"The Secret World" , das ist die Grundannahme des Games: Jedes Märchen, jede Sage hat einen wahren Hintergrund - es gibt Zombies ebenso wie Werwölfe, Geister und Monster, Magie und Götter. Und das in einer modernen Welt.
Es ist an Tausenden Online- Gamern, diese Welt von den Plagen zu befreien. Wofür oder wogegen jeder Einzelne genau kämpft, hängt maßgeblich damit zusammen, welcher von drei geheimnisvollen Organisationen, die um Einfluss in der "geheimen Welt" ringen, er sich anschließt. Templer, Illuminaten und die sogenannten Drachen stehen zur Auswahl. Erstere kämpfen für Recht und Ordnung, Illuminaten beziehen ihre Macht aus dem Sammeln von Informationen, und Drachen suchen Erkenntnisse aus dem Chaos - die wohl geheimnisvollste Gruppierung.
Zusätzlich zur Fraktionswahl erstellt der Spieler, ebenfalls MMO- üblich, einen eigenen Charakter. Eine Klasse oder Rasse kann aber nicht gewählt werden, lediglich Gesichtszüge, Haare und Co. sowie die Kleidung sind variabel. Schön ist aber anders: Alles wirkt matschig und detailarm.
Dass es sich trotz typischer Mechaniken nicht einfach nur um ein weiteres MMO nach Schema F handelt, wird beim Einstieg in die Welt klar: Es gibt kein Klassensystem und kein Maximallevel, jeder Charakter kann - theoretisch - alles lernen, jede Waffe tragen und jede Art von Magie nutzen. Möglich wird das über die Vergabe von Fähigkeits- und Kraftpunkten. Erstere werden seltener verliehen, sie dienen der Steigerung von Waffen- oder Talismanfähigkeiten. Kraftpunkte hingegen sind das Äquivalent zu Erfahrungspunkten und dementsprechend häufig.
Sie werden - jetzt wird es kompliziert - in einem runden Auswahlfeld in je drei Magiearten sowie Fern- und Nahkampfangriffe investiert, z.B. Chaos- und Blutmagie, Pistolen, Klingen und Fäuste. Über 500 Fertigkeiten können theoretisch erlernt werden, gerade zu Beginn ist das zu viel des Guten. Dazu kommen diverse Abkürzungen und einblendbare Erklärungen, die zwar Infos liefern, diese aber nicht erklären - und so noch mehr Chaos stiften.
Um mehr Schaden zu verursachen, was in vielen Kämpfen dringend nötig ist, sollte man sich vorerst aber ohnehin auf zwei Waffen bzw. magische Richtungen konzentrieren. Dazu kommt, dass in der Aktionsleiste nur sieben aktive Skills Platz finden. Diese können nach Belieben getauscht werden - wer also etwa statt der Kombination aus Samuraischwert und magischen Fähigkeiten doch lieber Pistolen und Pumpguns einsetzen möchte, kann dies jederzeit tun. Allerdings können die einmal eingesetzten Kraftpunkte nicht umverteilt werden.
Die Charakterwerte kann man darüber hinaus übrigens nur über - anfangs rar gesäte - Ausrüstung wie Ring, Talisman oder Kette verbessern. Waffen, Talismane und Glyphen kann man auch selbst anfertigen, doch dem Crafting fehlt es - wie so oft im Spiel - an Erklärungen. Auch die integrierte Hilfefunktion per fiktivem Webbrowser ist nur bedingt nützlich.
Positiv fällt hingegen auf, dass in "The Secret World" langweilige Sammelquests sehr selten sind, stattdessen gibt's jede Menge abwechslungsreicher Missionen, die es ganz schön in sich haben. So erfahren wir zum Beispiel nur, dass eine ehemalige Hellseherin von Visionen über Raben geplagt wird. Wir müssen der Flugroute der Vögel folgen, um eine böse Macht aufzuspüren. Oder es gilt, ein Morsesignal oder Nummerncodes aus Bibelversen zu dekodieren. Wer aufmerksam durch die Welt läuft, findet außerdem allerhand Missionen am Wegesrand - mal muss ein Vermisster aufgespürt, mal sollen Vorräte gesammelt werden.
Allzu viel Hilfe gibt es bei den Missionen nicht, was für unaufmerksame Spieler schon mal frustrierend sein kann. Wenn es gar nicht weitergeht, sind im Chat hilfreiche Mitspieler zugegen, die den einen oder anderen Tipp beisteuern. Und das ist - der Aktivität im Chat und den eigenen Erfahrungen nach zu urteilen - auch dringend nötig.
Immerhin: Löst man eine der anspruchsvollen Quests selbst, ist das Erfolgserlebnis größer als bei MMO- Kollegen, die jeden Schritt vorkauen und auf der Minimap markieren. Die gibt es in "The Secret World" selbstverständlich auch, allerdings sind die Hinweise eher spärlich gesät.
Der Übersichtlichkeit dient, dass der Spieler nicht unendlich viele Quests annehmen kann: Nur eine Hauptmission darf aktiv sein, das typische Abgrasen aller Nichtspielercharaktere auf der Suche nach möglichst vielen Aufgaben fällt damit flach. Zu tun gibt es dennoch mehr als genug, da die Questgeber klug über die Welt verteilt sind. Lange Laufwege muss man hin und wieder trotzdem in Kauf nehmen, auch wenn viele Missionen dankenswerterweise per Handy abgeschlossen werden. Eine Schnellreisefunktion oder Vehikel gibt es nicht.
Das Herzstück von "The Secret World" sind die Kämpfe, die man beinahe ständig absolvieren kann, schließlich finden sich überall wahre Horden von Untoten und sonstigen Monstern. Man visiert Gegner an, wählt aus der Aktionsleiste eine Fähigkeit nach der anderen aus und stürzt sich so ins actionreiche Gefecht. Manche Zauber generieren Ressourcenpunkte, mit denen mächtigere Fähigkeiten aktiviert werden. Das alles ist nicht innovativ und spielt sich zudem etwas schwammig. Immerhin macht es aber Riesenspaß, mit verschiedensten Waffen und Magie gleichzeitig zu Felde zu ziehen.
Das kann man über weite Strecken allein tun, für Instanzen ist aber natürlich der Anschluss an eine Gruppe nötig. Dort warten riesige Bossgegner in schöner Kulisse, als Belohnung für den knackigen Schwierigkeitsgrad gibt's jede Menge hilfreiche Gegenstände. Eine Gruppe zusammenzustellen, die den Herausforderungen gewachsen ist, ist mangels Levelsystem allerdings schwierig. Schließlich ist es dadurch unmöglich zu beurteilen, ob man selbst und die Mitspieler der Herausforderung gewachsen sind. Durch die Freiheit bei der Vergabe der Kraftpunkte fehlt es dem Spiel zudem an gezielt auf Heiler und Tank geskillten Charakteren. Instanzen spielt man daher fast immer nach der Methode Versuch und Irrtum.
Wer nicht mit echten Spielern, sondern gegen sie kämpfen möchte, kann dies im PVP tun. Dort treten die drei Organisationen auf drei Schlachtfeldern gegeneinander an. Der Einstieg ist unkompliziert und jederzeit möglich.
Zuletzt noch einige Worte zur Technik: Die Grafik ist durchwachsen - oftmals begeistern wunderschöne, kreative Landschaften, dann wieder wirken die Orte lieb- und leblos. Auch gelegentliche Animationsfehler sowie die matschigen, detailarmen Gesichter trüben den Spielspaß. Die Sprachausgabe ist hingegen gelungen, vor allem in der - statt der deutschen wählbaren - englischen Version.
Fazit: Die vielfältigen Missionen sind das Glanzstück in "The Secret World". Sie bestechen durch ungewöhnliche Ansätze, mal ist Heimlichkeit gefragt, mal müssen Gegenstände kombiniert werden, dann wieder treiben voll vertonte Storymissionen die mysteriöse, anfangs etwas verwirrende Geschichte voran. Auch die Freiheit bei der Fähigkeitenwahl macht, der anfänglichen Überforderung zum Trotz, in den Kämpfen mächtig Laune. Nachbessern sollten die Entwickler bei den Gesichtsanimationen und vor allem den an allen Ecken und Enden fehlenden Erklärungen. Sogar, dass der Spieler von Beginn an zwei Waffen tragen kann, wird unterschlagen. Wer mit diesen Anlaufschwierigkeiten - schließlich darf man für das Spiel noch zahlreiche Patches erwarten - zurechtkommt, darf sich über ein ungewohntes, anspruchsvolles und spannendes MMO freuen.
Plattform: PC
Publisher: Electronic Arts
krone.at- Wertung: 8/10