Fahrscheinkontrolle!

„Jeder Schwarzkappler braucht Fingerspitzengefühl“

Die Schwarzfahrer werden weniger. Das ist nicht nur der günstigen Jahreskarte um umgerechnet einem Euro pro Tag zu verdanken, sondern auch den 100 Kontrolloren der Wiener Linien die täglich gleichzeitig in Bus, Bim und U-Bahn unterwegs sind. Die Wienerin Sylvia F. ist seit 2006 in den Öffis unterwegs um Schwarzfahrer zu ertappen. Am liebsten wäre es ihr aber, wenn ihr Beruf überflüssig wäre - weil dann hätte endlich jeder einen Fahrschein.

Bereits über 2,5 Millionen Fahrgäste werden täglich von den Wiener Linien befördert. Der Großteil von ihnen hat ein gültiges Ticket, manche jedoch nicht. "Wenn man eine Dienstleistung beansprucht, muss man sie auch bezahlen. Man geht ja auch nicht zum Billa, nimmt sich zwei Semmerl und geht einfach", erklärt "Schwarzkapplerin" Sylvia F. im City4U-Talk in der Dienststelle am Währinger Gürtel. Die Zahl der Menschen ohne Fahrscheine geht zwar kontinuierlich zurück, trotzdem ist Kontrollorin noch lange nicht arbeitslos.

#Manche freuen sich über Kontrolle

Bereits seit 1999 ist Sylvia F. bei den Wiener Linien, zuerst als Stationswartin, seit 2006 ist sie bei der Fahrscheinkontrolle. Schon ihr Vater war ein Schaffner. "Ich liebe die Abwechslung an diesem Beruf. Jeder Tag ist anders und man ist viel an der frischen Luft", sagt sie. Es gebe zwar gewisse Stationen, die man vielleicht nicht mag, trotzdem könne der Dienst dort schön sein. "Manchmal sind die Leute so freundlich. Sie bedanken sich für die Kontrolle und wünschen uns einen schönen Tag. Das ist natürlich angenehm." Das Gegenteil gibt es aber auch: "Viele Leute ärgern sich über die Kontrolle, obwohl sie einen Fahrschein haben. Die diskutieren dann ein paar Minuten mit uns, warum genau jetzt die Stationskontrolle stattfindet, anstatt dass sie für fünf Sekunden ihr Ticket herzeigen."

#"Ich habe es nicht gewusst"

Früher hat Sylvia F. schon beim Einsteigen erkannt, wer ohne Fahrschein im Bus sitzt. "Heute kann man das überhaupt nicht mehr sagen. Von der Hausfrau zum Geschäftsmann kann es jeder sein", spricht die Wienerin aus Erfahrung. Die drei häufigsten Ausreden, warum man keinen gültigen Fahrschein vorweisen könne, sind: "Ich habe ihn zu Hause vergessen", "Ich habe nicht gewusst, dass ich einen Fahrschein brauche" sowie "Ach so, das ist gar keine Wochenkarte?" beziehungsweise "Der Fahrschein ist nicht mehr gültig?". Die meisten Schwarzfahrer würden aber gleich dazustehen, ihre Strafe begleichen und die Sache sei erledigt. Trotzdem kommt es natürlich vor, dass manche Ertappten wegrennen und in einigen Fällen auch entkommen. Entgegen dem Gerücht, die Wiener Linien-Mitarbeiter dürften keine Schwarzfahrer festhalten, sind sie sehr wohl dazu befugt. "Wir wenden aber keine Gewalt an und die meisten bleiben ja sowieso stehen", weiß F.

#Eigenes Ermessen

Leid tun, würden ihr keine Ertappten ohne Ticket: "Dann könnte ich diese Arbeit ja nicht machen. Aber es gibt Erklärungen, bei denen ich weiß, dass sie stimmen. Das erfordert Fingerspitzengefühl. Nach über zehn Jahren hat man ein Gespür, ob dich jemand anlügt oder nicht." Einmal hat sie eine alte Dame kontrolliert, die keinen Fahrschein hatte. Als sie in der Tasche gekramt hat, hat F. den Partezettel gesehen. Der Gatte der alten Dame war gerade erst gestorben und sie war dabei seine Beerdigung zu organisieren. "Da habe ich ein Auge zugedrückt. Da war klar, dass die Dame mit den Gedanken woanders war", berichtet die Kontrollorin. Auch einen jungen Burschen hat sie einmal keine Strafe aufgedrückt, weil er eine glaubwürdige Begründung hatte. "Der hat mich dann sogar umarmt", zeigt sich Sylvia F. gerührt.

#Man muss darüber stehen

Es gibt Tage, an denen alle kontrollierten Fahrgäste ein Ticket vorweisen können. "Für mich sind die guten Dienste die, an denen ich niemanden beim Schwarzfahren erwische", erzählt F. Grundsätzlich sei pro Schicht die Zahl der Öffi-Nutzer ohne Fahrschein verschieden. Mal wären es zwei, mal fünf, mal sieben. Man braucht natürlich auch ein dickes Fell um diesen Job zu machen. "Sicher, werden wir häufig beschimpft. Einmal hat uns eine Dame angeschrien, wir wären unnötig und was nicht alles noch. Daraufhin habe ich gesagt, dass mich das jetzt getroffen hätte, immerhin hätten wir Kontrollore ja auch ein Herz und keinen Fetzen. Dann hat sie sich wieder umgedreht und sich entschuldigt", berichtet die Wiener Linien-Mitarbeiterin. Gerade in der Früh wären die meisten Leute grantig, da müsse man einfach darüber stehen. Oft funktioniere es, wenn man immer freundliche bleibe.

#Sie probieren es eben

Ab und zu würden es Fahrgäste auch mit dem Fremdsprachen-Trick probieren: "Eine Dame hat auf meine Aufforderung zur Fahrscheinkontrolle zu mir gesagt 'I don't understood you'. Da bin ich dann mit ihr ausgestiegen, habe ein bisschen weiter Englisch gesprochen und dann zu ihr gesagt, dass mein Englisch zwar auch nicht das Beste sei, aber ihres wäre ja eine Katastrophe." Sie habe dann auch anstandslos bezahlt. Manche würden es eben probieren. Am meisten stören Sylvia F. jedoch die Fahrgäste mit Kopfhörern. "Da muss man fünf Mal das Gleiche sagen und obwohl man direkt neben ihnen steht, kriegen sie es nicht mit. Das nervt", erklärt sie. Antippen würde sie nämlich keinen mehr, da eine Dame sie letztens so angeschrien hätte mit den Worten "Greifen Sie mich nicht an. Sie haben mich jetzt so erschreckt". Trotz allem verübt Sylvia F. ihre Arbeit als Schwarzkapplerin sehr gerne: "Man kommt ja auch sehr oft ins Gespräch mit den Fahrgästen. Nette Gespräche."

Jänner 2018

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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