Eine festgefahrene Angelegenheit: "Steel Battalion"

25.06.2012, 14:58
Foto: Capcom / Video: YouTube
Endlich - ein Kinect- Titel, bei dem man sitzen bleiben und noch dazu einen Panzer steuern darf. Darauf dürften viele (zumindest beim Gamen am Feierabend) bewegungsfaule Spieler mit einem Faible für die stählernen Ungetümer gewartet haben. Doch Capcoms "Steel Battalion: Heavy Armor" hält leider nicht, was es verspricht: Mit der Gemütlichkeit auf der eigenen Couch ist es bald vorbei, und auch das Panzerfahren selbst ist weitaus weniger spaßig als erhofft.

Dabei fängt der Capcom'sche Panzersimulator noch recht vielversprechend an: Als gefeierter Kriegsveteran Lieutenant Powers stößt der Spieler in "Steel Battalion: Heavy Armor"  zu einem Trupp von US- Soldaten, der gerade eine Invasion auf eigenem Boden vorbereitet. Genauer gesagt: ehemals eigenem Boden. Denn nach einer technologischen Apokalypse im Jahr 2082, bei der sämtliche Halbleiter zerstört wurden, hat sich das Machtgleichgewicht verschoben und einst mächtige Nationen sind fortan dazu verdonnert, ihre Freiheit mit primitivsten Waffen zurückzugewinnen.

Für den Verlauf des Krieges entscheidend in dieser technikarmen Ära ist die Waffenklasse der sogenannten VTs, kurz für Vertical Tank oder, wie es im Deutschen heißt, Vertikalpanzer. Als erfahrener Pilot dieser gepanzerten Stahlungetüme auf zwei Beinen hat Powers nur eine Aufgabe: den Feind zu vernichten und zurückzuerobern, was einst die USA waren.

Nach einem kurzen Handschlag geht es auch schon los und zusammen mit drei Kameraden, die für das Nachladen von MG bzw. Kanone sowie die Kommunikation verantwortlich sind, in das Innere dieser Konservenbüchse, um sich mit sämtlichen Instrumenten vertraut zu machen. Und das sind weit mehr, als man zunächst vermuten mag.

Auf der Suche nach dem richtigen Hebel oder Knopf

Da wären etwa Hebel und Schalter für das Anlassen der Motoren, den sogenannten Geschwindigkeitsmodus (zur schnelleren Fortbewegung), die Ventilation (falls sich Gas im Innenraum ausbreiten sollte), die Außenscheinwerfer (um auch im Dunkeln etwas zu sehen), den Selbstzerstörungsmodus (damit der VT dem Feind nicht in die Hände fällt), das Periskop (um die Umgebung zu erkunden) oder die Stahlabdeckung für die Sichtluke, um gegnerische Kugeln draußen zu halten. Hinzu kommen diverse Konsolen, beispielsweise für die Außenbordkameras, und Anzeigen, die zu beobachten ebenfalls nicht schaden kann.

Auf den ersten Blick wirkt dies alles sehr authentisch und während der ersten Minuten entsteht tatsächlich ein Gefühl, als säße man selbst in diesem stählernen Koloss - nicht zuletzt deshalb, weil sämtliche Instrumente mittels Kinect und somit per entsprechender Geste zu bedienen sind. Man zieht, drückt, ruckt und zerrt also mit den Armen in der Luft herum – doch schon bald kommen dabei erste Zweifel auf, wie sich der Vertikalpanzer auf diese Art in der Schlacht bedienen lassen soll.

Ein ständiges Hin und Her

Denn für an sich simple Handgriffe braucht es in der Regel zwei bis drei Anläufe - zu träge und ungenau ist die Steuerung per Kinect. Wie gut, mag manch einer denken, dass man zeitgleich auch mit dem wesentlich exakteren Controller steuern darf, nämlich um zu zielen, zu feuern und den VT zu bewegen. In der Praxis bedeutet diese Kombination aus Controller und der nackten Hand oftmals jedoch Stress pur - das gilt insbesondere für das Heranziehen an die Sichtluke, die den eigentlichen Spielbildschirm während der Missionen darstellt.

Man zieht sich also mit einem Arm zur Luke, nimmt den Controller wieder in beide Hände, nur um dann beim ersten Schuss vor den Bug feststellen zu müssen, dass man durch die Wucht nach hinten in der Fahrerkabine geschleudert wurde, man also schleunigst den Controller wieder aus einer Hand geben muss, um sich erneut zur Luke zu ziehen und aufs Schlachtfeld zurückzukehren – dann wiederum mit dem Controller in den Händen.

Auf der Suche nach dem Feind

Situationen wie diese gibt es viele. In Kombination mit der ohnehin schon trägen Kinect- Steuerung sorgen sie dafür, dass bereits die erste Mission – eine Art D- Day in New York – für Mensch und Maschine zur Tortur wird. Es fehlt schlichtweg an Übersichtlichkeit – und so realistisch dies für die Panzerfahrenden auch sein mag: Dem Spielspaß zuträglich ist es nicht, wenn der Spieler angesichts der grau- braunen Optik selbst mit ausgefahrenem Periskop kaum etwas zu Gesicht bekommt.

Frust kommt aber auch an anderer Stelle auf, etwa beim minutenlangen Warten mit dem Fernglas auf einen feindlichen Panzer – im Stehen wohlgemerkt. Schlimm ist daran allerdings nicht, dass man seine sitzende Position verlassen muss, sondern dass man rund drei Minuten am Stück steht, ohne dass sich etwas tut - und das gleich mehrfach hintereinander, sollte man die Mission im ersten Anlauf versemmeln. Ein anderes Mal hingegen kann es dem Spiel offenbar gar nicht schnell genug gehen und es gilt, unter Zeitdruck bestimmte Herausforderungen zu meistern – was sich im Hinblick auf die Steuerung als fast unmöglich erweist.

Auch zu viert wird es leider nicht besser

Angesichts der großen Versäumnisse bei der Steuerung sowie der nur durchschnittlichen Optik hilft es dann auch nur wenig bis gar nichts, dass Capcom seinem Titel einen Koop- Modus für bis zu vier Spieler spendiert hat. Die alte Weisheit "Geteiltes Leid ist halbes Leid" gilt hier nämlich ausnahmsweise nicht, und so bleibt der Spaß auch zu viert auf der Strecke, hat doch jeder für sich mit denselben Problemen zu kämpfen.

Fazit: Capcoms "Steel Battalion: Heavy Armor" verspricht, so zumindest der Pressetext, ein "intensives Spielerlebnis sowie einen echten Quantensprung in der Evolution von Kriegsspielen" mit "noch nie dagewesenen" Kontroll- und Interaktionsmöglichkeiten. Mit Letzterem hat der Publisher leider gar nicht mal so unrecht, denn so vermurkst wie in diesem Spiel wurde die Steuerung in einem Kinect- Titel schon lange nicht mehr. Das ist insofern schade, weil die Bemühungen des Entwicklers, ein möglichst authentisches Spielgefühl zu kreieren, durchaus sicht- und spürbar sind. Dies allerdings leider viel zu selten. Die überwiegende Zeit hat man stattdessen mit der trägen Steuerung, der fehlenden Übersichtlichkeit, dem hohen Schwierigkeitsgrad und nervenaufreibenden Herausforderungen zu kämpfen. Dass Panzerfahren kein Zuckerschlecken werden würde, war irgendwie abzusehen - dass es so wenig Spaß machen würde, hingegen nicht.

Plattform: Xbox 360 (erfordert Kinect)
Publisher: Capcom
krone.at- Wertung: 4/10

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