Di, 21. November 2017

„Krone“-Interview

01.11.2017 17:00

Gianna Nannini: „Meine Tochter lehrte mich Geduld“

Dass die italienische Rock-Röhre Gianna Nannini letztes Jahr ihren 60er gefeiert hat, änderte nichts an ihrer musikalischen Spreng- und politischen Aussagekraft. Auf ihrem neuen Album "Amore Gigante" besingt sie die verschiedensten Facetten der Liebe, ohne aber auf die schwierige Lage in der Welt zu vergessen. Gianna bat uns in Mailand zum Gespräch und erzählte bereitwillig über ihre schönen Erinnerungen an Österreich, warum sie niemals angepasst sein wird und wie ihre siebenjährige Tochter Penelope ihr Leben umkrempelte.

"Krone": Gianna, dieser Tage hast du dein neues Studioalbum "Amore Gigante" veröffentlicht. Wofür oder für wen empfindest du denn große Liebe?
Gianna Nannini: Die große Liebe lässt sich nicht festhalten, man kann sie mit vielen Dingen auf dieser Welt verbinden. Eine große Liebe kennt kein Maß, und in der heutigen Welt ist es umso wichtiger, Liebe zu geben, großzügig und dankbar zu sein. Grenzen zerstören Liebe und deshalb sollten wir über sie hinausdenken.

Fühlst du dich als Künstlerin dazu verpflichtet, in Zeiten wie diesen die Botschaft der Liebe zu verbreiten?
"Amore Gigante" ist ein guter Slogan, um die Botschaft der Liebe über all die heutigen Umstände hinweg zu verbreiten und auch den Ansatz zu Diskussionen zu geben. Man muss heute mehr denn je ein großes Herz haben und es zeigen, um gegen Verrohung anzukämpfen. Gegenseitiger Respekt wird immer wichtiger und es ist unumstößlich, dafür einzustehen.

Du warst schon immer eine sehr politische Person. Man erinnere sich an den Song "America" aus dem Jahr 1979, wo du über Masturbation sangst und man die Freiheitsstatue mit einem Vibrator in der Hand am Cover sehen konnte. Wie siehst du die politische Lage der Welt heute?
"America" war ein Song, der noch immer sehr zeitgemäß ist, denn das Thema hat sich leider nicht abgefahren. Wir haben damals den Zweiten Weltkrieg verloren und mussten mit vielen Unsicherheiten kämpfen. Einerseits kulturell, andererseits politisch, weil sich in Italien und weltweit viel änderte. Die Politiker selbst sind nur Marionetten, die wirklich wichtigen Macher stehen längst dahinter.

Macht dich die aktuelle Lage der Welt wütender? Entstehen dadurch aggressivere Songs?
Ich versuche eine möglichst breite Palette an Themen abzudecken. Liebe, Beziehungen, Menschen und ihr Verhalten. Die Menschen werden immer besitzergreifender und das Verhalten untereinander ändert sich vehement - leider nicht zum Besseren.

Wie hast du dich selbst über die letzten etwa zehn Jahre verändert?
Ich bin ruhiger geworden, weil ich heute mehr Geduld habe. Ich bin vor knapp sieben Jahren Mutter geworden und da blieb mir gar nichts anderes übrig, als mehr Geduld zu zeigen. (lacht) Ich muss heute Märchen erzählen und schlafe dabei oft selbst ein. Manchmal schaffe ich es aber nicht, die Kleine mit dem Vorlesen zum Einschlafen zu bringen. Ich schleiche dann auf Zehenspitzen raus zur Tür, gebe extra viel Acht - und noch bevor ich um die Ecke bin, höre ich schon wieder: "Mama, ich kann dich hören." (lacht) Es ist nicht immer einfach mit Penelope.

Hört sie auch schon deine Musik bzw. singst du ihr vor?
Sie liebt gute Musik. Als ich 2011 das Album "Io E Te" schrieb, hatte ich viele Streicher darauf und Penelope hörte es schon in meinem Bauch. Meine Singstimme kennt sie schon seit der Zeit vor ihrer Geburt. Ich sang ihr immer sehr gerne Schlaflieder vor, aber heute ist es ihr lieber, wenn ich einfach ein paar Geschichten vorlese.

Du hast "Amore Gigante" in London und Los Angeles aufgenommen. Was ist der Unterschied zwischen diesen Städten und etwa Rom oder Mailand?
In Italien gibt es keine so guten Produzenten wie Alan Moulder und Will Malone. Zumindest nicht für meine Musik. Es gibt hier gute Techniker, aber für mein Level hat das nicht gereicht. Ein in Italien erzeugter Sound kann durchaus international klingen, aber auf der sicheren Seite bist du, wenn du die Grenzen übertrittst. Wir haben unsere Sprache in ein anderes Land mitgenommen. Unlängst war ich in Deutschland bei der Show mit Nena. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit der eigenen Sprache weltweit Erfolg haben kann, ohne die Wurzeln zu verleugnen. Früher war die europäische Musik für die ganze Welt konzipiert - wenn du heute nicht auf Englisch singst, hast du aber kaum mehr Chancen. Ich kann das aber nicht, denn es ist nicht meine Heimatsprache, man hört den Akzent und es wirkt nicht professionell. Alan und Will wissen, wie man meine Stimme und die Sprache so einsetzt, dass es trotzdem international klingt. Man braucht eine Rockstimme, um sich durchsetzen zu können.

Viele der Songs auf dem neuen Album sind wieder sehr hymnisch geraten. Wie wichtig ist dir die richtige Atmosphäre eines Albums?
Extrem wichtig. Ohne Enthusiasmus des Publikums gibt es keinen Erfolg und ohne Erfolg kann ich die Songs nicht zu den Menschen tragen. Es ist wichtig, Emotionen zu teilen - am besten ist es immer noch, wenn das in beide Richtungen gut funktioniert.

