Charles Manson

Sekte: Ab wann wird eine Gruppe gefährlich?

Charles Manson ist tot. Der Mörder, Sektenführer und Rassist verstarb nach über vier Jahrzehnten am 19. November 2017 in einem US-Gefängnis. Der kleine Mann ist einer der berühmtesten Verbrecher Amerikas. Ein Theaterstück im Werk-X in Wien befasst sich gerade mit seinem "Lebenswerk". Warum finden Sekten auch in unserer aufgeklärten Zeit regen Zulauf und warum werden ihre offensichtlich bösen Anführer so verehrt? City4U hat die Lage in Wien betrachtet.

Scientology, Zeugen Jehovas, Vampirismus, Hare Krishna und Die Familie - Sekten gibt es viele. Wenige sind groß, die meisten eher klein. Manche bestehen seit Jahrzehnten, andere werden neu gegründet und verschwinden auch sogleich. Die einen schaden ihren Mitgliedern, die anderen verhelfen ihnen aber durchaus zu einem besseren Leben. Charles Manson, Anführer der Manson Family, die neun Menschen ermordete, wurde zu einem Popstar. "Er wurde als das personifizierte Böse bezeichnet. Das übt immer eine gewisse Faszination auf die Leute aus", beschreibt Ursula Leitner vom Verein "achtungsetzdich!", der das Manson-Theaterstück aufführt, im Gespräch mit City4U. Aber wie gerät man in die Fänge einer Sekte?

#Viele Splittergruppen

Gab es vor knapp vierzig Jahren nur einige wenige Gruppen zu beobachten, so ist das Feld heute wesentlich mehr zersplittert. Durch das Internet gelangen kleine und kleinste Gemeinschaften an neue Mitglieder. In den 1980er-Jahren war es noch so, dass es einige große Sekten gab, die man als "böse" aufgelistet hat, doch die Zeiten haben sich geändert. "Sekte ist kein juristischer Begriff. Heute macht man das nicht mehr, dass man sagt: 'Das sind die Guten, das die Bösen.' Man schaut sich an, wie die Interaktion zwischen einer Person und der Gruppe ist und ab wann es gefährlich wird", erklärt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen im Gespräch mit City4U.

#Die Kennzeichen

Die Bundesstelle für Sektenfragen wurde 1998 gegründet und veröffentlichte in ihren ersten Jahresberichten noch Listen mit Gruppierungen, nach denen von besorgten Angehörigen häufig gefragt wurde. Heute sieht man davon jedoch ab. "Wir schauen auf vier bis fünf Kennzeichen. Diese kann man aber auf alle möglichen Institutionen anwenden", sagt Schiesser. Dazu gehören: Der Chef der Gruppe hat die absolute Wahrheit und ist unantastbar. Es besteht eine Abgrenzung zwischen innen und außen. Es herrscht Schwarz-Weiß-Denken, alles wird unterteilt in Gut und Böse. Kritik wird weder von innen, noch von außen akzeptiert.

#Wann ist es eine Sekte?

"Auch wenn diese vier Kennzeichen vorkommen, heißt es noch nicht automatisch, dass es eine Sekte ist. Es kommt auf die Ausprägung an. Je höher sie pro Punkt ist, desto eher wird es bedenklich", betont die Psychologin. Viele Anführer würden mit guten Ideen beginnen, geprägt von einer großen Portion Idealismus. "Oft machen die Mitglieder auch den Guru. Sie wollen, dass der Anführer auf einem Stockerl steht." Von Anfangs harmlosen Gesprächen über das Leben und den Tod, kann ein Mensch schnell in Abhängigkeit zu einem anderen rutschen.

#Jeder Mensch ist gefährdet

"Es gibt keine Sekten-Persönlichkeit. Jeder Mensch ist irgendwann in seinem Leben ansprechbar für ein Versprechen. Wenn die Ideologie zusammenpasst, findet man die Lösung für sein Problem und Halt im Leben. Das ist der Einstieg. Je extremer die Person selbst ist, desto gefährlicher kann es werden. Die harmloseste Philosophie kann das Leben lähmen, wenn man sie zu extrem auslebt", warnt Schiesser.

