Mi, 13. Dezember 2017

Nordspanien

12.11.2017 09:00

Rioja: Land der Rebstöcke

Die Rioja im Norden Spaniens ist wohl jedem Weinkenner ein Begriff. Hier dreht sich alles um Tempranillo, Garnacha, Graciano und Co.

Klima und Wetter, die Bodenbeschaffenheit, die Natur rund herum - das alles spiegelt sich in einem guten Wein wider, der allein oder zu Mahlzeiten getrunken ein wahrer Hochgenuss ist. Österreich darf sich in diesem Punkt ein gesegnetes Land nennen, doch lohnt es sich allemal, über den Tellerrand zu blicken. Und weit im Südwesten dieses fiktiven Tellerrandes befindet sich im Norden Spaniens eine kleine Region, die große Weingeschichte schreibt: die Rioja. Sie umfasst gerade einmal sechs Prozent der österreichischen Fläche. 63.500 Hektar stehen unter Reben, was einen Durchschnittsertrag von 278 Millionen Litern Wein pro Jahr erbringt - 85 Prozent rot, der Rest rosé und weiß. Die wichtigsten Traubensorten sind Tempranillo, Garnacha, Mazuelo, Graciano (rot) sowie Viura, Garnacha Blanca und Malvaria (weiß). Neuerdings werden auch, wenngleich sehr selten, fruchtige Cuvées mit Sauvignon Blanc gekeltert.

Soweit die Statistik. Aber wie kommen Weinliebhaber in die Rioja? Relativ einfach. Brussel Air beispielsweise bietet Flüge von Wien über Brüssel nach Bilbao an. Bilbao gehört noch zum Baskenland, knapp 140 Kilometer südöstlich jedoch ist man mitten in La Rioja. Rund um die Kathedrale hat sich die Hauptstadt Logroño entwickelt, in der die Regulierungsbehörde Consejo Regulador de la Denominación Calificada Rioja die Arbeit der Weinbaubetriebe, Bodegas genannt, streng überwacht.

Wer in der Hauptstadt nach einem 5-Sterne-Hotel sucht, findet keines. Die 4- und 3-Sterne-Häuser tun es aber auch. Sie sind, sagen wir einmal so, funktioniell, preislich in Ordnung und bieten ein passables Frühstück. Am Abend sollte sich ein jeder Zeit lassen, seine Herberge zu verlassen, denn erst ab 21 Uhr kommt Leben in das allerdings relativ kurze (bis Mitternacht) Nachtleben der Rioja-Metropole. Ein absolutes Muss ist ein Spaziergang durch die Calle Laurel, die aus vielen Tapas-Lokalen besteht. Zu köstlichen Häppchen wie Garnelen mit grobem Meersalz, Käsebällchen oder besonders zarten Schweinebacken wird der flüssige Nationalstolz präsentiert. Der offene Wein im Glas schmeckt, doch niemand weiß, von welcher Bodega er nun welche Qualitätsstufe konsumiert.

Um das herauszufinden, braucht es einen Erzieher. Ein solcher Educador en Vinos ist José Ramón Jiménez Berger. Wie der Familienname verrät, hat er deutsche Wurzeln, spricht aber lieber Englisch, weil’s einfacher ist. Bei einer Verkostung erklärt er, was besonders wichtig ist, wenn man eine ganze Flasche Rioja bestellt, nämlich ihre Rückseite anzuschauen. Dort befinden sich kleine Quadrate in verschiedenen Farben: Grün steht für einen jungen Wein (Vino joven), der im Fass war oder auch nicht. Rot bedeutet Crianza - der Wein ist zwei Jahre gereift, davon ein Jahr im Eichenfass. Dunkelrot steht für Reserva, einen drei Jahre gereifen Wein, der ein Jahr im Eichenfass lag.

