Mi, 22. November 2017

Ausverkauft in Wien

04.11.2017 00:40

Chris Rea: Blueslastiger Abschied ohne Ende

Nach überstandenem Bauchspeicheldrüsenkrebs und einem Schlaganfall kehrte die 66-jährige Gitarrenlegende Chris Rea diesen Herbst wieder auf die Bühne zurück. Freitagabend begeisterte er eine ausverkaufte Wiener Stadthalle F mit einer Mischung aus nostalgischen Klassikern, neuen Blues-Songs und Liebeserklärungen an seine Familie. Ein Abend, ganz im Zeichen der handgemachten Musik.

Drehen wir das Rad der Zeit zurück. Es ist mittlerweile elf Jahre her, als der britische Kultgitarrist und Millionenseller Chris Rea nach leidvoll überstandenem Bauchspeicheldrüsenkrebs seine Abschiedstour ankündigte. Das ständige Reisen, die Unruhe im Alltag und der nomadenhafte Lebensstil wären für den Vollblutmusiker aus der Industriestadt Middlesbrough nicht mehr zu tragen. Das Leben war Rea in seinem Job stets wohlgesonnen, privat musste sich der stille Musiker aber des Öfteren mit Schicksalsschlägen und Krisen herumschlagen. Doch die Geschichte lehrt - kreative Menschen kennen weder Ablaufdatum noch Pension und so war es inoffiziell klar, dass Rea das Ende der Tour immer weiter rausschob. Dann, eben 2016, ein Schlaganfall. Die Motorik in den Fingern, seinem Arbeitswerkzeug, ist nicht kontrollierbar, das Sprechen fällt schwer. Rea gibt das Rauchen auf, erholt sich irrsinnig schnell und kündigt mit "Road Songs For Lovers" nicht nur sein 24. Studioalbum, sondern auch eine üppige Europatour an.

Wider die Untätigkeit
Innerhalb nur eines Jahres hat sich der mittlerweile 66-jährige Zampano so dermaßen schnell in die Spur zurückgelenkt, dass er mit seinen rockig-flotten Konzerten bei alteingesessenen Fans für ungläubiges Staunen sorgt. Seine Frau Joan Lesley, Lebensbegleiterin seit unfassbaren 50 Jahren, war es, die ihm den entscheidenden Stoß Richtung Bühne gab. Wahrscheinlich, weil es mit einem zur Untätigkeit gezwungenen Musiker daheim die Hölle ist. Oder aber auch, weil sie als Liebe seines Lebens genau weiß, welche Therapie am besten anschlägt. Den mehr als 2.000 Fans in der ausverkauften Wiener Stadthalle F werden die genauen Beweggründe egal sein, denn wichtig war einzig und allein, dass Rea fünf Jahre nach seinem letzten Gastspiel eine unerwartet fulminante Show aufs Parkett legte.

Bei einer Auswahl aus mehr als vier Dekaden und rund 30 Millionen verkaufter Alben mussten große Hits wie "I Can Hear Your Heartbeat", "Nothing To Fear" oder das totgespielte "Driving Home For Christmas" außen vor bleiben. Doch wer aus einem derart bunten Potpourri schöpfen kann, hat wenig Sorgen ob der Liederwahl.  Mit dem Opener "The Last Open Road" lädt Rea mit seiner großen Liebe Blues in ein überraschendes hartes und rockiges Set. Von Straßen und Wegen fabuliert Rea nur allzu gerne, insgesamt fünf Songs mit dem Terminus "Road" im Titel haben sich in das Set geschlichen - die Freiheitshymne "Easy Rider" nicht mitgerechnet. Schön öfters erklärte er in Interviews, dass ihn nach seinen lebensbedrohlichen Krankheitsfällen vor allem zwei Sachen gewahr wurden: Einerseits den Wert der Zeit mit seiner Familie zu schätzen, andererseits völlig kompromisslos nur mehr die Musik zu machen, die er wirklich liebt. Und der Blues ist wie gemacht für den kernigen Briten mit der rauchig-rauen Schmirgelpapierstimme.

Familie über alles
Geschickt weiß Rea die Geschichten seines Lebens zu erzählen, während er gekonnt über die Saiten rutscht und von seiner fünfköpfigen, allerdings nicht immer sattelfesten Backing-Band unterstützt wird. Bei "Happy On The Road" darf das Akkordeon in den Vordergrund, "Stainsby Girls", die balladeske Liebeserklärung an sein Dreimäderlhaus, wird von der Elegie des Pianos getragen. Natürlich dürfen die Songs für seine zwei Töchter nicht fehlen. "Josephine", bereits im Geburtsjahr 1983 verfasst, ist längst zu einem seiner allergrößten Hits gereift und will nicht so ganz in das ruppige Abendprogramm passen, "Julia" wird angenehm unaufgeregt in die Länge gezogen und zieht gen Ende hin ordentlich an der Temposchraube. Rea tänzelt dazu irgendwo zwischen Michael Jacksons Moon- und Angus Youngs Duckwalk, scherzt meist nonverbal mit viel Gestik und versprüht trotz seines Landstreicher-Äußeren ein wohliges Gefühl des Gemeinschaftlichen.

Sich selbst stellt Rea trotz der charismatischen Dominanz angenehm in den Hintergrund. Selbst das Gitarrensolo fällt kurz aus und zwischendurch lässt er seiner Band den Vortritt. Umrahmt wurde das nostalgische Stelldichein von einer überraschend opulenten Bühnenkonstruktion, die einer Achterbahn glich und von zehn Akustikgitarrenelementen flankiert wurde. Den optischen Firlefanz hätte Rea für seine mehr als eineinhalbstündige Performance aber gar nicht gebraucht, denn so souverän wie bei wenig anderen Musikern seiner Couleur reichen die hitverdächtigen Kompositionen alleine vollends aus. Angesichts seines gesundheitlichen Auf und Abs lässt sich keine Prognose für die Zukunft stellen, aber wenn sich der Brite auch weiterhin die Finger für seine Fans blutig spielt und halbwegs fit bleibt, wird sich die Abschiedstour auf unbestimmt verlängern.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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