Cocoon

Porsche Panamera Turbo – wie der Schoß einer Mutter

Motor
05.07.2010 08:52
Du öffnest die Tür, nimmst Platz im Porsche Panamera Turbo, die Tür saugt sich sanft ins Schloss, und plötzlich weißt du, du bist angekommen. Das Auto umfängt dich wie der Schoß einer Mutter, die Welt dringt nur noch gedämpft zu dir durch. Dann startest du das Triebwerk und merkst, wie dein Puls in die Höhe geht. Dass du die Optik des Panamera wenige Augenblicke zuvor als „zumindest gewöhnungsbedürftig“ bezeichnet hast – vergessen.

Dieses Spenden von Geborgenheit ist ungewöhnlich für einen Sportwagen, wobei die Karosserieform dieses viertürigen Porsche beinahe ein Ausdruck davon zu sein scheint. Der Panamera ist ein rasender Cocoon, in den man sich zurückziehen kann. Lass die Neider ruhig von einem Porsche mit eiförmigem Hintern reden, du weißt, es sind Charakterformen, die hier die Geister scheiden. Während sie ihr trendgerechtes Cocooning zu Hause vor dem Fernseher ausleben, bettest du dich auf feinstes Leder. Und Fernsehempfang hast du auch im Auto, wenn du „TV-Tuner“ auf der Aufpreisliste angekreuzt hast.

Man muss ihn erlebt haben
Aber statt Erlebnisse aus zweiter Hand zu betrachten, sorgst du besser für eigene. Der 500 PS starke turbogeladene Achtzylinder ist ein geeignetes Werkzeug dafür, unterstützt durch eine Menge serienmäßiger Technik: Allradantrieb, ActiveSuspension-, Stability- und TractionManagement sowie Adaptive Luftfederung sind Ausdruck des ernsthaften Sportanspruchs, erst recht in Verbindung mit den optionalen Genüssen DynamikChassisControl (5.600 Euro) und Keramikbremsanlage (mehr als 10.000 Euro). Lass dich ein auf dieses Fahrerlebnis und dir wird klar: Das ist ein richtiger Sportwagen!

Gut, er ist auch eine viersitzige viertürige Luxuslimousine, aber die einzige, die serienmäßig über 300 km/h geht. Mit der Launch Control ist Tempo 100 nach 4,2 Sekunden erreicht, nach 13,9 Sekunden stehen 200 auf der Uhr. Problemlos, aber mit feuchten Händen. Irgendwo unterwegs setzt sich am Heck transformersmäßig ein Spoiler aus drei Teilen zusammen, um hinten für Abtrieb zu sorgen. In Stellung Sport+ lenkt der Zweitonner hammermäßig ein, der Porsche lässt sich bestens dirigieren. Natürlich ist er kein 911er, aber die Performance ist beeindruckend. Die vier Sportsitze sorgen für besten Seitenhalt (wobei die einstellbaren Seitenbacken am Fahrersitz bei Belastung unangenehm knarren).

Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe ist hier serienmäßig; es weiß, wann wohin zu schalten ist. Du kannst aber auch selbst eingreifen: mit ins Lenkrad integrierten Schaltknöpfen, die sehr gut zu bedienen sind und besser ins edle Ambiente passen als riesige Schaltpaddles dahinter. Wer die Power ausnutzt, wird froh sein, dass in den Tank 100 Liter reinpassen. Der wäre sonst nämlich schneller leer als die Blase voll.

Gutes Gewissen abrufbereit
Im Alltag geht es aber auch sparsamer, das gute Gewissen fährt mit und ist jederzeit abrufbar. 12,2 Liter Normverbrauch verspricht der Prospekt, allerdings: Wer unter 14 l/100 km bleibt, bekommt den großen Benzinpreis in Gold verliehen (Anm: Die Modelle ab August 2010 weisen durch Rekuperation und rollwiderstandsreduzierte Reifen einen um 0,9 Liter reduzierten Normverbrauch auf). Eine Hilfe dabei ist die serienmäßige Stopp-Start-Automatik, die das Triebwerk immer dann abdreht, wenn man steht und den Fuß auf der Bremse hat. Das ist löblich, aber manchmal lästig, etwa im Stop-and-Go-Verkehr oder beim Kurz-mal-Anhalten an einer Einmündung. Lässt sich aber per Knopfdruck leicht deaktivieren. 

„Leicht“ ist  übrigens ein gutes Stichwort. Der Panamera hat kein kompliziertes integriertes Bediensystem, sondern eine ganze Reihe Knopferln, mit denen zielgenau zu bedienen ist, was zu bedienen ist. Um diese unterzubringen, gibt es eine riesige, sehr breite, ansteigende Mittelkonsole. Die ist zwar wuchtig, lässt Fahrer und Beifahrer aber genügend Platz, weil der Innenraum immens breit ist.

Bescheidenheit im Luxus
Erstaunlich allerdings angesichts der Üppigkeit in jeder Hinsicht, dass das Handschuhfach ziemlich unterdimensioniert ist. Meine CD-Mappe bringe ich jedenfalls nirgendwo unter. Dafür gibt es hier intelligente, ausklappbare Getränkehalter. Ausklappbar sind auch die Türfächer, außerdem gefüttert. Die Materialien im Innenraum sind erstklassig, da passt eines zum anderen. Angesichts des Testwagenpreises – Achtung, jetzt wird’s dekadent - würde ich mir höchstens eine Mittelkonsole ohne Blindkappen auf nicht genutzten Schalterplätzen wünschen. Aber selbst in dieser Preisklasse dürfte eine maßgefräste Konsole zu viel verlangt sein.

Zurück zum Alltag (der mit dem Panamera immer etwas Besonderes hat): Der Kofferraum fasst 445 Liter, die Rücksitze lassen sich einzeln umklappen, was ein Ladevolumen von 1.263 Litern bringt. Da kann man dem Filius durchaus beim Umzug helfen.

Der muss leider Miete zahlen, denn der Gegenwert seiner Wohnung wurde in den Testwagen gesteckt: 193.370,84 Euro, davon 30.000 nur Extras (davon wiederum die Hälfte in Keramikbremsen und ChassisControl). Jedenfalls hat er auch etwas, wo er sein Cocooning betreiben kann. Wenn auch gemächlicher.

Stephan Schätzl

Warum?

  • Weil’s finanziell eh wurscht ist. Und nur dann.

Warum nicht?

  • Weil der Sechszylinder (ab 90.500 Euro) auch ein schönes Auto ist.

Oder vielleicht …

  •  … doch lieber eine Wohnung für den Sohnemann?
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