Sa, 25. November 2017

Frau als Bub

11.01.2008 16:35

33-Jährige lebte monatelang als Bub in Norwegen

Als norwegische Sozialarbeiter den kleinen Adam im September 2007 in Oslo auf der Straße aufgriffen, kümmerten sie sich sofort um den schüchternen Buben, der nur Tschechisch und gebrochen Englisch sprach. Adam ging in Norwegen zur Schule, wohnte in einem Sozialheim. Im Dezember verschwand der Bub urplötzlich, eine große Suche folgte. Gefunden hat man dabei vor wenigen Tagen Barbora (siehe Polizeifoto links), eine 33-jährige Tschechin, die schon lange als Kronzeugin in einem Misshandlungsfall in ihrer Heimat aussagen hätte sollen, aber sich weigert. Die 155 Zentimeter kleine Frau hatte sich in Oslo als Bub ausgegeben und die Behörden genarrt - und das nicht zum ersten Mal, in Tschechien war sie schon eine 13-jährige Anicka.

In Norwegen war man schockiert, die tschechische Polizei überraschte es nicht so sehr, dass man Barbora in Oslo als Adam kannte. Die zierliche 33-Jährige, die mittlerweile nach Tschechien ausgeliefert wurde und dort in einer Klinik einem psychologischen Evaluationsverfahren unterzogen wird, hatte sich bereits einmal als 13-jähriges Mädchen ausgegeben, und wurde damals sogar von einer Familie adoptiert.

Den Norwegern zufolge hatte sie ihr Haar geschoren und sich täglich ein Stofftuch um die Brust gebunden, damit ihre Weiblichkeit nicht zu erkennen war. Die Sozialarbeiter und Lehrer in Oslo gaben gegenüber der Polizei an, dass Adam schon etwas eigenartig ausgesehen habe, man sich aber trotzdem nichts dabei gedacht hatte. "Das ist nicht so einfach. Kinder in diesem Alter können sehr unterschiedlich aussehen", sagte Ingjerd Eriksen, Direktor der Marienlyst-Schule in Oslo, der Zeitung "Dagbladet".

Kronzeugin in Misshandlungsfall
Die Erfahrungen, die Barbora bei der Adoptivfamilie in Brünn gemacht hatte, müssen schrecklich gewesen sein. Ihre Mutter, die zwei leibliche Söhne hat, ist in Tschechien seit Mai der Kindesmisshandlung angeklagt. Die Frau soll zu einer religiösen Sekte gehören, weswegen die Causa in Tschechien viel Aufmerksamkeit erregt. Ein Bube wurde damals nackt in einem Kasten eingesperrt von einer Nachbarin gefunden.

Barbora, die von der Familie als Reisepass- und Identitäts-lose Anicka adoptiert wurde, sollte als Kronzeugin vor Gericht aussagen. Ob sie selbst misshandelt wurde, konnte man nie feststellen. Auch war unklar, wie lange sie bereits bei der Familie, deren Söhne sie bereits als Anicka beim Spielen kennengelernt hatte, lebte. Im Frühsommer 2007 verschwand sie auf einmal spurlos - die 33-Jährige war zu Verwandten nach Dänemark gereist und vor dem Gerichtstermin geflüchtet. Als sie Journalisten an ihrem Aufenthaltsort aufstöberten, gab sie dem tschechischen Radio im Juni noch ein Interview, in dem sie erklärte, nicht in die Heimat zurückkehren zu wollen. Kurz darauf verschwand sie wieder und ging nach Norwegen, wo sie diesmal eine zweite Identität als 13-jähriger Bub Adam annahm und sich sozusagen niederließ.

Während die norwegischen Behörden prüfen, ob Barbora wegen Identitätsdiebstahls (sie hatte einen gefälschten Pass) und Vorspielung falscher Tatsachen angeklagt werden kann, geht man in Tschechien behutsamer vor. Die Frau befindet sich in psychiatrischer Behandlung. Der Missbrauchsprozess gegen ihre ehemalige Adoptivmutter, die seit ihrem Verschwinden noch immer in U-Haft sitzt, soll jetzt abgeschlossen werden.

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