Das Erfolgsrezept von Lego-Spielen war bisher stets recht simpel: Man nehme eine starke Marke à la "Star Wars" oder "Harry Potter", erzähle die Geschichte in Form eines Computerspiels nach und ersetze die Protagonisten durch witzige Lego-Figuren, die ihnen ähnlich sehen. Noch mit etwas Humor gewürzt und fertig waren die – schon in der Vergangenheit stets recht hochwertigen – Lego-Games.
Mit "Lego City Undercover" wagen sich die Bauklotz-Macher jetzt an eine eigene Story, ganz ohne teure Lizenzen und bekannte Charaktere. Die Kurzfassung: Superschurke Rex Fury hält die Lego City in Atem und schickt seine Lakaien aus, um allerlei Straftaten zu begehen. Klar, dass nur der Cop, der den Bösewicht vor Jahren schon einmal eingebuchtet hat, ihn jetzt wieder dingfest machen kann: Chase McCain. Der macht sich undercover auf die Suche nach dem Bösewicht – und tappt dabei von einem Fettnäpfchen ins andere.
Zahlreiche Anspielungen auf Fernsehpolizisten
Dabei glänzt "Lego City Undercover" von Beginn an mit einer gehörigen Portion Humor und jeder Menge Anspielungen an Krimi-Serien und –Filme der letzten Jahrzehnte. Das fängt bei McCain selbst an, dessen Name wohl nicht völlig zufällig jenem von Bruce Willis' "Die Hard"-Charakter John McClane ähnelt. Aber auch bei den lieben Kollegen im Polizeirevier erlebt der Spieler das eine oder andere Déjà-vu.
Etwa wenn einer der Lego-Kollegen Fernseh-Cop "Columbo" ähnlich schaut und es sich bei keiner Besprechung nehmen lässt, sie mit den Worten "Ich hätte da noch eine Frage…" zu beenden. Oder wenn in einer Zwischensequenz zwei Lego-Männlein den Raum betreten, die verdächtig nach Starsky und Hutch aussehen. Oder wenn Partner Frank Honey genau wie Frank Drebin aus der "Nackten Kanone" in kein Auto steigen kann, ohne es auf die eine oder andere Weise in einen Unfall zu verwickeln.
Riesige Spielwelt voller humoriger Charaktere
Dass sich die humorigen Elemente und die Anspielungen auch durch den weiteren Spielverlauf ziehen, versteht sich von selber. Da werden Banken - der Joker lässt grüßen - von Clown-Banden ausgeraubt, die der eintreffenden Polizei mit Konfetti und wasserspritzenden Blumen zu Leibe rücken, und in einem auf einer kleinen Insel gelegenen Dojo, in dem Chase McCain seine Kung-Fu-Fertigkeiten verbessern darf, erwartet ihn ein Lego-Trainer, der wie Morpheus aus der "Matrix"-Trilogie aussieht.
Zum spaßigen Gesamteindruck trägt auch das abwechslungsreiche und witzige Gameplay bei. Nicht nur, dass die US-Metropolen wie New York nachempfundene Lego City riesig groß ist und vor Geheimnissen, die es zu entdecken gilt, nur so strotzt. Sie hält auch reichlich Abwechslung bereit, entführt den Spieler in die Tiefen einer Mine, lässt ihn auf den Dächern von Hochhäusern herumturnen und bei einem Einsatz im Museum sogar auf einem Saurierskelett reiten.
Viele fahrbare Untersätze und Dutzende Verkleidungen
Um von einem Schauplatz zum nächsten zu kommen, stehen Chase McCain zahlreiche verschiedene fahrbare Untersätze zur Verfügung. Am Polizeirevier steht so gut wie immer ein Streifenwagen für ihn bereit, als Hüter des Gesetzes hat er aber auch jedes Recht, vorbeifahrende Autobesitzer einfach aus ihren Autos zu bugsieren und ihnen diese abzunehmen. Alles dienstlich, versteht sich.
Dienstlich ist auch McCains Vorliebe für ausgefallene Verkleidungen. Im ganzen Spiel sind Dutzende verschiedene Kostüme versteckt, die nur darauf warten, freigeschaltet zu werden und dem Spieler Spezialfähigkeiten zu verleihen. Der Bergmann sprengt mit Dynamitladungen Felsen, im Kampfanzug kämpft Chase besonders gut, andere Verkleidungen bringen nützliche Extras wie den Enterhaken mit sich, mit dessen Hilfe sich der Spieler an Fassaden hocharbeiten kann.
Spieler darf eigene Lego-Objekte bauen
Nutzen die Verkleidungen nichts, kann es Chase McCain auch mit Lego-Steinen probieren. Tatsächlich bestehen die meisten benutzbaren Objekte in "Lego City Undercover" nämlich aus den bunten Bauklötzen und können auch wieder in diese zerlegt werden. Sammelt man die Steine dann ein, kann man sie andernorts für den Bau oder die Reparatur anderer Dinge verwenden.
