So viel gleich vorweg: Wirklich miteinander vergleichen lassen sich die beiden Bewegungssteuerungen nicht, auch deshalb, weil Sony mit "Move" nicht nur Casual- , sondern auch Core- Gamer ansprechen möchte. Um Letztere zufriedenzustellen, braucht es Buttons, Trigger und Analog- Sticks, ist man bei Sony überzeugt. Also eben all das, was aktuelle Controller auszeichnet. Auf der offiziellen Sony- PK wurde man deshalb auch nicht müde, sich über Microsofts neuen Ansatz lustig zu machen. Wer wolle denn schon in der Luft den Zeigefinger krümmen, um den virtuellen Abzug einer Waffe zu betätigen?
Im Gegensatz zu "Kinect" ist "Move" daher recht klassisch gehalten und streng genommen nur eine technische Weiterentwicklung dessen, was Nintendo mit seiner Wii bereits vor über drei Jahren begonnen hat. Auch bei Microsoft spielte man anfangs mit dem Gedanken, Nintendos Erfolgsrezept zu kopieren, entschied sich dann aber für einen anderen - Controller- losen – Weg. Auch in spielerischer Hinsicht. Denn mit "Kinect" sollen – zumindest vorerst – überwiegend Gelegenheitsspieler angesprochen werden. Lange genug sei man bei Microsoft dem Vorwurf ausgesetzt gewesen, nur die Core- Gamerschaft zu bedienen, wie Thomas Kritsch von Microsoft Österreich erklärt. Mit "Kinect" soll nun dem Wunsch vieler Party- Jünger nach vergnüglichem Kurzweil Rechnung getragen werden.
Die für Groß wie Klein gleichermaßen geeigneten Launch- Titel von Microsoft sind daher leicht verständlich, intuitiv erlernbar und dennoch - oder gerade deswegen - äußerst spaßig. Am wichtigsten aber ist: "Kinect" funktioniert aller anfänglichen Skepsis zum Trotz sehr gut, reagiert – soweit sich das nach einer Stunde Anspielen sagen lässt - auch auf kleine Bewegungsänderungen präzise und arbeitet selbst bei schwierigen Lichtverhältnissen, wie sie am E3- Messestand vorherrschten, zuverlässig. Bei einer Wildwasserfahrt mit dem Schlauchboot in "Kinect Adventures" lässt sich dies erproben: Neigt sich der Spieler mit dem Oberkörper zur Seite, steuert das Boot in die entsprechende Richtung. Springt er, hebt unmittelbar darauf auch das Gummiboot ab.
Bei der nächsten Disziplin, einer Art Hindernisparcours, wird die Temposchraube angezogen. Galt es zuvor, sich mit einem Mitspieler zu koordinieren, um das Floß zu navigieren, so tritt man nun im Splitscreen gegeneinander an. Die Aufgabe: Hindernissen durch Ducken, Springen oder einem schnellen Schritt zur Seite auszuweichen und dabei zugleich möglichst viele Münzen einzusammeln. Klingt stressig, ist es auch. Dass man dabei dennoch jede Menge Spaß haben kann, belegen die zahlreichen Schnappschüsse (Bild), die während des Games gemacht werden und anschließend auf Wunsch über Xbox Live in Facebook oder Twitter veröffentlicht werden können.
Das Amüsement kommt auch beim Kartgame "Kinect Joy Ride" nicht zu kurz, was vor allem auf die Art und Weise zurückzuführen ist, wie gedriftet wird – nämlich mit herausgestrecktem Heck, sprich Hinterteil. Um zu lenken, werden die beiden Hände so gehalten, als ob sie ein Lenkrad umklammern. Schiebt man die Hände wie zum Stoßen nach vorne, zündet der Turbo- Boost - vorausgesetzt, die dafür benötigte Leiste wurde zuvor durch Drifts und Stunts, bei denen man durch Verrenkungen des Körpers in alle Richtungen das Auto zum Rotieren bringt, entsprechend gefüllt.
"Kinectimals", Microsofts Antwort auf "Nintendogs" und Sonys "EyePet", greift schließlich zur Steuerung nicht nur auf Gesten zurück, sondern macht auch von den Möglichkeiten der Sprachsteuerung Gebrauch. Hat man seinem virtuellen Tier erst einmal einen Namen gegeben, braucht man dieses nur zu rufen, um es mit Streicheleinheiten zu verwöhnen oder ihm neue Tricks und Kunststücke zu lehren. Denn gerade frisch geschlüpft, müssen die ungemein flauschig und niedlich aussehenden Raubkatzen und Co bestimmte Fähigkeiten erst antrainiert bekommen. Die KI des Tieres unterscheidet dabei zwischen seinem Herrchen bzw. Frauchen und "Fremden", und reagiert bei Interaktionen dementsprechend anders auf beispielsweise Kommandos.
Wer es lieber sportlich mag, kann sich neben dem bereits am Montag auf der Microsoft- PK (siehe Infobox) ausführlich vorgestelltem "Your Shape – Fitness evolved" von Ubisoft auch an "Kinetic Sports" versuchen. In sechs unterschiedlichen Disziplinen kann der Körper dabei auf Temperatur gebracht werden. Obwohl ein "Bowling" seinem Wii- Pendant wie ein Ei dem anderen zu gleichen scheint, gibt es dennoch Unterschiede. Während bei der Nintendo- Version etwa das Steuerkreuz der Wii- Mote bedient werden muss, um die Wurfrichtung zu ändern, genügt es bei "Kinect" einen Schritt zur Seite zu machen oder der Kugel durch den entscheidenden Dreh mit dem Arm auf Kurs zu verhelfen.
Den Abschluss der einstündigen "Kinect Experience" bildete schließlich "Dance Central". Die virtuelle Tanzschule aus der Spieleschmiede der "Guitar Hero"- Väter von "Harmonix" hilft Tanzmuffeln, Schritt für Schritt selbst komplexe Choreographien zu erlernen. Wie bei "SingStar" gilt es anfangs zwar auch hier, eine gewisse Scheu abzulegen, insbesondere wenn Zuschauer vorhanden sind. Hat man den Bogen bzw. Groove jedoch erst einmal raus, steht dem Spaß nichts mehr im Wege. Zumal im Gegensatz zu ähnlichen bereits erhältlichen Tanzspielen für die Wii keine Controller und Kabel zwischen diesen dabei stören.
von Sebastian Räuchle, L.A.