen Raum anbieten zu können. Die Umsetzung sei komplex, müsse das System doch exakt zwischen Sprache und Nebengeräuschen unterscheiden.

Nicht nur für die Kleinen: Tierischer Spaß mit "Kinectimals"
So ganz auf die Spracherkennung verzichten müssen Xbox-Gamer bis dahin allerdings nicht: "Kinectimals", das mit Abstand herzigste Spiel zum Start der Microsoft'schen Bewegungssteuerung, macht sich das in den Kinect-Sensor integrierte Mikrofon ebenfalls zunutze. Spieler können damit einem virtuellen Großkätzchen einen Namen geben und dieses dann herbeirufen. Vorausgesetzt, der Vierbeiner wurde ordentlich trainiert und hat sich bereits an den Spieler gewöhnt, was zuvor im Rahmen diverser Minispielchen wie einem Hindernis-Parcours, Autorennen oder etwa Ballspielen geschieht.

Größten Spaß bereitet es jedoch bereits, das Kätzchen einfach nur zu streicheln – wer die "Flanken" striegeln möchte, muss lediglich einen Schritt zur Seite machen – oder ihm neue Tricks beizubringen. Springt der Spieler etwa in die Höhe, springt auch das virtuelle Tamagotchi; legt man sich hingegen auf den Boden, stellt sich das Tier tot. Irgendwie kindisch und genau deshalb auch auf die junge Zielgruppe zte verschiedener Schätze zu sammeln und in Online-Wettbewerben gegen die Konkurrenz zu bestehen.

Schwitzen mit "Kinect Sports"
Wen der Ehrgeiz dabei trotzdem nicht packt, der wird vielleicht bei "Kinect Sports" fündig. Bis zu vier Spieler können hierbei in den Disziplinen Fußball, Tischtennis, Beach Volleyball, Leichtathletik (Sprint, Speerwurf, Weitsprung, Diskuswurf, Hürdenlauf), Bowling und Boxen echten Schweiß vergießen und dabei zugleich die Fähigkeiten von Kinect genauer unter die Lupe nehmen. Insbesondere beim Boxen und Ping Pong wird schnell deutlich, dass ein Controller tatsächlich vernachlässigbar ist. Linke Gerade und rechter Schwinger gelingen mühelos und latenzfrei, doch auch Spin lässt sich dem virtuellen Tischtennisball problemlos angedeihen.

Auf den Spuren von Detlef D! Soost mit "Dance Central"
Nicht ganz so problemlos, aber noch immer schweißtreibend geht es in "Dance Central" zur Sache, einem Tanzspiel der "Guitar Hero"-Erfinder von Harmonix. Das Prinzip ist einfach: Ein virtueller Tänzer tanzt vor, der Spieler tanzt nach – erst einzelne Schritte (notfalls in Zeitlupe), schließlich die gesamte Choreographie. Das Ergebnis sieht allerdings selten so aus wie in der Vorlage, wofür das Spiel allerdings wenig kann. Soll heißen: Nur weil man Lady Gagas "Poker Face" fehlerfrei auf der schwersten Stufe beherrscht, ist man noch lange kein guter Tänzer. Dennoch hat "Dance Central" wie Sonys "SingStar" das Zeug zu einem echten Partykracher - vorausgesetzt, der Titel wird auch regelmäßig mit neuen Songs bzw. Choreografien versorgt.

Abenteuerlich: "Kinect Adventures"
Partyspaß bietet auch das Kinect beiliegende "Kinect Adventures". Mit der Minispiel-Anhäufung gehen Spieler auf virtuelle Abenteuerjagd und lenken beispielsweise durch gemeinsame Gewichtsverlagerung ein knallrotes Gummiboot den brausenden Fluss hinab. Teamwork ist auch gefragt, wenn es Lecks mit nur allen denkbaren Körperstellungen in einem Unterwasser-Observatorium zu stopfen gilt oder man beim "Rallyball" mit Händen und Füßen Bälle abwehrt und auf Kisten schleudert. Gerade die letztgenannte Disziplin scheint jedoch etwas willkürlich auf Bewegungen zu reagieren. Oder anders gesagt: Auch wer still stehen bleibt, trifft die Bälle irgendwie. Probleme hatte das Spiel im Test auch immer wieder bei der Zuweisungen von Avataren zum jeweiligen Spieler, was allerdings keinerlei Auswirkung auf den Spielspaß hatte und möglicherweise auf die bereits erwähnte Lernfähigkeit zurückzuführen ist.

Luft-Lenkrad-Raserei in "Kinect Joyride"
Tadellos funktioniert hat die Spielererkennung hingegen bei "Kinect Joyride". In dem Arcade-Racer wird mit beiden Händen ein "Luft-Lenkrad" umgriffen, um unterschiedlichste und mit zunehmendem Erfolg modifizier- und personalisierbare Vehikel über abenteuerliche Strecken zu heizen. Durch schnelles Zurückziehen und Vorstoßen beider Arme wird ein Turbo aktiviert, das eigene Hinterteil hingegen dient zum Driften, während Verrenkungen aller Art bei Sprüngen zu aberwitzigen Stunts führen. Je nach Modus gilt es nicht nur als Schnellster übers Ziel zu schießen, sondern auch Hindernissen auszuweichen, in einer Half-Pipe Punkte zu sammeln oder Posen nachzuahmen. Lustig: Über die Kinect-Kamera können Objekte aller Art eingescannt werden, um die Farbe des eigenen Flitzers zu bestimmen. Negativ fallen jedoch die relativ langen Ladezeiten und die etwas vermurkste Menüführung auf.

Muskeln stählern mit "Your Shape: Fitness Evolved"
Wer sich zu guter Letzt noch nicht ausreichend bewegt hat, kann mit Ubisofts "Your Shape: Fitness Evolved" weiter an seinem Body feilen. Vorteil gegenüber beispielsweise Nintendos "WiiFit": Dank Kinect wird der eigene Körper als Silhouette direkt ins Spiel integriert, sodass sich Bewegungsabläufe besser verinnerlichen und beobachten lassen. Zweiter großer Vorteil: Nach einem Einscannen weiß die Software, wo sich Gliedmaßen und Gelenke befinden und beurteilt die Ausführung der einzelnen Übungen aus dem Bereichen Yoga, Martial Arts oder Tai Chi dementsprechend kritisch. 

Mehr zu den Kinect-Starttiteln in der Infobox!

Fazit: Auch nach stundenlangem Spielen fällt es schwer, Microsofts Kinect mit Sonys Move oder Nintendos Wii zu vergleichen. Alle Systeme funktionieren auf ihre Art und den für sie aktuell erhältlichen Spielen sehr gut, viel wichtiger aber ist: Sie machen Spaß und unterhalten prächtig. Im Vergleich zu seinen beiden Mitbewerbern bietet Microsoft mit Kinect jedoch die aus technischer Sicht spannendste Lösung: Das Fehlen eines Controllers ist zunächst zwar ungewohnt und mit Sicherheit auch nicht für jedes Spiel gleichermaßen geeignet, erweist sich in vielerlei Hinsicht jedoch als praktisch. Vor allem aber ist Kinect intuitiv und damit so "casual" wie nur irgend möglich, weshalb insbesondere Konsoleneinsteiger jeden Alters damit ihre Freude haben dürften. Der "Core-Gamer" schaut zunächst noch durch die Finger, doch schon alleine, um mit Sonys Move mitzuhalten, dürfte Microsoft in diesem Bereich bald "nachbessern".

von Sebastian Räuchle

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Spiele
04.11.2010 09:33
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

KMM
krone.at
krone.at
Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung