Als Leserbriefschreiber wird man mitunter gefragt, was die Beweggründe zu dieser Form von Meinungsäußerung sind. Ist es Kommunikationsersatz, Lust am Schreiben, oder bekommt man am Ende gar Geld dafür, wird herumgerätselt. Weder das eine noch das andere ist jedoch der Fall. Vielmehr bedeutet es für Nichtjournalisten in der Regel große Mühe, Gedanken bzw. Sorgen möglichst verständ-lich in geschriebene Worte zu fassen. Aber gerade das macht den Wert und den Reiz von Leserbriefen erst aus. Sie ergeben dadurch ein unverfälschtes Profil der Wählermeinung - vorausgesetzt, man sendet sie an einen Zeitungsverlag, der keine tendenzielle Selektion betreibt. Politiker sollten jedenfalls diese Art von Infoquelle beachten, denn auf ihre professionellen Zurufer können sie sich nicht wirklich verlassen. Meist sind sie von Schleimern umgeben, die selten das sagen, was sie denken, und sie sind Gutachtern, Umfragen sowie Analysten ausgeliefert, die hoch dotiert und daher geschäftsorientiert agieren. Leserbriefe stellen hingegen ein realitätsbezogenes Instrument der direkten Demokratie dar, welches offensichtlich vermehrt auch an höchsten politischen Stellen wahrgenommen wird, denn es kommt mitunter vor, dass man z. B. infolge eines EU-kritischen Leserbriefes vom Innenministerium eine belehrende Zuschrift erhält. Das weitaus erfreulichere Echo ist jedoch der überwiegend positive Zuspruch aus Bekannten- und Nichtbekanntenkreisen, wodurch sich allmählich ein ermutigendes und gewichtiges Meinungskollektiv bildet.
Gerhard Breitschopf,St. Oswald
erschienen am Sa, 13.3.