#Alles unterliegt Trends

Auch die Philosophien der Sekten unterliegen Trends. Lag vor zehn Jahren noch die asiatische Strömung mit Yoga im Trend, so heißt es heute: "Back to the roots". Die Menschen sehnen sich wieder mehr nach einem zurückgezogenen Leben am Land, wo sie selber Gemüse anbauen und in ihrer Gruppe friedlich in Abgeschiedenheit leben. Dass das nicht immer so romantisch wie in den Vorstellungen abläuft, zeigen die Vorwürfe, mit denen sich die österreichische Glaubensgemeinschaft "Werktätige Christen" gerade konfrontiert sieht. Von Isolation der Kinder bis zu Dämonenaustreibung reichen die Anschuldigungen.

#Auf Sinn-Suche

Die Grußelgeschichten von früher, laut denen die meisten Menschen gegen ihren Willen in einer Sekte festgehalten werden würden, würden aber heute nicht mehr zutreffen. "Die Leute suchen dieser Tage wieder vermehrt nach einem anderen Sinn, etwas Höherem. Es leben wahrscheinlich viele Menschen in einer sektenartigen Struktur, ohne dass sie es wissen. Wie denn auch? Sie fühlen sich ja wohl dort. Die Angehörigen sind es, die bemerken, dass etwas nicht stimmt", weiß Schiesser. Es gibt viele Menschen, die verzweifelt auf der Suche nach jemandem sind, der ihnen etwas von der Verantwortung für das Leben abnimmt.

#Keine exakte Wissenschaft

Aus diesen Gründen hat man auch keine Zahlen von Sektenmitgliedern in Wien und Österreich. Schließlich sind die großen Organisationen als Vereine eingetragen, die keine Mitgliederzahlen haben oder veröffentlichen müssen. Weiters gibt es unzählige Kleinstgruppen, von denen niemand etwas weiß. Das Einzige was sicher ist, ist, dass immer mehr auf der Suche nach etwas Höherem sind. Und das birgt die Gefahr.

#Faszination Charles Manson

Wie gefährlich der Wunsch nach Veränderung und etwas Höherem in Verbindung mit einer Gruppendynamik sein kann, zeigt das Beispiel der Manson Family. Junge Mädchen im Teenageralter aus guten Familien verfallen Ende der 1960er-Jahre einem 30-Jährigen Kleinkriminellen, der bereits damals mehr Zeit im Gefängnis verbracht hat, als in der freien Welt. In der Folge begehen sie in seinem Auftrag neun bestialische Morde. Darunter den, der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate.

#Jeder kann manipuliert werden

Warum schenkt man einem Kriminellen, der zum Popstar stilisiert wurde, wieder Raum in einem Theaterstück? "Wir wollten in erster Linie ein Stück über Manipulation machen. Bei der Recherche sind wir dadurch recht schnell auf unterschiedliche Sekten wie Scientology, Buddhafield oder Jonestown gestoßen. Doch kaum ein Sektenführer hat seine Anhänger so instrumentalisiert wie Manson", antwortet Valentin Werner von "achtungsetzdich!".

#Auch gute Menschen können Böses tun

"Manipulation begegnen wir täglich, in der Werbung und Politik. Wir glauben, dass wir im letzten Schritt alle Opfer von manipulativen Menschen werden könnten und hoffen, durch das drastische Beispiel der Manson Family eine größere Aufmerksamkeit auf diese Gefahr lenken zu können", ergänzt Werner. "Auch gute Menschen kann man zu ganz bösen Taten bringen", bekräftigt Schiesser. Wenn verschiedene Faktoren zusammenspielen, kann jeder seine eigene Moral vergessen, wie es das Milgram-Experiment erstmals 1961 wissenschaftlich bewiesen hat.

November 2017

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Viktoria Graf
Viktoria Graf
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