Eigentlich ging es um die - eher unspektakuläre - Prüfung einer Verwandtschaft verschiedener Pflanzengruppen, als der Botaniker Willhelm Barthlott und seine Kollegin Nesta Ehler in den 70er Jahren Pflanzenblätter untersuchten. Bei der Präparation der Blätter fiel ihnen auf, dass erstaunlicherweise gerade Blätter mit glatten Oberflächen meist schmutziger sind als solche, die unter dem Mikroskop rauhe Strukturen zeigen. Besonders auffallend ist dies bei einer bestimmten Lotuspflanze: Ihre fein genoppten und mit Wachsperlen besetzten Blätter lassen Schmutz und Wasser vollkommen abperlen. Zunächst erschien dies dem Team völlig unbedeutend. Erst zwölf Jahre später griffen Barthlott und sein Doktorand Neinhuis dieses "Phänomen der sauberen Blätter" wieder auf. Dabei entdeckten sie den Trick, der den Blättern zu ihrer selbstreinigenden Oberfläche verhilft. Jeder Tropfen perlt binnen kürzester Zeit wieder vom Blatt ab und nimmt dabei auch allen Staub und Schmutz mit.
Es gelang den Biologen, dieses Modell auf künstliche Oberflächen zu übertragen. Gemeinsam mit der Industrie wird nun nach technischen Anwendungsmöglichkeiten gesucht. Inzwischen sind die ersten Lösungen bereits auf dem Markt: Im Oktober 1999 stellte ein Bauunternehmen selbstreinigende Dachziegel vor. Fast zeitgleich wurde die Fassadenfarbe "Lotussan" präsentiert, die nicht nur Schmutz und Feuchtigkeit der Fassade verringern soll, sondern nach dem natürlichen "Lotus"- Vorbild auch Schutz gegen Pilz- und Bakterienbefall bietet. An weiteren Einsatzmöglichkeiten wird gearbeitet.
Laut einer Erzählung aus der Bionikgeschichte soll der Schweizer Ingenieur und Mathematiker Karl Culmann im Jahr 1865 eher zufällig die Anatomievorlesung eines engen Freundes besucht haben. Dort wurde gerade die Struktur des Oberschenkelknochens und seiner seltsamen Anordnung der Knochenbälkchen behandelt. Dem Ingenieur fiel sofort auf, dass eine bestimmte Ausrichtung genau den Verlauf von Kräftelinien wiedergibt, die auf den Oberschenkel bei Druck und Zug einwirken. Zu dieser Zeit befasste sich Culmann gerade mit der Entwicklung eines neuen, hochbelastbaren Krans. Im menschlichen Oberschenkel fand er genau das Modell, das er brauchte.
Eine ganze Schule der Statik fußte auf diesen neuen Erkenntnissen des Ingenieurs. Bei ihm lernte auch der spätere Architekt des Eiffelturms, Maurice Koechlin, die Anatomie der Metallarchitektur kennen.
Lösungen aus der Natur neu entdecken Allerdings geschieht es auch, dass Architekten und Ingenieure Konstruktionsprinzipien der Natur übernehmen, ohne dass ihnen dies bewusst ist. Erst im nachhinein werden die Vorbilder aus der Natur dazu entschlüsselt.
So weist etwa das Dach des 1972 erbauten Müncher Olympiastadions eine ganz ähnliche Konstruktion auf wie das zwischen Gräsern aufgehängte Netz der Zitterspinnen. Wie beim Dach des Stadions müssen die dünnen Fäden des Netzes nur Zugbelastungen standhalten, die Druckbelastungen übernehmen die Grashalme (beim Stadion die Masten).