Der Song "Tutta Mia" beispielsweise ist extrem Blues-basiert. Ist dieser Song ein Zeichen dafür, dass du auch mit 61 noch die wilde Seite von dir zeigen willst?
Jeder Song von mir hat eine gewisse Nähe zum Blues. Meine Stimme passt perfekt zu diesem Sound und dort habe ich meine musikalische Identität gefunden. Viele Musiker in Italien versuchen das amerikanische Klischee zu imitieren, ich denke aber, es ist entscheidend, seine eigene Note nach vor zu stellen. Die Arrangements müssen passen, aber eine bloße Kopie braucht niemand.

Was ist die Magie eines guten Songs? Wann spürst du, dass er fertig ist und passt?
Wenn er fertig ist, dann musst du eine Verbindung zwischen dir und der Musik spüren können. Das Lied muss dir etwas bedeuten, du musst ein Labyrinth betreten, in dem du fokussiert daran arbeitest.

Auf dem Album gibt es auch viele epische Streichersequenzen. Wolltest du diese epischen Teile mit der puren Unverfälschtheit des bluesigen Rock verbinden?
Diese Analyse trifft es eigentlich ziemlich gut auf den Punkt. Die Vision zeigt mir, dass Musik und Atmosphäre verbunden sein sollen. Jeder Song ist ein kleiner Film, das hat mir schon Conny Plank beigebracht. Es ist ein sehr europäischer Weg, über Musik zu denken. Man muss immer eine weitergehende Vision haben.

Hast du heute immer noch so eine rebellische Seele wie in deinen wildesten Zeiten?
Wenn ich Lust darauf habe, dann schnalze ich schon mal jemandem ein "Fuck" entgegen. (lacht) Ich will nicht gewalttätig wirken, bin ganz klar Pazifistin, aber niemand hat mir zu sagen, was ich zu tun habe. Wenn mir jemand meine Freiheit oder Unabhängigkeit nehmen möchte, dann kann ich immer noch ungemütlich werden.

Merkst du eigentlich auch Unterschiede zwischen deinem Publikum in unterschiedlichen Ländern?
Das deutsche Publikum ist sehr loyal und wichtig für mich. Die Österreicher scheinen sich mit italienischer Musik besonders gut verbinden zu können, was vielleicht auch an einer ähnlich gelagerten Mentalität liegt. Mozart war ein großartiger Künstler und dieses Erbe tragen wohl alle ein bisschen in sich. Die Oper verbindet die unterschiedlichen Länder, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg war sie führend in einer vereinenden Funktion.

Wäre es für dich interessant, dich auf Klassisches Terrain zu wagen? Etwa Songs in diesem Stil zu komponieren?
Das wäre verdammt schwierig. (lacht) Mozart war ein Genie, so etwas kann man nicht kopieren. Bei ihm waren Temperament und Atmosphäre wichtiger als das fertige Lied selbst.

Zu dem großen Überthema Liebe passt auch ganz gut deine Liebe zu Wien…
Ich liebe diese Stadt. Ich war schon oft beim Donauinselfest und spielte viele Einzelkonzerte. Ich habe dann immer den Ultravox-Song "Vienna" in meinem Kopf herumgeistern. Ich muss ihn dann immer mitsingen. (lacht) Ich weiß nicht, warum genau dieser Song aus dieser Dekade die Stadt für mich so gut widerspiegelt, aber er passt einfach perfekt. Es gab auch einen hervorragenden Schwarz/Weiß-Film über Wien zu einer Zeit, als die europäische Musik weltweit immer wichtiger wurde. Mir fällt nur der Titel gerade nicht ein.

Diesen Juni hast du beim Donauinselfest mit vielen anderen Musikern ein Falco-Tribute gespielt. War er für dich als Musikerin eine wichtige Person oder Inspirationsquelle?
Ich habe ihn leider nie getroffen, hätte aber sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet. In unserem Umkreis haben wir mit denselben Menschen Projekte entwickelt und ich habe mit Wien sehr viele gute Freundschaften und Verbindungen als Erinnerung. Das Tribute-Konzert für euren größten Popstar diesen Juni war auch für mich sehr emotional, denn seine Songs bestehen für die Ewigkeit.

Vor mehr als 30 Jahren hast du bei der OMV-Raffinerie in Schwechat das Video zu deinem vielleicht größten Hit "Bello E Impossibile" gedreht…
Ja, das werde ich auch nie vergessen. (lacht) Das war eine gute Idee oder? Gaddafi war damals ein populärer Name, also haben wir uns für ein Umfeld mit Petroleum entschieden. (lacht)

Wirst du mit "Amore Gigante" 2018 wieder live nach Österreich kommen?
Ich hoffe schon, aber noch ist nichts spruchreif.

Du hast anfangs davon gesprochen, dass du durch die Geburt deiner Tochter an Geduld gewonnen hast. Hast du heute auch mehr Geduld beim Songwriting?
Man kann die Kreativität nicht erzwingen, das ist unmöglich. Man kann versuchen, sich zum Songwriting zu zwingen und je mehr du schreibst, umso mehr Möglichkeiten hast du, dass etwas Brauchbares dabei rauskommt. Aber es muss immer ein natürlicher Fluss gegeben sein.

Fällt es dir nach so vielen Jahren und so vielen Alben manchmal auch schwer, neue Ideen zu entwickeln?
Ich habe durch meine Tochter wesentlich weniger Zeit als früher. Manchmal muss ein Song in fünf Minuten entstehen. Ich bin derzeit so schnell wie nie zuvor mit dem Songwriting, das musste ich so lernen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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