Sa, 16. Dezember 2017

Katias Kolumne

29.11.2017 11:49

"Nicht genügend" für unser Bildungssystem

Trotz des Versuchs der größten Geheimhaltung rund um die Koalitionsverhandlungen ist dieser Tage ein Informationsfetzen aus dem Bereich Bildung durchgesickert, der in den sozialen Netzwerken heftig und kontrovers diskutiert wurde und letztendlich in einer Pressekonferenz am Dienstag bestätigt wurde. So planen die potenziellen türkis-blauen Koalitionspartner eine Rückkehr zu einheitlichen Ziffernoten von 1 bis 5, unterstützt durch zusätzliche verbale Feedbacks.

Seit dem Schuljahr 2016/17 gibt es in den ersten drei Jahren in Österreichs Volksschulen nur noch selten Ziffernoten. Stattdessen wird der aktuelle Lern- und Entwicklungsstand des Kindes in einer schriftlichen "Leistungsinformation" beschrieben und erklärt, wo es Verbesserungsbedarf gibt. Als Kontrast dazu gibt es dafür in den oberen Klassen der Neuen Mittelschule eine Ziffernskala mit gleich sieben Noten und zwei Bewertungsskalen, der "grundlegenden" und der "vertiefenden" Skala. Sinn dieser Regelung ist es, zu viele "Nicht genügend" zu verhindern.

Der Plan der Wiedereinführung einheitlicher Ziffernnoten von ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache stößt vor allem bei den Sozialdemokraten auf Kritik. So meint Noch-Bildungsministerin Sonja Hammerschmid: "Herr Kurz und Herr Strache haben den Wahlkampfmodus offenbar noch nicht ausgeschaltet. Außer Schlagwörtern und Plattitüden scheint in den Arbeitsgruppen noch nichts entstanden zu sein. Fakten und Sachkenntnis scheinen dabei keine Rolle gespielt zu haben."

Jeder vierte Jugendliche kann nicht sinnerfassend lesen
Dass es nach Jahren der Schulexperimente dringend einen durchdachten Gesamtplan braucht, zeigt sich an den jährlich schlechter werdenden PISA-Ergebnissen. In Österreich wird zwar laut OECD im Vergleich mit anderen Industrieländern deutlich mehr Geld pro Schüler investiert, dennoch ist jeder Vierte nach Ende der Schulpflicht noch immer nicht in der Lage, sinnerfassend zu lesen.

An finanziellen Mitteln mangelt es unserem Bildungssystem also nicht. Vielmehr fehlen ein effizienter Umgang mit dem eingesetzten Geld, ein konkreter Fahrplan, ein schlüssiges System und die notwendige Kontinuität in der Umsetzung. Viel zu lange waren Schülerinnen und Schüler in Österreich Laborratten für Schulversuche unserer heimischen Politik, bei der sich jede Regierung einmal selbstverwirklichen durfte. Zu lange ging es nicht um die beste Bildung für unsere Kinder, sondern um ein politisches Gezerre zwischen den Ideologien.

Nicht genügend, fünf!
Nun kann man dieses Auseinanderklaffen von finanziellem Input und statistischem Output unseres heimischen Schulsystems blumig in einer umfänglichen "Leistungsinformation" umschreiben, für das derzeitige Bildungssystem verantwortliche Minister und Experten können einen magischen Sesselkreis bilden und Verbesserungsmöglichkeiten tanzen lassen, sodass keine Gefühle verletzt werden oder gar Leistungsdruck entsteht, oder man kann es aussprechen, wie es ist: Nicht genügend, fünf!

Will die kommende Regierung bessere Noten schreiben als die vorangegangenen, wird sie um die wichtigste zukunftsbezogene Aufgabe eines Staates nicht herumkommen und längst überfällige Schritte im Bildungsbereich setzen müssen. Das geplante verpflichtende zweite Kindergartenjahr für Kinder mit Sprachdefiziten und der angekündigte flächendeckende Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen und Ganztagsschulen wären ebensolche.

Katia Wagner

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