Skurriler Job

Tatortreiniger: "Es bleiben Narben auf der Seele"

Jeder kennt Tatorte - zumindest aus dem Fernsehen. Doch die Realität sieht bei weitem grauenhafter aus, als in den meisten Hollywoodfilmen. "Es ist nicht so klinisch sauber und der Geruch ist oft infernal", weiß Rosalia Zelenka, die seit zehn Jahren Tatorte und Messie-Wohnungen reinigt. Als größte Herausforderung bei dieser Tätigkeit sieht sie die Menschen und Geschichten, die hinter jedem Leichenfund und jeder Messie-Behausung stehen.

Dass es nicht schön sein kann, wenn sich Menschen mit einem Jagdgewehr in den Kopf schießen, kann sich jeder vorstellen. Doch die realen Tatorte übersteigen die eigenen Vorstellungen wahrscheinlich bei weitem. Rosalia Zelenka, die gemeinsam mit ihrem langjährigen Geschäftspartner Peter Pales seit 2011 die Tatortreinigung S.O.S. Zelenka betreibt, hat schon viele Orte, an denen ein Leben sein Ende fand, gesehen. "Es gibt immer wieder besonders grausame oder auch bewegende Aufträge und Momente. Die beschäftigen uns über längere Zeit", erzählt Zelenka im City4U-Gespräch.

#Es bleiben Narben auf der Seele

Acht bis zehn Tatortreinigungen führt Zelenka pro Monat durch. Auf die Frage, welcher bis jetzt der schlimmste war, hat sie gleich eine Antwort: "Es war der Leichenfund der 72 Flüchtlinge in dem slowakischen Kühltransporter. Da bleiben dann auch schon mal Narben auf der Seele übrig." Jeder Auftrag ist eine neue Herausforderung, aber auch eine Freude "die erleichterten Gesichter der Kunden zu betrachten, wenn wir unsere Arbeit beenden und dem Ganzen den Schrecken genommen haben." Je nach Aufwand kostet die Reinigung eines Leichenfundortes zwischen 500 und 5.000 Euro. Der Preis für die Entrümpelung einer Messie-Wohnung beträgt 1.500 bis 22.000 Euro. "Je nach Aufwand. Bei letzterem sprechen wir von etwa 200 Kubikmeter Müll und Sperrmüll."

#Pietät und Verständnis

Als Zelenka vor zehn Jahren in einer anderen Firma mit der Tatortreinigung begann, steckte der Begriff noch in den Kinderschuhen. Der damalige Leiter dieser Abteilung verschwand von einem Tag auf den anderen und sie musste sie übernehmen: "Ich erkannte die Lücken und das Potenzial dieses Geschäftsfeldes und beschäftigte mich verstärkt mit Mikrobiologie und Hygieneverordnungen." Nachdem diese Firma sich auflöste, machte sie sich selbstständig. "Leichenfundorte sind sehr neuralgische Auftragsorte. Pietät und Verständnis für die Hinterbliebenen ist hier ebenso wichtig wie ein geschultes Auge und das nötige Know-How.
Das gilt auch für Messiewohnungen, denn man kann einen Menschen nicht ändern. Allerdings kann man ihn unterstützen und das nötige Werkzeug in die Hände legen um sich weiterzuentwickeln", beschreibt die Unternehmerin. Über ihre Arbeit als Tatortreinigerin hat sie auch schon Bücher verfasst.

#Keine Zeit für Ekel

Eine Einschulung im klassischen Sinn erhielt Zelenka nicht. Sie brachte sich alles haarklein selbst bei. Bereits am Anfang kostete sie das Betreten dieser Orte keine Überwindung: "Aufgrund meiner Historie war keine Zeit für Ekel. Dieses Gefühl bewegt uns, wenn wir über das wie oder was der Materie nachdenken. Ich habe das von Anfang an ausgeschaltet. Gegen übermächtige Gerüche gibt es Masken", betont sie. Alle Gefühle kann man jedoch nicht ausschalten. Als sie zu einem Suizid gerufen wurde, beim der sich ein Mann mit einem Jagdgewehr erschoss, kam die Gattin zu ihr und fragte sie mit einem wirren und traurigen Blick nach dem "Warum". "Mir fiel nichts darauf ein und ich nahm sie einfach in den Arm. Später saßen wir gemeinsam am Küchentisch und suchten das Foto für die Pate aus. Das vergisst man nicht."

#Nicht wie putzen

Eine Tatortreinigung hat wenig mit einem üblichen Hausputz zu tun. "Es ist immer eine Herausforderung. Bei jedem Anfang sucht man nach der sinnvollsten Vorgangsweise", erklärt Zelenka. Alle Abläufe haben eine bestimmte Reihenfolge - Ganzkörperschutzanzug und Atemschutzmaske gehören immer dazu. Um bestimmte Körperflüssigkeiten vollständig entfernen zu können, nützen oft nicht einmal die von Zelenka selbst hergestellten Mixturen. Dann müssen Böden heraus- und Rigipswände niedergerissen werden. Eine allgemeingültige Anleitungen für die Tatortreinigung gibt es also nicht.

#Sensationslust

Nervös ist Zelenka nicht, bevor sie zu einem Tatort kommt: "Ich bin dann konzentriert und gefasst. Alles andere wäre hinderlich. Der Kunde selbst ist meist schon nervös genug." Die Tatortreinigerin arbeitet alle Aufträge persönlich ab, da gutes Personal gerade in dieser Branche rar ist. "Ich habe die Suche aufgegeben. Es ist mehr die Sensationslust, die Bewerber zu uns treibt. Es ist aber nicht unsere Intention unsere eigene Person durch das Leid anderer in den Vordergrund zu stellen. Die Arbeit ist fordernd und wenn das dann einmal klar ist, sind die Mitarbeiter auch schon wieder weg", stellt die ehemalige Prokuristin klar. "Leider orientieren sich viele dabei eher an Fernsehsendungen und haben dadurch ein verschobenes Bild zur Realität."

Jänner 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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