Sa, 18. November 2017

„Krone“-Interview

16.11.2017 14:20

The Amazons: Zukunftshoffnung des Rock‘n‘Roll

Der Rock'n'Roll lebt eben doch - das zeigen uns unter anderem die Amazons, die mit ihrer modernen Auffassung traditioneller Rockmusik und viel Variantenreichtum ein immer mehr ins Abseits gedrängtes Genre wieder cool machen. Wir sprachen mit der Band über ihre kometenhaft gestartete Karriere.

Wer in der renommierten "BBC's Sound Of…"-Liste landet, dem ist eine große Karriere quasi vorherbestimmt. Zu den Siegern des 2003 zur Förderung junger Talente eingeführten Rankings zählten unter anderem 50 Cent, Adele, Ellie Goulding, Jessie J oder Michael Kiwanuka. In der erweiterten Nominiertenliste der 2017er-Version landeten auch die britischen Rock-Rabauken The Amazons, die sich hierzulande schon im Wiener Chelsea und diesen Sommer beim "Out Of The Woods"-Festival in Wiesen vorgestellt haben. Weitere etablierte Medien wie "NME" oder "The Independent" haben das Quartett auf ihre Shortlists der vielversprechendsten Künstler erhoben. Die talentierten Freunde rund um den feuerroten Frontmann Matt Thomson schicken sich an, die Rockwelt stürmisch zu erobern.

Underground-Hype
"Dass es jetzt wirklich rasant geht, das fühlt sich für uns eigentlich gar nicht so an", erklärt Elliot Briggs im "Krone"-Interview, "wir spielen schon mehr als zehn Jahre zusammen, nur eben nicht durchgehend unter dem Namen The Amazons. Wir hatten Konzerte in den allergrößten Kellerlöchern und vor einem Publikum, das nur aus dem Promoter bestand, aber wir haben jeden Tag unserer Karriere voller Inbrunst gelebt und alle Höhen und Tiefen kennengelernt, bevor überhaupt jemand auf uns aufmerksam wurde. Ich würde sagen, wir ernten jetzt den verdienten Lohn für die harte Arbeit." Als die Band vor zwei Jahren das Demo "Something In The Water" auf Soundcloud lud, löste sie einen Underground-Hype aus - nur wenig später befand sie sich auf Tour mit den Kooks.

Thomson sortierte damals noch die Regale im örtlichen Supermarkt, heute gibt er Interviews und wird von seinen jungen Fans mit Selfie- und Autogrammwünschen belagert. Nicht schlecht für eine Band aus dem nasskalt-britischen Reading. Einen Ort, den man noch am ehesten durch den legendären Festival-Auftritt der Grunge-Legenden Nirvana aus dem Jahr 1992 kennt. Nirvana gehören zu den größten Idolen der Amazons obwohl zu besagtem Zeitpunkt das Leben einiger Bandmitglieder noch nicht einmal ein freudiges Funkeln in den Augen ihrer Eltern war. "Das Festival ist ausschlaggebend dafür, dass die Stadt jeden August für drei Tage zu einem Mittelpunkt der modernen Popkultur wird. Aber nun ist unsere Zeit gekommen. Wir wollen nicht mehr nur Fans sein, sondern selbst aktiv hinter die Kulissen blicken und auf dieser Festivalbühne rocken", beschreibt Thomson die Aufbruchsstimmung im Bandcamp.

Der Stärkere gewinnt
Die musikalische Erziehung in Reading zu genießen hat aber auch seine Vorteile. Denn in der großen Hauptstadt London steigen sich die Supertalente gegenseitig auf die Füße, außerhalb des musikalischen Epizentrums lässt es sich ruhiger in die Rolle einer echten Rockband wachsen. Erst zwei Jahre sind die Amazons in der Weltgeschichte unterwegs, das dafür aber mit allerhöchster Motivation und ohne auch nur einmal durch zu schnaufen. "Wenn du es gewohnt wirst, täglich eine Vier- bis Acht-Stunden-Fahrt gemeinsam im kleinsten Bus durchzuhalten, dann kannst du alles schaffen", lacht der Frontmann, "man darf heute nicht mehr schwächeln. Das Musikbusiness hat sich so gedreht, dass es um das Überleben des Stärkeren geht. Wer hat den längsten Atem? Wer kann am meisten Einsatz in die Waagschale werfen? Wir sind jedenfalls bereit dafür!"

