So, 19. November 2017

14 Tage im Test

30.03.2008 20:20

Die Kinderkrankheiten des Austro-iPhones

Wie "revolutionär", "userfreundlich" und "haushoch überlegen" das Apple-iPhone den momentan am heimischen Markt befindlichen Handys ist (oder spätestens mit dem im Sommer erscheinenden Update auf Version 2.0 und der ersten UMTS-Version sein wird), braucht man nach der medialen Dauerpenetration der letzten acht bis zehn Monate wohl nicht mehr zu sagen. Nach 14 Tagen "Say hello to iPhone in Austria" zieht krone.at über die Kinderkrankheiten der ersten iPhone-Generation Bilanz. Und man möchte gar nicht glauben, was ein Prozent bei einem nach gegenwärtigen Gesichtspunkten zu 99 Prozent perfekten Handy ausmacht...

"Bin-laden-Handy"
Für gewöhnlich muss man bei einem zweiwöchigen Test zwei- bis dreimal an die Steckdose - wenn der Akku ganz neu ist, vielleicht auch viermal. Auf ganze sieben Ladevorgänge brachte es das iPhone in exakt dreizehneinhalb Tagen. Aber es ist dem Gefühl nach nicht die Sprechzeit oder der ständige WiFi-Betrieb, der dem Handy den Saft zieht. Wer die Stärken des iPhones exzessiv genießt - und das sind die iPod-Funktion inklusive mehr als brauchbarer, wenn nicht gar umwerfender Videowiedergabe - begegnet regelmäßig dem grafisch besonders herzig animierten Warnhinweis "Akkuladung beträgt nur mehr 10%" - was in der Praxis aber schon nach einer Viertelstunde das Aus bedeutet. Was die Sache etwas erträglicher macht: Das Handy ist nach nur zweieinhalb Stunden wieder voll aufgeladen und anders als beim klassischen iPod dann auch voll benutzbar, wenn man's am Mac oder PC angeschlossen hat.

Such den Hotspot!
"Gratis surfen an 160 T-Mobile-Hotspots", schreit der iPhone-Folder im Shop des Mobilfunkers. Erstens: "Gratis" ist leicht misszuverstehen, denn kostenlos ist die Benutzung der WiFi-Zugangspunkte nur, solange man sein 3-GB-Downloadlimit nicht überstrapaziert. Der Verbrauch über den Hotspot wird nämlich auf das Guthaben aufgerechnet. Zweitens: Wer Hotspots regelmäßig nutzen will, muss sich entweder nach einem Job als Hotelkritiker umsehen oder ganz schnell von Kaffee auf Tee oder Sodawasser umsteigen. Hot ist der Spot zum Beispiel in Wien nur in sämtlichen Hotels der Stadt bzw. in ausgesuchten Kaffeehäusern wie dem Café Griensteidl oder der Handvoll Filialen der US-Coffeshop-Kette Starbucks. Solltest du in den nächsten Tagen verstärkt vor Hoteleingängen vagabundierende iPhone-Besitzer bemerken - wundere dich nicht, dieser Mensch macht wohl nur von seinem Recht auf Ausschöpfung des Downloadvolumens Gebrauch. Würde er alles über die GPRS/EDGE-Verbindung aufbrauchen wollen, müsste der Monat nämlich mindestens doppelt so viele Tage haben. Übrigens: In unseren beiden Testwochen verbrauchten wir mit zahlreichen Google-Maps-Vorführungen (*wow*), einem Dutzend YouTube-Videos (*gähnlangsam*), einigen Surftouren mit dem Safaribrowser (*dasiehtmanjawirklichalles*) und der Post aus vier E-Mail-Accounts (*brauchbarundflott*) etwas über 140 Megabyte. Zu erwähnen wäre noch, dass die EDGE-Verbindung in Wien durchgehend langsamer war als in unserem ländlichen Testort, einer 1.800-Seelen-Gemeinde im Burgenland, wo man mit gut 130 Kbit/s surft. Und da soll noch mal wer sagen, in der sprichwörtlichen "Pampa" sei Funkstille...

