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Cyber-Attacken als Bündnisfall für die NATO

18.11.2010, 10:37
Cyber-Attacken als Bündnisfall für die NATO (Bild: © 2010 Photos.com, a division of Getty Images)
Foto: © 2010 Photos.com, a division of Getty Images
Die NATO will in ihr neues strategisches Konzept auch die Abwehr groß angelegter elektronischer Angriffe auf die Computernetze eines ihrer 28 Mitglieder aufnehmen. Verteidigungsexperten gehen davon aus, dass der virtuelle Krieg das "Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts" wird. Daher sollen "Cyber- Attacken" zu einem der wichtigen Themen auf dem Gipfeltreffen am Freitag und Samstag in Lissabon werden.

Im NATO- Hauptquartier in Brüssel werden Cyber- Angriffe als "strategische Bedrohung" eingestuft, die auch einen Bündnisfall der NATO auslösen könnte. Diesen im Artikel 5 festgelegten Bündnisfall hat die NATO bisher erst einmal ausgerufen, als die Terroristen von Al- Kaida mit gekaperten Passagiermaschinen am 11. September 2001 in die New Yorker Twin Towers geflogen sind. Laut NATO- Vertrag wird ein Angriff auf ein NATO- Mitgliedsland als Attacke auf das gesamte Bündnis betrachtet und dann auch gemeinsam abgewehrt. Dabei können die Allianz- Partner mit allen Mitteln ihrer Wahl reagieren bis hin zu militärischer Gewalt.

Industriegesellschaften zunehmend betroffen

Internetkriminalität macht den Industriegesellschaften immer mehr zu schaffen. Bereits heute leiden Millionen Computernutzer unter täglichen Angriffen auf ihre PCs. Sie sind auf Schutzprogramme angewiesen, die Trojaner, Würmer oder Phishing- Mails abwehren müssen. Doch wird dies noch weitgehend als Problem der Industrie angesehen. Offen ist, was zum Bevölkerungsschutz passieren muss, wenn strategische Knotenpunkte und neuralgische Netze von Flughäfen bis Atomkraftwerke Ziel solcher Angriffe sind.

Angriff auf Estland offenbarte Verwundbarkeit

Als erster Cyber- War gelten die Angriffe im Frühjahr 2007 auf die estnischen Internet- Server, auf die drei Wochen lang ein Flächenbombardement aus dem Cyberspace niederging. Alle Computersysteme von zivilen und staatlichen Einrichtungen wurden weitgehend lahmgelegt. Ganz Estland war im Ausnahmezustand. Die Angreifer konnten die estnischen Internetadressen unter ihre Kontrolle bringen und von dort aus massenhaft Spam- Mails versenden. Das Chaos war komplett, als die Attacken aus dem Internet auch alle Notrufnummern ausschalteten.

Ausgelöst wurde diese Attacke durch eine Anordnung der estnischen Regierung, ein sowjetisches Kriegerdenkmal aus dem Zweiten Weltkrieg vom Zentrum der Hauptstadt Tallinn zu verlegen. Wie sich später herausstellte, hatten russischstämmige Esten aus Wut darüber die Computernetze lahmgelegt. Die NATO nahm den Vorfall zum Anlass, in Estland ein Hauptquartier einzurichten, das als "Testfeld" gegen Cyber- Attacken operiert. In der Einrichtung werden internationale Fallübungen abgehalten und Personal für die Abwehr von Attacken in der virtuellen Computerwelt ausgebildet.

Kosovokrieg als Vorläufer für Cyber- War

Schon im Kosovokrieg Ende der 1990er- Jahre war es amerikanischen Militärs gelungen, fiktive Flugzeuge in die Zielcomputer der serbischen Flugabwehr zu schleusen, was als "Vorspiel" zum Cyber- Krieg gewertet wurde. Die serbischen Abwehrraketen trafen zwar ihr "Ziel", dieses entpuppte sich durch den elektronischen Trick der US- Luftwaffe jedoch als Phantom. Die Amerikaner schalteten zudem mit ihren Computern teilweise die Stromversorgung und Kommunikationswege sowie andere Infrastruktureinrichtungen in Serbien aus.

Russland und China bei Cyber- Kriegsführung führend

Experten weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, wie leicht sich Industriestaaten durch Angriffe aus dem Cyberspace paralysieren lassen. Über die größten Fähigkeiten zur digitalisierten Kriegsführung verfügen nach Darstellung von amerikanischen Wissenschaftlern Russland und die Volksrepublik China.

In einem Bericht der U.S.- China Economic and Security Review Commission an den US- Kongress heißt es: "Angriffe aus dem Cyberspace können auf alle zivilen und militärischen Einrichtungen, auf die Finanzsysteme und die gesamte Infrastruktur eines Staates gerichtet sein." Zum Schluss wird in dem Report ausgeführt: "Die Attacken können dieselben Folgen haben wie ein herkömmlicher Militärschlag." Die US- Luftwaffe stellte vor geraumer Zeit bereits fest: "Die erste Schlacht eines jeden künftigen Krieges wird um die Vorherrschaft in der Luft, im Weltraum und im Cyberspace gehen."

"Cyber Command" in den USA eingerichtet

Das US- Verteidigungsministerium hat unterdessen eine Kommandozentrale für die Kriegsführung im Cyberspace, das Cyber Command, eingerichtet. Es soll die Computernetzwerke des Pentagon vor Attacken schützen, aber auch eigene Angriffsstrategien entwickeln. Welch hohen Rang das Kommando hat, geht daraus hervor, dass es von einem Vier- Sterne- General befehligt wird.

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