Das diesen Mai erschienene Debütalbum "The Amazons" zeigt die Band in all ihren mannigfaltigen Facetten. Wilde Rock-Songs, Funk-Ausritte und selbst poppige Momente paaren sich zu einem einzigartigen Soundgebräu, wie man es nur von jungen und unverbrauchten Wilden erwarten darf. Härtere Songs wie "Black Magic" sind dabei sehr neu, während es auch ältere Stücke wie "Stay With Me" draufgeschafft haben, die noch aus den späten Teenagerjahren der Bandmitglieder stammen. Zwischen Proberäumen und Schlafzimmern haben die Briten die Songs innerhalb von vier Jahren zusammengestellt und reflektieren somit die juvenile Sturm-und-Drang-Phase des Kollektivs.

Vielseitigkeit als Trumpf
Dabei geben die Amazons in Zeiten wie diesen noch eine weitere wichtige Botschaft mit auf den Weg - nämlich die, dass der Rock'n'Roll durchaus noch die jüngere Generation bewegen kann. "Er muss leben und atmen, das ist das Allerwichtigste. Bei unseren Songs geht es auch weniger um Geschwindigkeit und Aggressivität, sondern vielmehr darum, vielseitig zu sein. Das wollen wir in Zukunft noch stärker forcieren, denn auch unsere persönlichen Lieblingsalben gehen durch unterschiedliche Täler der Emotionen und Gefühle und lichten nicht nur eine Perspektive ab." Für die Zukunft gilt es vor allem, Routinen zu verhindern und sich immer wieder neu zu erfinden, ohne aber den selbst abgesteckten Bereich zu schnell zu verlassen. Briggs ist sich sicher: "Es soll jetzt nicht angeberisch klingen, aber wenn uns die Musik kickt, dann tut sie das normalerweise auch bei anderen."

In dieser frühen Phase ihrer Karriere befinden sich die Amazons auf einem Trip im puren Idealismus. Es ist ihnen dringend zu wünschen, dass das Unverbrauchte und die kompositorische Kompromisslosigkeit auch bei steigendem Erfolg und vermehrten Einflüsterern nicht verlustig gehen. "Die Fans im Rock- und Alternative-Segment wollen Ehrlichkeit und Integrität. Keiner will schnellen Pop hören, der bei McDonald's auf- und abläuft, während du auf deinen Big Mac wartest. Auch wenn wir größer werden und vielleicht bessere Verträge unterschreiben sollten, müssen wir stets ein Auge dafür haben, die Glaubwürdigkeit der Band zu bewahren. Man rockt ja in erster Linie wegen des Spaßes und nicht wegen des Geldes."

Chance in der Diversität
Obwohl die großen Majorlabel gehörig zu kämpfen haben und sich durch das Internet Abermillionen von Bands geformt haben, sieht Thomson in der modernen Musikwelt nicht alles schwarz. "Heute musst du nicht aus London, Liverpool oder Manchester sein, um von den Leuten und den Medien wahrgenommen zu werden. Es geht darum, kreativ, gut und fleißig zu sein - unabhängig der geografischen Lage. Selbst Topstars wie Kendrick Lamar, Adele oder Ed Sheeran erreichen nicht mehr die große Masse oder eine ganze Generation, wie es die Beatles schafften. Vor 50 Jahren gab es fünf Fernsehprogramme, einen Radiosender und den ,Enemy‘, den jeder als einziges Musikprintmagazin las - heut sind wir als Kultur abgespalten und divers. Für die Konsumenten ist es ein goldenes Zeitalter, weil ihnen alles verfügbar gemacht wird. Unsere Aufgabe ist es, so gut zu sein, dass wir wahrgenommen werden."

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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