Rate, wer heut anruft!
Nein, das ist nicht das vorzeitige Spin-off eines ORF-post-Reform-Dauerbrenners: Unser Test-iPhone schaffte es trotz Besuchen in einschlägigen Foren, wiederholter Neusynchronisierung des Adressbuches - die Kontakte von einer alten SIM-Karte (und auch einer "vertragsverlängerten") muss man nämlich zuerst in iTunes verfrachten, um sie später in den Handyspeicher übertragen zu können - und einem Anruf beim T-Mobile-Service-Center über Tage nicht, zu allen Anrufern im Adressbuch den Namen statt der Telefonnummer auf das Display zu zaubern. Die Lösung für das Problem lieferte uns ein alter Handyveteran, der schon drahtlos telefonierte, als Mobiltelefone noch wie Autobatterien mit Hörer aussahen, und uns an etwas erinnerte, was wir noch verschwommen als Macke aus der Handy-Urzeit in Erinnerung hatten: Steht ein "+43" beim Adressbucheintrag, so verrät das iPhone gnädig, wer anruft. Ist das nicht der Fall, kommt nur die Nummer. Und da passiert es dann, dass man Großmutter am Sonntagnachmittag mit einem schelmischen "Na, schon wieder nüchtern?" begrüßt, weil die Handynummer auf den ersten Blick der jenes Menschen gleicht, dem man am Abend zuvor als Häufchen Elend ins Taxi geschaufelt hatte. Die letzten Handymodelle, bei denen "+43" ein Thema war, liegen so in den Gefilden von Alcatel One-Touch-Easy oder klobigen Nokias...

Klingeltöne: Hundegebell und alte Tröten
Kaum zu glauben, aber wahr: Auf dem iPhone ist es nicht möglich, einen Song aus der iPod-Mediathek als Klingelton auszuwählen. Stattdessen werden Hundegebell, Oldtimer-Hupen oder die berühmt-berüchtigten "iPhone-Marimbas" angeboten. Wer sich nicht lächerlich machen will, greift da am besten zum klassischen Telefonklingeln. Theoretisch könnte man sich im iTunes-Store einen Song herrunterladen, bei dem es die Rechteinhaber erlauben, ihn als Ringtone zu verwenden (erkennt man am kleinen Glöckchen in der Playlist). Doch die sind rar gesät und nebenbei verwundert es, dass man jene Songtitel, die man sich via iTunes zu einem 30-Sekunden-Klingelton umwandeln dürfte, auch dann nicht verwenden darf, wenn man sie bereits als ein von der gekauften CD geripptes AAC- oder MP3-File besitzt. Schöne, bunte iTunes-Welt...

Wörterbuch = Schreibfehlergenerator
Man hat getippt, getascht, das Apple-Handy angebrüllt und fast beinahe zu Boden geworfen - die automatische Rechtschreibkorrektur im iPhone lässt sich nicht ausschalten. Und dummerweise auch schwer umgehen. Vorschläge des Handys gehen vor dem, was man gerade eintippt. Englische Ausdrücke (in der heutigen Zeit ist das ein Kriterium, speziell dann, wenn man YouTube-Zugang am Handy hat) bringt man nur dann ohne sinnlose Eindeutschversuche der Software unter, wenn man sich eine zweite Tastatur als Option zulegt und dann mit einem Klick wechseln kann. Wer aber will, dass Namen und Orte korrekt buchstabiert sind (und nicht aus Hitzbucher Hitzbücher wird, oder aus Obergurgl Oberhurgl), der muss sein iPhone rechtzeitig stoppen und mit viel Zielwasser das kleine "x" neben dem Wörterbuchvorschlag erwischen. Im Gegensatz zu allem anderen, ist das nämlich unverschämt klein dimensioniert...

Fazit
Dass es nur wenige Schönheitsfehler am iPhone zu entdecken gab, über die man noch dazu zynisch berichten kann, weil sie nicht wirklich stark schmerzen, überrascht. Dennoch sind es bei Dingen wie Klingelton und Wörterbuch mitunter peinliche Kinderkrankheiten, die man mit einem Softwareupdate tunlichst ausbessern sollte. Providerseitig ist das (nur in Österreich) vorhandene Downloadlimit schlicht Schikane - noch mehr schmerzt aber, dass man für die Hotspots entweder jedes Mal Kaffee trinken oder in ein Hotel einchecken muss. Mit einer Nachbesserung täte T-Mobile hier nicht nur dem Kunden, sondern auch dem eigenen Image als "fortschrittlicher Provider" gut.


Von Christoph Andert

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