So, 19. November 2017

Gewalt an Kindern

06.11.2017 06:00

Wir dürfen nicht wegschauen!

Hierzulande muss man von beinahe zwei missbrauchten Sprösslingen pro Tag ausgehen. Bei Verdacht auf Missbrauch ist es deshalb wichtig, sich an spezielle Zentren zu wenden.

Die Zahlen sind erschreckend: 12 Prozent der Kleinen (5-8 Prozent der Burschen, 16-20 Prozent der Mädchen) müssen einen körperlichen Übergriff erleben. "Man kann also davon ausgehen, dass in einer Schulklasse statistisch gesehen mindestens ein Kind Opfer sexueller Gewalt wurde", betont Univ. Doz. Dr. Katharina Schuchter, Gynäkologin und Präsident von PIKÖ (Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie) im Rahmen einer Fachtagung zum Thema. "Zur Anzeige kommen in Österreich 600 Delikte an Unmündigen pro Jahr." Was die Dunkelziffer der widerwärtigen Ereignisse angeht, herrscht weitgehend Ungewissheit...

Wer befürchtet, dass einem Kind Leid angetan wird, darf nicht wegschauen! Viele fragen sich aber: Wohin kann ich mich bei Verdacht wenden, um gezielt zu helfen und nichts zu verschlimmern? "Dem ersten Impuls, die Angelegenheit sofort zu klären, sollte man besser nicht nachgeben", rät Mag. Irene Kautsch vom Kinderschutzzentrum "die möwe" St. Pölten. "Ein ,Schnellschuss’ ohne Informationen kann leicht schiefgehen. Besser ist es, sich an Kinderschutz- oder Beratungszentren (siehe auch Kasten unten) zu wenden und geplante Schritte dann in Ruhe zu setzen."

Erschwerend kommt hinzu, dass man ein missbrauchtes Kind nicht so einfach erkennen kann. "Es gibt kein ,Missbrauchssyndrom’, keine eindeutigen Verhaltensänderungen, die auf ein Verbrechen hindeuten", ergänzt Univ. Prof. Dr. Sabine Völkl-Kernstock von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien. "Möglich sind Zeichen von Stressreaktionen wie z. B. Schlafstörungen. In manchen Fällen beschäftigen sich betroffene Kinder plötzlich auffällig oft mit ihren Geschlechtsorganen."

Experten berichten weiters davon, dass die Kleinen sich durchschnittlich siebenmal einem Erwachsenen zuwenden, um von den Übergriffen zu erzählen oder Fragen dazu zu stellen. Das tun sie allerdings auf ihre kindliche Weise, für Große oft unverständlich und rätselhaft. "Man muss hier seinem Bauchgefühl vertrauen, falls ein Sprössling auf einmal ,seltsame Dinge’ erzählt oder sich gänzlich anders als sonst verhält. Dann auf jeden Fall professionelle Beratung hinzuziehen", so Mag. Kautsch. "Grundsätzlich ist es aber jedem erlaubt, zu beobachten oder genauer nachzufragen, wenn ihm etwas auffällt. Es gibt ja auch ganz andere Erklärungen, warum ein Kind sich verändert hat. Vielleicht lassen sich die Eltern scheiden oder es ist die Oma gestorben." Hier sind zusätzlich alle Berufsgruppen gefordert, die mit Kindern regelmäßig in Kontakt sind.

Auch die Ärzte müssen in dieses Thema miteinbezogen werden. In Österreich gibt es aber weder im Fachgebiet der Kinder- und Jugendheilkunde noch der Gynäkologie und Geburtshilfe einen gesetzlich festgelegten Bereich für Kinder und Jugend. Die Standards dieses Fachgebietes werden alllerdings derzeit überarbeitet, denn hier ist eine gezielte Schulung nötig. Sollten nämlich körperliche Untersuchungen nach Übergriffen notwendig werden, dürfen diese keine weitere Belastung darstellen.

Doz. Schuchter: "Ziel ist eine engmaschige Kooperation von Kinder- und Jugendärzten, Gynäkologen, Allgemeinmedizinern, Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen, Kinder- und Jugenschutzeinrichtungen sowie Behörden." Diese sollen durch das PIKÖ -Netzwerk verbunden werden.

Hier finden Betroffene Hilfe: In jedem Bundesland gibt es mindestens ein Kinderschutzzentrum, an das sich Betroffene wenden können. Weitere Infos finden Sie unter: www.oe-kinderschutzzentren.at. In Wien und Niederösterreich bietet auch "die möwe" konkrete Unterstützung und professionelle Hilfe bei körperlichen, seelischen und sexuellen Gewalterfahrungen. Info: www.diemoewe.at

Dr. Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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