Das Nonplusultra spiegelt sich in der blauen Farbe wider. Gran Reserva heißt, dass der Wein zwei Jahre im Holzfass und drei Jahre in der Flasche war, ehe er in den Handel gelangte. Für solche edlen Tropfen - ich denke da nur an den Cirsion der (erst 1991 gegründeten) Bodega Roda - blättern Kenner und Sammler gerne 200 Euro hin. Keine Sorge: Auch weit darunter gibt es tolle Qualitäten, die preislich ab etwa zwölf Euro beginnen. Ähnlich teuer sind die Weißen. "Sie sind leider noch zu wenig bekannt", sagt Educador José Berger, "aber in der Rioja machen wir eben nicht nur gute Rotweine."

Zum guten Wein gehört auch ein gutes Essen, und dafür bietet die Rioja viele köstliche Gerichte, zumeist eine auf internationalen Standard verfeinerte Hausmannskost. Gourmets fahren in die kleine Ortschaft Daroca ins Restaurant Moncalvillo, das mit einem Michelinstern ausgezeichnet wurde. Ignacio Echapresto ist der Zauberer in der Küche, sein Bruder Carlos - er wurde zum besten Sommelier Spaniens gewählt - sucht zu jedem Gericht den passenden Wein aus. Ein kleiner Auszug aus dem Degustationsmenü: Sardine mit Essig und weißer Knoblauchcreme, gegrillte Jakobsmuscheln mit Gemüse, Hecht über Weinreben geräuchert und Süßigkeiten, die kleinen Steinen ähneln. "So ist unser Land", meint der Meisterkoch kryptisch. Sehr zu empfehlen ist auch die La Posada del Laurel in Préjano mit ihrem unbeschreiblich köstlichen Gemüse sowie die Cocina de Ramon in Logroño, die die kulinarische Eigenart der Rioja mit entsprechender Weinbegleitung stimmig auf die Gaumennerven bringt.

Wer gut und viel isst, und dazu verführt diese Region, soll zumindest einige Kalorien verlieren. Dafür gibt es zahlreiche Wanderstrecken oder, wie zum Beispiel in Navarrete die Möglichkeit, auf dem Rücken garantiert zahmer Pferde durch die Weingärten zu reiten. Ein besonderes Vergnügen - für mich als Anfänger war es anfangs ein mulmiges Gefühl - ist eine Ballonfahrt über die Rioja, auch wenn man dabei nicht schlanker wird.

Der Start erfolgt in der Nähe von Haro, als Pilot stellt sich ein gewisser Valentin vor. Mehr sagt er nicht, nur dass die Firma, für die er arbeitet, jährlich an die 2000 Gäste durch die Luft befördert und er als Profi einen wesentlichen Anteil am Wachsen des Unternehmens habe. Wie auch immer: Der zweigeteilte Korb, in dem sechs Leute stehen, ist eng, und plötzlich wird draußen auf dem Platz meine Kollegin, die wegen ihrer Höhenangst nicht mitfahren wollte, immer kleiner. Es gibt nun kein Zurück mehr.

Feuer schießt in die Ballonhülle, wir steigen, und jeder weiß: Der Pilot kann nur die Höhe steuern, nicht aber die Richtung. Das macht der Wind, den Valentin zuvor hoffentlich studiert hat. In 600 Meter Höhe bietet er Sekt an, zuvor hatte er noch erklärt, was bei der Landung zu tun ist: In den Korb hineinkauern, sich an den gelben Schlaufen anhalten, weil der Korb unter Umständen umkippen könnte. Sekt in 600 Meter Höhe? "Nein, danke, mir ist etwas flau im Magen." Dabei verläuft die Landung perfekt und die Fahrt war einfach wunderbar. Übrigens: Pro Person kostet sie 160 Euro, findet nur am Morgen statt. Beinhaltet ein riojanisches Frühstück - Chorizo-Wurst mit Paprikasauce und Ei, knackiges Weißbrot, Schinken, Salami und - wer es zeitig schon verträgt - ein Glas fruchtig-jungen Tempranillos.

Zum Schluss noch ein Kulturtipp: In San Millán de la Cogolla stehen zwei bemerkenswerte Klöster, wobei das Kloster von Suso als Wiege der spanischen Sprache gilt. Im Kloster Yuso wiederum werden die Reliquien des heiligen Millán (473-574) aufbewahrt.

Manfred Niederl, Kronen Zeitung

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