Do, 23. November 2017

„Krone“-Interview

02.11.2017 11:07

„Trauer ist keine Krankheit“

Gerd Neubauer begleitet Menschen, die Angehörige verloren haben. Er steht Sterbenden in ihren schlimmsten Stunden bei. "Der Tod ist in Wahrheit nichts Schlimmes", sagt er, "weil er zum Leben gehört".

"Krone": Sie sind in Ihrem Beruf mit extrem großem Leid konfrontiert.
Gerd Neubauer: Meine Klienten befinden sich in Ausnahmesituationen, die sie an die Grenzen des für sie Ertragbaren bringen. Der Tod eines geliebten Nahestehenden ist eben schwer zu verkraften, besonders in der heutigen, so schnelllebigen Zeit. In der die Gesellschaft den Trauernden kaum Zeit gibt, sich ihrem Schmerz hinzugeben. Was aber für die Verarbeitung eines Dramas sehr wichtig wäre.

Was sind die Hauptprobleme der Betroffenen?
Sie glauben sich im Stich gelassen, sie haben Ohnmachts- und Schuldgefühle. Weil sie meinen, Wichtiges versäumt - dem Verstorbenen zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht oder Anzeichen für seinen nahenden Tod nicht erkannt - zu haben. Ich versuche, ihnen zu erklären, dass sie diese Gefühle annehmen, sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Und nicht vergessen dürfen, dass der Tod zum Leben gehört.

Wissen wir das nicht ohnehin alle?
Wir tun so, als würden wir das wissen. Doch in Wahrheit verdrängen wir bewusst Gedanken an den Tod. Was zur Folge hat, dass wir ihn schwer akzeptieren.

Aber wäre es "gesund", sich ständig mit dem Sterben auseinanderzusetzen?
Mehr daran zu denken, dass wir ein Ende haben, täte uns gut. Weil wir dann in der Gegenwart angenehme Dinge mehr genießen und nicht ständig auf später verschieben würden.

Was vermitteln Sie Ihren Klienten sonst noch?
Dass Trauer nichts Unnatürliches ist.

Und dass sie vergeht?
Das zu versprechen wäre Unsinn, eine glatte Lüge. Trauer um einen geliebten Menschen vergeht nämlich nie ganz. Wir können nur lernen, mit ihr umzugehen.

Wie?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bloß eine Sache ist immer gleich: Nach dem Tod eines nahen Angehörigen verlassen wir unsere gewohnte Welt.

Und wir sind dann wo?
Auf einer Brücke, die eine Zwischenstation bedeutet - bis wir es geschafft haben, darüber in eine andere Welt zu gehen. In welcher der Verstorbene in einer neuen Weise in unser Leben integriert ist. Er einen festen Platz in unserem Herzen hat und wir uns nicht bloß im Schmerz an ihn erinnern.

Dieser Weg ist vermutlich ein langer?
Und es ist leider nicht einfach, Menschen zu finden, die uns dabei begleiten. Ich kenne aus meiner Praxis Paare, die nach dem Tod ihres Kindes die Beziehung beendeten. Weil sie mit dem Schockerlebnis unterschiedlich umgingen. Überhaupt, Trauernde werden in der Regel schnell sehr einsam, verlieren nicht selten alle ihre Freunde. Aber sie finden auch neue.

Wo nach Verstehenden suchen?
Ich rate Betroffenen, sich Trauergruppen anzuschließen - denn da treffen sie Menschen, die ähnliche Schicksale wie sie selbst haben, die daher ihr Leid nachvollziehen können und Trauer nicht als Krankheit sehen. Tatsache ist ja: Schicksalsschläge verursachen in uns Veränderungen - wir sind in der Folge nicht mehr die, die wir einmal waren. Werden sanfter, oder ungnädiger. Manchmal auch sehr wütend. Weil das Geschehene als Ungerechtigkeit empfunden wird.

Sie begleiten auch Sterbende. Was sagen sie ihnen?
Ich höre ihnen zu, manchmal gelingt es mir, ihnen Ängste zu nehmen. Ich helfe ihnen bei der Erledigung gewisser Dinge, die für sie plötzlich große Bedeutung haben.

Was sind das für Dinge?
Eine späte Aussprache herbeizuführen, mit einer bestimmten Person - oder bloß dafür zu sorgen, dass ihre Rosenstöcke weiterhin gegossen werden.

Wie werden Sie damit fertig, dauernd mit Tragödien konfrontiert zu sein?
Ich freue mich über vieles. Über einen Sonnenuntergang. Über ein hübsches Bild. Über ein blühendes Blumenbeet. Ich lebe einfach jeden Tag so, als wäre er mein letzter.

Wie kamen Sie zu dieser Einstellung?
Ich war vor einigen Jahren schwer krank, dem Tod sehr nahe - dieses Erlebnis hat mich sehr geprägt.

Hat es dazu geführt, dass Sie Trauerbegleiter wurden?
Letztendlich ja. Aber auch die Art, wie ich aufgewachsen bin, war dafür ausschlaggebend. In einer Großfamilie, mit vielen alten Tanten. Ich war bei ihnen, wenn sie die Augen für immer zumachten. Ich habe also viele schmerzliche Verluste erlitten. Und dadurch lernte ich schon früh, dass der Tod zum Leben gehört.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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