Dabei baut Chase so gut wie alles – von der Aufstiegshilfe in Form einer Pflanze, um einen auf ein Dach geflüchteten Ganoven zu schnappen, bis hin zum Lego-Dampfer, mit dem er eine abgelegene Insel erreicht. Die Lego-Steine gibt es in unterschiedlichen Qualitätsstufen, die hochwertigeren Steine sind an verschiedenen, nicht ganz einfach zu findenden Orten in der ganzen Stadt verteilt. Neben Lego-Steinen liegen zudem unzählige goldene und silberne Münzen in der Stadt herum, die es zu sammeln lohnt.
Das Wii-U-Gamepad als Universalwerkzeug
Sehr nett gelöst haben die Entwickler den Einbau des Touchscreen-Gamepads in die Spielmechanik. Es dient als universelles Kommunikationsgerät, verbindet Chase mit seinen Kollegen, die ihm per Videobotschaft auf dem Touchscreen neue Aufträge geben, zudem kann man eine Übersichtskarte darauf einblenden.
Es lässt sich auch als "Verbrecher-Scanner" benutzen, wobei der Spieler durch das Gamepad blickt, es um 360 Grad um sich herum bewegen darf und Zivilisten in Gelb, Verbrecher hingegen in Rot markiert werden. Dabei werden auf dem Gamepad-Display Bereiche der Spielwelt angezeigt, die auf dem TV-Gerät nicht zu sehen sind. Ähnlich sinnvoll wurde das Touchscreen-Gamepad bisher nur im, eine ganz andere Zielgruppe anpeilenden, Horrorgame Zombi U eingebaut.
Auch die restliche Steuerung mit dem Gamepad gelingt tadellos. Chase McCain reagiert präzise auf die Eingaben, und auch das Fahrverhalten der Lego-Autos ist gut getroffen. Weil sich das Repertoire der Fähigkeiten der Spielfigur in Grenzen hält, ist die Steuerung einfach und intuitiv und auch für Kinder schnell zu erlernen. Die vielen Verkleidungen mit ihren Spezialfertigkeiten bringen trotzdem Tiefe ins Spiel.
Hübsche Grafik im Comic-Look
Die Grafik von "Lego City Undercover" ist zeitgemäß und kommt im stimmigen Comic-Look daher. Zwar besteht nicht die ganze Stadt – die Straßen und Gebäude sehen zum Beispiel oft durchaus realitätsnah aus – aus Lego, trotzdem erkennt man als Spieler sofort, dass man sich in einem Lego-Game befindet.
Die HD-Auflösung, nette Licht- und Wassereffekte und die bunten, abwechslungsreichen Texturen stehen dem Spiel gut zu Gesicht, an die Opulenz aktueller PC-Spiele reicht es aber nicht heran. Dass vieles in der Welt von "Lego City Undercover" zerstört werden kann, etwa Autos, die sich beim Rammen nach und nach in ihre Lego-Einzelteile auflösen, macht das Abenteuer noch witziger und sieht beim Zerbersten der Objekte auch noch schick aus.
Sehr gute deutsche Sprachausgabe
Was den Sound angeht, könnten sich etliche "Erwachsenen"-Spiele bei "Lego City Undercover" noch eine dicke Scheibe abschneiden. Die witzigen Dialoge wurden allesamt so übersetzt, dass wir keine Schwierigkeiten hatten, den Witzen aus dem englischen Original zu folgen, während der Spieler bei anderen Spielen oft froh ist, wenn nach der Übersetzung überhaupt der Sinn einer Aussage erhalten bleibt.
Die Sprecher machen durchwegs einen engagierten und gut gewählten Eindruck, die Spielfiguren sind gut vertont. Auch die Soundkulisse in der Stadt trägt zum stimmigen Gesamtbild bei und die musikalische Untermalung von "Lego City Undercover" setzt das Gezeigte zu jeder Zeit gut in Szene und erinnerte uns manches Mal an die Filmmusik von Krimi-Streifen der Achtziger und Neunziger.
Fazit: Mit "Lego City Undercover" liefert Nintendo ein Game für die Wii U, das beileibe nicht nur Lego-Enthusiasten in seinen Bann ziehen dürfte. Tatsächlich ist es ein Titel, der spaßige Unterhaltung für die ganze Familie verspricht und dabei auch optisch auf der Höhe der Zeit ist. Das Gameplay erfreut den Spieler mit vielen Freiheiten, die zahlregenstände zu bauen, lassen so schnell keine Langeweile aufkommen. Die Story ist gleichzeitig witzig und spannend erzählt, die Soundkulisse ist toll und der Einsatz des Touchscreen-Gamepads wurde ausgesprochen gut gelöst. Wer keine völlige Abneigung gegen die bunten Bauklötze aus Dänemark hat und bei einem Spiel mehr auf Spaß als auf harte Unterhaltung für Erwachsene aus ist, der dürfte mit "Lego City Undercover" viel Freude haben.
Plattform: Wii U
Publisher: Nintendo
krone.at-Wertung: 9/10
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