Typisch "Fire Emblem": Auch in "Awakening" lenkt man eine bunt zusammengewürfelte Heldentruppe durch eine mittelalterliche Fantasy-Welt, die von Krieg und Zerstörung heimgesucht wird. Mal ernst und voller Pathos, dann wieder überdreht, witzig und reichlich kitschig – "Awakening" gelingt das seltene Kunststück, eine oft absurde, aber nie alberne Geschichte zu erzählen, die ebenso westliche wie japanische Geschmäcker bedient.
Entwickler Intelligent Systems inszeniert die Handlung nicht nur mit massenhaft Dialogzeilen, sondern auch mit schön gerenderten Videosequenzen, die für Atmosphäre sorgen. Deutsche Sprachausgabe bekommt man dabei zwar nicht geboten, doch wenigstens wurden die Texte gelungen übersetzt – so bleiben Charme, Witz und Eigenheiten der vielen Charaktere auch in der deutschen Fassung erhalten.
Rundentaktik auf hohem Niveau
Das bewährte Gameplay der Vorgängerspiele bleibt in "Awakening" nahezu unangetastet. Runde für Runde lenkt man seine handverlesenen Einheiten durch knifflige Missionen und achtet dabei peinlich darauf, all seine Truppen sicher ans Ziel zu bringen. "Fire Emblem" bietet keine groß angelegten Schlachten, sondern setzt auf kleine, überschaubare Scharmützel. Es ist ein Spiel, in dem es um Planung, um Taktik und Kontrolle geht, vergleichbar mit einer Art modernem Fantasy-Schach.
Das Regelwerk ist logisch und verständlich, sodass sich selbst blutige Anfänger schnell zurechtfinden. Axt schlägt Lanze, Lanze schlägt Schwert, Schwert schlägt Axt – nach solchen Schere-Stein-Papier-Regeln ist das ganze Spiel austariert. Leicht zu lernen, schwer zu meistern. Je länger man spielt, desto mehr Feinheiten kommen hinzu: Man lernt etwa, dass Kavallerie-Einheiten nur langsam auf Wüstensand vorankommen, dass Lufteinheiten anfällig gegenüber Bogenschützen sind, dass Diebe unbegrenzt Türen und Schatzkisten knacken können – so steigt der Anspruch stetig.
Großes Lob verdient dabei die durchdachte Steuerung: Alle Bedienelemente sind übersichtlich und gut erklärt, außerdem lassen sich viele Anzeigen im Optionsmenü den eigenen Wünschen anpassen.
Einsteigerfreundlich, aber nicht weichgespült
In "Fire Emblem" befehligt man nur wenige, ausgewählte Einheiten, die einem mit der Zeit richtig ans Herz wachsen. Umso härter geht das Spiel dann mit den lieb gewonnenen Helden ins Gericht: Wenn ein Kämpfer im Kampf fällt, bleibt er tot. Für immer. Es sei denn, man startet eine Mission von Neuem. Das sorgt für Nervenkitzel, den vor allem Taktikprofis zu schätzen wissen. Allerdings haben die Entwickler auch an Einsteiger gedacht und einen zusätzlichen Spielmodus eingebaut, in dem Helden nicht dauerhaft wegsterben – besiegte Freunde erhält man damit nach einem gemeisterten Einsatz putzmunter zurück.
Dadurch ist "Awakening" der fairste und einsteigerfreundlichste Teil der Reihe, ohne anspruchsvolle Taktiker zu vergrätzen. Denn die dürfen das Spiel natürlich auch in gewohnter Härte starten, ohne Sicherheitsnetz und auf hohem Schwierigkeitsgrad - dann ist "Awakening" auch für Experten eine Herausforderung.
Der Rollenspielpart: Helden-Manager mit Partnerbörse
Zwischen den Rundenkämpfen rüstet man seine stetig wachsende Truppe mit neuen Waffen, Zaubern und Tränken aus. Nebenmissionen schalten weitere Charaktere frei und bescheren den Helden Erfahrungspunkte, dank derer sie im Rang aufsteigen und so neue Klassen freischalten. Zudem darf man bei Händlern neue Ausrüstung einkaufen oder Waffen aufwerten. Auf diese Weise erhält man mit der Zeit eine Armee nach eigenem Geschmack, das motiviert!
Zusätzliche Würze erhält dieser Rollenspielpart durch ein cleveres wie simples Beziehungssystem: Wenn Helden Seite an Seite fechten, unterstützen sie sich nicht nur mit besseren Kampfwerten, sondern vertiefen mit der Zeit auch ihre Freundschaft zueinander. Je enger die Bindung, desto höher der Kampfbonus, wenn zwei Freunde zusammen in die Schlacht ziehen. Männer und Frauen können sogar Romanzen entwickeln, was nicht nur in wunderbar kitschigen Dialogen, sondern häufig sogar in Nachwuchs mündet. Die Nachkommen erben bestimmte Eigenschaften ihrer Eltern und gehen so als noch stärkere Kämpfer hervor. Dank vieler witziger, reizvoller Kombinationsmöglichkeiten macht es unerwartet viel Spaß, bestimmte Charaktere anbandeln zu lassen – vor allem dann, wenn diese zunächst so gar nicht zueinander passen wollen.
Mäßige Technik, keine deutsche Sprachausgabe
Grafisch ist das Spiel zwar solide und gut, aber auch kein Meisterwerk: Weder die Landschaften noch die Charaktere sind allzu detailreich gestaltet, und auch die Kampfeffekte könnten mehr Wucht vertragen. Da Taktikspiele aber ohnehin eher übersichtlich als grafisch topmodern sein müssen, geht das in Ordnung. Der zuschaltbare 3D-Effekt ist zudem gut gelungen und die gerenderten Filmsequenzen sorgen an den richtigen Stellen der Handlung für Stimmung. Englische Sprachausgabe gibt's lediglich in Videos; im Spiel selbst werden die vielen Textfenster nur durch kurze Stimmfetzen untermalt, eine durchgängige Vertonung sucht man also vergebens.
Umfangreiche Kampagne
Wenigstens 25 Stunden sollte es einplanen, um den Abspann von "Fire Emblem: Awakening" zu sehen. Wer alle Helden hochleveln und verkuppeln will, ist sicher noch länger beschäftigt. Da man zwischen Haupt- und Nebenmissionen auch jederzeit kurze Zufallskämpfe erledigen kann, taugt "Awakening" zudem nicht nur für lange Zugfahrten, sondern auch für eine kleine, gemütliche Partie zwischendurch. Ein Mehrspielermodus ist ebenfalls an Bord, auch wenn der mehr Bonus als wirklicher Kaufgrund ist.
Fazit: "Fire Emblem: Awakening" darf sich zum Besten zählen, was man derzeit für den 3DS bekommen kann. Bewährtes Gameplay, das taktischen Anspruch geschickt mit Rollenspielelementen vermixt, erhält dank gelungener Charaktere, einer durchdachten Steuerung und dem motivierenden Beziehungsfeature zusätzliche Würze. Besonderes Lob verdienen die Entwickler dafür, nicht nur Genre-Profis anzusprechen, sondern auch Neulingen einen fairen Einstieg zu bieten. Sonderlich innovativ ist das Spiel allerdings nicht, Kenner der Reihe dürften ein paar frische Ideen vermissen. Doch wer darüber hinwegsehen kann, bekommt mit "Fire Emblem: Awakening" ein echtes Genre-Highlight, das Taktik-Fans lange beschäftigen wird.
Plattform: 3DS
Publisher: Nintendo
krone.at-Wertung: 9/10
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